Die Warnung von Lothar Wieler warnt eindeutig: „Wir stehen vielleicht an einem Wendepunkt der Corona-Pandemie“, sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) am Freitag in Berlin – es wäre eine Wende noch einmal zum Schlechteren: Die britische Virus-Mutation B.1.1.7 breitet sich derzeit in Deutschland rasant aus, schon jetzt liegt ihr Anteil bei 20 Prozent aller Neuinfektionen. Und seit Donnerstag steigen die Zahlen der Neuinfektionen erstmals wieder leicht an – Deutschland steht vor einer „Dritten Welle“ der Corona-Pandemie. Die gute Nachricht: Der BionTech-Impfstoff wirkt auch gegen die Südafrika-Mutation – und es sind Studien an Schwangeren und Jugendlichen gestartet.

RKI-Präsident Lothar Wieler am Freitag bei der Pressekonferenz in Berlin. - Foto: gik
RKI-Präsident Lothar Wieler am Freitag bei der Pressekonferenz in Berlin. – Foto: gik

„Das Virus gibt nicht einfach auf“, das sehen wir dieser Tage sehr klar“, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Freitag vor der Bundespressekonferenz in Berlin. Zwar seien zuletzt die Infektionszahlen zuletzt stetig gesunken, gerade in dieser Woche gebe es aber einen steigenden Anteil „besorgniserregender Mutationen“, sagte Spahn weiter. Das Alarmzeichen für Experten und Politik: Die Zahl der Neuinfektionen sank Ende dieser Woche erst einmal nicht mehr weiter. „Wir sehen eine Seitwärtsbewegung“, sagte Spahn, „das mahnt zur Vorsicht.“

Möglicher Wendepunkt: Infektionen stagnieren

„Wir stehen möglicherweise erneut an einem Wendepunkt“ warnte denn auch RKI-Präsident Lothar Wieler, „der rückläufige Trend der vergangenen Wochen setzt sich offenbar nicht mehr fort.“ Die bundesweiten Fallzahlen „scheinen zu stagnieren“, betonte Wieler, die Sieben-Tages-Inzidenz sinke nur noch minimal, in einigen Regionen wie Thüringen steige sie sogar wieder. Auch in Mainz war die Sieben-Tages-Inzidenz am Dienstag erstmals seit Monaten unter die Marke von 30 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gefallen, und zwar auf 27 – am Mittwoch stieg die Inzidenz wieder ganz leicht auf 28 an, am Donnerstag waren es dann 29. Das bedeutet: Der Rückgang der Fallzahlen ist gestoppt, die Zahl der Neuinfektionen stagniert. Im Landkreis Mainz-Bingen war ebenfalls am Dienstag mit einer Inzidenz von 24 der niedrigste Punkt erreicht, am Freitag stieg sie wieder auf 30.

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Einkaufstreiben am Brand in Mainz, das wird es so schnell wohl nicht geben. - Foto: gik
Einkaufstreiben am Brand in Mainz, das wird es so schnell wohl nicht geben. – Foto: gik

„Es sieht im Moment so aus, als steuerten viele Bundesländer auf ein Plateau zu, aber das Plateau ist immer noch zu hoch“, warnte Wieler deshalb, und leider würden auch immer noch pro Tag mehrere Hundert Todesfälle gemeldet. „Warum bekommen wir das Infektionsgeschehen nicht besser in den Griff, obwohl wir doch wissen, wie wir uns schützen müssen“, fragte Wieler rhetorisch: „Wir wissen doch, dass wir uns hauptsächlich in Innenräumen anstecken“, vor allem wenn kein Abstand gehalten werde, „wenn wir nicht genug lüften oder keine Masken tragen.“

Virus-Mutationen breiten sich massiv aus

Die Frage sei nun, ob bei der Stagnation schon die Virus-Mutationen eine Rolle spielten, „das wissen wir nicht genau“, räumte Wieler ein. Was die Experten aber wüssten sei: die in Großbritannien zuerst entdeckte Virus-Mutation B.1.1.7 verbreite sich derzeit stark in Deutschland, „B.1.1.7 ist noch ansteckender, und wahrscheinlich noch gefährlicher“, betonte Wieler: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Bekämpfung der Pandemie dadurch schwieriger wird.“

Unterschiede in den Ansteckungsraten der verschiedenen Coronavirus-Mutationen, grafisch dargestellt von ZDF Heute.
Unterschiede in den Ansteckungsraten der verschiedenen Coronavirus-Mutationen, grafisch dargestellt von ZDF Heute.

Kurz vor Weihnachten war in Großbritannien eine Mutation des Coronavirus Sars-CoV-2 entdeckt worden, die sich seither in rasantem Tempo über ganz Europa verbreitet. B.1.1.7 werde in absehbarer Zeit die bisher üblich „Wildvariante“ verdrängen, sagen Virologen, das Problem dabei: B.1.1.7 gilt als bis zu 50 Prozent ansteckender und damit als gefährlicher. „Wenn sich mehr Menschen anstecken, erkranken auch mehr Menschen schwer“, warnte Wieler, und fügte hinzu: „Ich erwarte in den kommenden Wochen mehr Ausbrüche unter jüngeren Menschen – es werden mehr junge Erwachsene, Jugendliche und auch Kinder erkranken.“

Am Mittwoch hatte das RKI erstmals einen ausführlicheren Bericht über die Verbreitung der neuen Virus-Mutationen in Deutschland vorgelegt, danach wurden in der letzten Januarwoche insgesamt 1.452 Fälle mit Verdacht auf die britische Virusmutation B.1.1.7 in Deutschland registriert, in der ersten Februarwoche 2.686 und in der vergangenen Woche bereit 6.993 Fälle. Damit stieg der Anteil der britischen Virusmutation an allen Coronainfektionen binnen zwei Wochen von 5,6 Prozent auf über 22 Prozent. Jede fünfte Neuinfektion sei bereits eine mit B.1.1.7, betonte Spahn.

Das Coronavirus schlägt derzeit zurück: Statt sich vom Hof jagen zu lassen, breiten sich neue Varianten aus. - Foto: MCV/Sascha Kopp
Das Coronavirus schlägt derzeit zurück: Statt sich vom Hof jagen zu lassen, breiten sich neue Varianten aus. – Foto: MCV/Sascha Kopp

Doch die britische Mutation ist nicht die einzige Variante, die sich in Deutschland ausbreitet: Ebenfalls im Dezember 2020 wurde erstmals über eine weitere SARS-CoV-2 Variante berichtet, die vermehrt in Südafrika auftrat, sie wird mit B.1.351 bezeichnet. Von B.1.351 wurden inzwischen 650 Fälle in Deutschland entdeckt, die meisten in Nordrhein-Westfalen (128), Bayern (93), Baden-Württemberg und Thüringen (je 47). Und schließlich zirkuliert mittlerweile eine dritte Virus-Mutation bei uns, die aus dem brasilianischen Bundesstaat Amazonas stammt und mit P.1 bezeichnet wird, hiervon gibt es bislang aber nur 18 Verdachtsfälle. In Rheinland-Pfalz wurden nach Angaben des RKI bisher 274 Verdachtsfälle auf B.1.1.7 entdeckt und 19 Infektionen mit der britischen Mutation nachgewiesen, bei der südafrikanischen Variante B.1.351 gibt es bislang 6 Verdachtsfälle.

Wieler: Eindringlicher Appell zu Abstand, Hygiene und Masken

Das RKI fordert in seinem Bericht, die Zahl der zur Entdeckung der Mutationen notwendigen Sequenzierung müsse dringend gesteigert, und die Ergebnisse verpflichtend an die Gesundheitsämter übermittelt werden, „um ein repräsentatives Bild der zirkulierenden Virusvarianten, aber auch der einzelnen Mutationen zu erheben und neue Varianten sowie Mutationen und regionale Ausbreitung frühzeitig detektieren zu können.“ Den ganzen Bericht des RKI zu den Virusmutationen findet Ihr hier im Internet.

„Wir müssen uns aber nicht entmutigen lassen“, betonte Wieler derweil, denn die Schutzmaßnahmen wie Abstand, Hygiene und Masken „wirken auch gegen die neuen Virusvarianten, deshalb ist es wichtig, dass sie weiter konsequent umgesetzt werden.“ Der RKI-Chef mahnte deshalb eindringlich, die persönlichen Kontakte nur auf das unbedingt Nötigste zu beschränken, und wenn dann nur dieselben Menschen und die möglichst im Freien zu treffen. „Wenn es eng wird, tragen wir Masken, und die bitte über Mund UND Nase“, mahnte Wieler weiter. Bei Verdacht auf eine Atemwegserkrankung gelte, zuhause bleiben, Arztpraxis anrufen und sich testen lassen, „die Testkapazitäten sind da“, unterstrich er. Man solle zudem nicht verreisen, wenn es nicht unbedingt nötig sei.

BionTech-Impfstoff wirkt auch gegen Südafrika-Mutante

Schnelle Impfungen gegen das Coronavirus werden  immer wichtiger: Die Mutationen kommen. - Foto: BionTech
Schnelle Impfungen gegen das Coronavirus werden immer wichtiger: Die Mutationen kommen. – Foto: BionTech

Derweil kommt zumindest aus Mainz eine weitere gute Nachricht: Der Impfstoff von Biontech wirkt nicht nur gegen die britische Virusmutation, sondern auch gegen die aggressive Variante aus Südafrika: Bei Untersuchungen hätten alle Blutseren die südafrikanische Variante wirksam neutralisiert, die Neutralisierungsrate sei allerdings reduziert gewesen, teilte BionTech am Mittwoch mit – um wieviel, sagte BionTech nicht. Die Ergebnisse der an der University of Texas Medical Branch durchgeführten Untersuchung wurden in der Fachzeitschrift „The New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.

BionTech teilte weiter mit, man untersuche derzeit auch die Wirksamkeit des mRNA-Impfstoffs auf die brasilianische Variante und führe Gespräche mit den zuständigen Behörden, um schnell reagieren zu können, sollte ein Virusstamm identifiziert werden, der durch den bisherigen Impfstoff nicht mehr ausreichend adressiert werde. BionTech und Pfizer stünden dann bereit, einen angepassten mRNA-Impfstoff zu entwickeln, man gehe davon aus, dass die Flexibilität der BioNTech-Impfstoffplattform eine solche Anpassung ermögliche.

Studie zu Impfstoff an Schwangeren gestartet

Der BionTech-Impfstoff wird nun auch an Schwangeren getestet. - Foto: BionTech
Der BionTech-Impfstoff wird nun auch an Schwangeren getestet. – Foto: BionTech

Am Donnerstag startete Biontech zudem eine globale klinische Studie zur Untersuchung des COVID-19-Impfstoffs in schwangeren Frauen. Dabei sollen rund 4.000 gesunde, schwangere Frauen in den USA, Kanada, Argentinien, Brasilien, Chile, Mosambik, Südafrika, dem Vereinigten Königreich und Spanien mit dem mRNA-Impfstoff geimpft werden, um die Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit des COVID-19-Impfstoffs bei Schwangeren zu untersuchen. „Schwangere Frauen haben ein erhöhtes Risiko für Komplikationen und für einen schweren COVID-19-Verlauf“, sagte Pfizer-Vizepräsident William Gruber. Es sei daher „sehr wichtig, dass wir einen sicheren und effektiven COVID-19-Impfstoff für diese Bevölkerungsgruppe entwickeln.“ Den Freiwilligen, die an dieser Studie teilnähmen „sind wir daher zutiefst dankbar“, fügte Gruber hinzu.

Vor Beginn der Erprobung an Schwangeren habe es eine eigene Studie zu möglichen Entwicklungsschädigungen und Reproduktionstoxizität bei Schwangeren gegeben, die positiv ausgefallen sei, betonten BionTech und Pfizer zudem. Ähnliche Voruntersuchungen liefen bereits in Bezug auf Kinder: Schon jetzt werde in einer Phase-3-Studie „die Sicherheit und Wirksamkeit in Personen zwischen 12 bis 15 Jahren untersucht“, hieß es weiter, zusätzliche Studien in Kindern zwischen 5 und 11 Jahren erwarte man in den nächsten Monaten – auch Studien an Kindern unter 5 Jahren sollen noch in diesem Jahr folgen.

Masken, Abstand und Hygieneregeln werden uns wohl noch eine ganze Weile begleiten. - Foto: Starkapp
Masken, Abstand und Hygieneregeln werden uns wohl noch eine ganze Weile begleiten. – Foto: Starkapp

„Alle Impfstoffe sind sicher und wirksam und schützen vor einer Covid-19 Erkrankung“, betonte Wieler ausdrücklich – wer könne, solle sich deshalb unbedingt impfen lassen. „Das Virus hat einen Boost erhalten und macht große Sprünge“, sagte der RKI-Chef weiter, Lockerungen des Shutdown würden „genau das jetzt weiter befeuern: Dann stehen wir in ein paar Wochen genau an dem Punkt, wo wir Weihnachten waren.“ Ein Ende des Lockdowns rückt deshalb nun wieder in weitere Ferne – am 3. März wollen sich Bund und Länder erneut treffen, um über die weitere Entwicklung zu beraten.

„Unser Verhalten, uns an die Regeln zu halten, ist das wichtigste und mächtigste Mittel, um uns zu schützen“, mahnte Wieler, daran müssten sich nun „alle Halten“ – Politik, Entscheidungsträger und jeder einzelne. „Jedes Mal“, fügte Wieler hinzu, „wenn wir das Virus aktiv bremsen, kommen wir ein Stück weiter.“

Info& auf Mainz&: Den ganzen Bericht des Robert-Koch-Instituts über die Virus-Mutationen findet Ihr hier im Internet, mehr zu dem Biontech-Impfstoff und seiner Wirksamkeit könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen, mehr zu den Corona-Mutationen und die Sequenzierung gibt es hier.

 

 

1 KOMMENTAR

  1. Bei der derzeit (noch) geringen Inzidenz müssten sich die Verbreiter doch finden oder zumindest eingrenzen lassen. Wer sind die Verbreiter? Welche Erkenntnisse gibt es? Gibt es Schwerpunkte? Warum gelagt nichts an die Öffentlichkeit? Warum wird der Hebel nicht an diesen Infektionsquellen angesetzt?

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