Der Abriss des alten Gutenberg-Museums in Mainz läuft auf Hochtouren, und dabei kommen so manche verborgenen Schätze zutage. Am Dienstag nun wurde ein besonders spannendes Stück Zeitgeschichte gelüftet: Die Zeitkapsel von 1961, die bei der Grundsteinlegung des Schellbaus in dem Gebäude vermauert wurde. Es wurde ein wahrer Krimi, der am Ende doch noch ein Happy End hatte. Der Schellbau soll nun endgültig nach Fastnacht abgerissen werden.

Der alte Schellbau des Gutenberg-Museums aus dem Jahr 1962 am letzten Tag seiner Öffnung im Oktober 2024. - Foto: gik
Der alte Schellbau des Gutenberg-Museums aus dem Jahr 1962 am letzten Tag seiner Öffnung im Oktober 2024. – Foto: gik

Es war das Jahr 1961, als sich das immer noch vom zweiten Weltkrieg gezeichnete Mainz für eine 2000-Jahrfeier in 1962 rüstete, die eigentlich frei erfunden war: Das eigentliche Datum wäre erst 1987 gewesen. Machte aber nichts, das erfundene Stadtjubiläum wurde zum große PR-Coup für den damaligen Mainzer Oberbürgermeister Franz Stein (SPD) – und zu einem wahren Wirtschaftsbooster für das immer noch zerstörte Mainz.

Die Idee, „die prestige-trächtige Zweitausendjahrfeier bewusst dazu zu nutzen, um nach den schwierigen Nachkriegsjahren nun endlich den Anschluss an andere deutsche Städte zu schaffen“, gelang hervorragend auch Dank der zahlreichen Neubauten und Verschönerungen der Stadt – vom Jubiläumsbrunnen und der Aufstellung antiker römischer Denkmäler auf dem Ernst-Ludwig-Platz bis hin zum neuen „Jubiläums-Stadtteil“ Mainz-Lerchenberg.

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Die Suche nach der Zetikapsel des Gutenberg Museums von 1961

Eines der wichtigen Bauprojekte und Image-Booster war zweifellos das neue Gutenberg-Museum, und dafür wurde am 18. März 1961 der Grundstein gelegt, Anwesend dabei natürlich OB Franz Stein, dazu aber auch zahlreiche hochrangige Vertreter des Bundestags, des Landtags, staatlicher und kommunaler Behörden, der Kirchen, Wissenschaft und Wirtschaft. Es war der Startschuss für den „Schellbau“, der aber 60 Jahre später völlig marode sein Ende findet: Ende 2024 schloss der alte Museumsbau seine Türen, seit 2025 wird abgerissen, um Platz für einen Neubau am gleichen Standort zu schaffen.

Der alte Grundstein des Schellbaus mit der Gravur der Jahreszahl 1961. - Foto: Stadt Mainz
Der alte Grundstein des Schellbaus mit der Gravur der Jahreszahl 1961. – Foto: Stadt Mainz

Am Dienstag wurde nun an die erste Grundsteinlegung für das Gutenberg-Museum erinnert, und dabei kam es zu einem wahren Krimi: Gesucht wurde nämlich die „Zeitkapsel“ von 1961, in der damals Erinnerungen an die Zeit dem Schellbau mitgegeben wurde – nur: welche?  Die Spannung im Vorfeld war groß, die Befürchtungen waren es auch: Am Montag wurde noch gemunkelt, die Zeitkapsel sei gar leer und enthalte – nichts.

Als größeres Problem entpuppte sich am Dienstag allerdings das schlicht Auffinden des schwarzen Zylinders: Die sollte nämlich eigentlich in einer Wand in der alten Druckerwerkstatt des Gutenberg-Museums im Untergeschoss liegen, und zwar hinter einem besonderen Stein, der mit der Jahreszahl 1961 graviert war. Nur: Dort war die Zeitkapsel nicht. „Gestern Abend bekam ich die Botschaft: Wir finden die Zeitkapsel nicht“, berichtete Bau- und Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD) am Abend im SWR-Fernsehen – die Not war groß.

Urkunde verneigt sich vor Johannes Gutenberg – und der Stadt selbst

Des Rätsels Lösung: Die Kapsel hatte sich im Mauerwerk weiterbewegt, am Ende wurde sie doch noch gefunden – und konnte bei einem Pressetermin von Oberbürgermeister Nino Haase (parteilos) persönlich geöffnet werden. Der Inhalt war knapp gehalten: Weder eine Flasche Wein, noch Zeugnisse von Zeitungen oder Stadtgeschichte fand sich in dem etwas zerbeulten Zylinder, sondern lediglich eine Urkunde.

Die Urkunde aus der Zeitkapsel des alten Schellbaus des Gutenberg-Museums von 1961. - Foto: Stadt Mainz
Die Urkunde aus der Zeitkapsel des alten Schellbaus des Gutenberg-Museums von 1961. – Foto: Stadt Mainz

Die allerdings war ganz im Stil der Zeit Gutenbergs gestaltet und trägt zahlreiche Unterschriften, von OB Stein angefangen, über die damals fünf Beigeordneten der Stadt Mainz bis hin zu den Fraktionsvorsitzenden der Parteien im Mainzer Stadtrat – damals ganze drei an der Zahl. Auch der Architekt des Neubaus, Rainer Schell, hat sich auf der Urkunde mit seiner Unterschrift verewigt, ebenso der damalig Präsident der Johannes-Gutenberg-Universität und der Direktor des künftigen Museums.

Ganz unten auf der Urkunde: Unterschriften der Präsidiumsmitglieder der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft, dazu noch der Vorsitzende des Aktionsausschusses für den Wiederaufbau des Gutenberg-Museums zu Mainz – ein wahres Zeitdokument eben. Das erinnert daran, dass das erste Gutenberg-Museum bereits im Jahr 1900 gegründet, „und seit 1925 ständig ausgebaut wurde“ – bis der Zweite Weltkrieg die neuen Gebäude noch während der Bauphase „in Schutt und Trümmern legte, das wertvolle Museumsgut aber unbeschädigt ließ.“

Neubau für 5 Millionen DM, „Ehrenpflicht“ gegenüber Gutenberg

„Um dem Gutenberg-Museum ein neues und würdiges Heim zu geben, in dem es sich zum Weltmuseum der Druckkunst entwickeln kann, hat der Mainzer Stadtrat die Errichtung dieses Neubaus beschlossen, und dafür die Summe von fünf Millionen DM bewilligt“, heißt es auf der Urkunde weiter. Bis zur Grundsteinlegung hatte der Aktionsausschuss für den Wiederaufbau bereits 700.000 D-Mark an Spenden gesammelt, auch das vermerkt die Urkunde. Der Bau des neuen Museums aber sei „eine Ehrenpflicht“ gegenüber dem größten Sohn der Stadt Mainz: Johannes Gensfleisch zum Gutenberg.

Ende gut, alles gut: OB Nino Haase (2. von links) präsentiert die Urkunde, Museumsdirektor Ulf Sölter hilft dabei. Dezernentin Marianne Grosse hält die Zeitkapsel. - Foto: Stadt Mainz
Ende gut, alles gut: OB Nino Haase (2. von links) präsentiert die Urkunde, Museumsdirektor Ulf Sölter hilft dabei. Dezernentin Marianne Grosse hält die Zeitkapsel. – Foto: Stadt Mainz

Und der Schriftsatz verneigt sich natürlich explizit vor dem Erfinder und seiner Innovation, die eine wahre Medienrevolution auslöste: „Als dieser Grundstein gelegt wurde, waren seit der Geburt Gutenbergs rund 560 Jahre“ vergangen, heißt es da, „seit seiner ihm in seiner Vaterstadt geglückten Erfindung der Buchdruckerkunst 515 Jahre, seit der Vollendung seiner meisterhaften 42-zeiligen Bibel 506 Jahre, seit seinem in Mainz am 03.Februar 1468 erfolgten Tode 493 Jahre.“

Mit der Öffnung der Zeitkapsel würdigten nun OB Haase und Dezernentin Grosse die damalige Grundsteinlegung – es war Grosses letzter Termin im Amt, die Sozialdemokratin wird am Mittwoch im Mainzer Stadtrat verabschiedet. Der Abbruch des Schellbaus soll nun nach Fastnacht auch oberirdisch sichtbar: Der Schellbau und der alte Verbindungsbau seien inzwischen vollständig entkernt, eine Schadstoffsanierung durchgeführt worden, informierte die Stadt. Der Verbindungsbau zwischen dem Schellbau und dem historischen Gebäudeteil „Römischer Kaiser“ sei bereits abgerissen.

Info& auf Mainz&: Eine ausführliche Bilanz zur Amtszeit von Baudezernentin Marianne Grosse findet Ihr hier auf Mainz&. Mehr dazu, wie das neue Gutenberg-Museum aussehen soll, könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen:

Wie wird das künftige Gutenberg Museum aussehen? – Stadt Mainz lädt zur Bürgerinfo und stellt Ausstellungskonzept vor