Es war ein Überraschungsfund im November 2020: Bei Bauarbeiten in der Mainzer Altstadt machten Archäologen an der Rheinstraße, Nähe Lauterenstraße, eine besondere Entdeckung. In einer Mauer aus dem Mittelalter fanden die Forscher nichts weniger als 18 jüdische Grabsteine. Von wem die alten Grabdenkmäler stammten, wissen die Forscher noch nicht. Fest steht aber: Sie stammen aus dem Mittelalter vor 1438 und damit aus der Zeit der Schum-Städte, jener Epoche, als Mainz, Worms und Speyer zu den Hochburgen des Judentums in Europa gehörten.

Kulturminister Konrad Wolf (SPD, vorne rechts) präsentierte gemeinsam mit Landesarchäologin Marion Witteyer (hinter ihm) die 18 jüdischen Grabsteine. - Foto: Piel
Kulturminister Konrad Wolf (SPD, vorne rechts) präsentierte gemeinsam mit Landesarchäologin Marion Witteyer (hinter ihm) die 18 jüdischen Grabsteine. – Foto: Piel

Den Fund präsentierten nun Mainzer Kulturministerium und Landearchäologie just zum Auftakt des Jubiläumsjahres 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Juden lebten wohl schon zur Römerzeit in den Städten entlang des Rheins, doch verbrieft sind ihre Gemeinden hier nun seit genau 1700 Jahren: Es war 321, als Kaiser Konstantin ein Dekret erließ, welches die Berufung von Juden in Ämter der Stadtverwaltung und der Kurie erlaubte. Das Dekret findet sich heute in Köln, dem antiken Colonia, doch erlassen wurde es für alle Provinzhauptstädte – man darf wohl zu Recht annehmen, dass auch in Mainz damals schon Juden lebten.

Denn wenige hundert Jahre später gehörte Mainz zu den Zentren der jüdischen Gelehrsamkeit und besaß eine der großen blühenden jüdischen Gemeinden am Rhein – gemeinsam mit Speyer und Worms bildete das jüdische Magenza die Trias der sogenannten SchUM-Städte. Der Verbund dieser drei Gemeinden wurde weit über Europa hinaus bekannt, hier gab es berühmte Talmudschulen, in denen das moderne aschkenasische Judentum maßgeblich mit definiert wurde. In Mainz lehrten berühmte Rabbiner wie Gershom ben Jehuda oder der legendäre Kalonymos ben Meschullah, der während des großen Pogroms im Jahr 1096 lebte und starb.

- Werbung -
Werben auf Mainz&

18 jüdische Grabsteine aus der Zeit vor 1438

Die nun gefunden Grabsteine sind erneut Zeugnisse aus jener Zeit: Auf dem Grundstück an der Rheinstraße, Höhe Lauterenviertel, “hatten wir wenig Fundmaterial erwartet”, berichtete Landesarchäologin Marion Witteyer, “wir hatten die Grabung fast abgeschlossen – da war ein Stück Mauer zu sehen.” Der Mauerrest aber hatte es in sich, in ihm verbaut: große Steine, besonders zugehauen. Den Archäologen wurde schnell klar: Das hier war etwas Besonderes. Von Hand musste die Mauer demontiert werden, Stück um Stück kamen dabei wertvolle Zeugnisse zutage: 18 Grabsteine unterschiedlicher Größe, beschriftet mit hebräischen Buchstaben.

Ansicht der Stadt Mainz von Merian aus dem Jahr 1633, vorne am Rhein ist deutlich die vorspringende Bastionsmauer zum Rhein zu sehen. - Quelle: Landesarchäologie, Foto: gik
Ansicht der Stadt Mainz von Merian aus dem Jahr 1633, vorne am Rhein ist deutlich die vorspringende Bastionsmauer zum Rhein zu sehen. – Quelle: Landesarchäologie, Foto: gik

Die Mauer entpuppte sich wiederum als eine alte Bekannte, erwähnt in der Stadtgeschichte von Mainz: “Die Mauer war Teil der Befestigung der Stadt zum Rhein, darauf standen Kräne oder auch Geschütze”, berichtet Witteyer. Auf alten Stichen, Stadtansichten von Mainz, ist die Mauer gut zu sehen, auf einem berühmten Stich von Merian aus dem Jahr 1633 werden Kanonen auf der Mauer abgebildet. Witteyer ist sich sicher: Genau die vorspringenden Eckbefestigungen des Merianschen Stichs haben die Archäologen nun gefunden. Gebaut wurde die Mauer wohl Anfang des 15. Jahrhunderts, spätestens wohl zwischen 1421 und 1527, aus letzterem Jahr fand sich ein Stein mit Inschrift in der Mauer.

Alter jüdischer Friedhof wurde nach 1438 geschändet

Damit aber war für die Expertin klar: “Wir sind dicht an der Zeit des schlimmen Pogroms von 1438.” Pogrome gegen die jüdische Gemeinde waren auch in Mainz leider keine Seltenheit: nach dem verheerenden Übergriff der Kreuzfahrer auf die jüdische Gemeinde 1096 folgten weitere Pogrome wie das von 1349 im Zuge der Pestpandemie, schließlich dann Mitte des 15. Jahrhunderts die vollständige Vertreibung der Juden aus Mainz.

Der Alte jüdische Friedhof in Mainz am Judensand mit Jahrhunderte alten Grabsteinen. - Foto: gik
Der Alte jüdische Friedhof in Mainz am Judensand mit Jahrhunderte alten Grabsteinen. – Foto: gik

1438 ordnete der Stadtrat den Auszug der Juden aus Mainz an, bis zum 25. Juli mussten sie die Stadt verlassen haben. Ihre Synagoge wurde zum Kohlenlager entweiht, der Alte Friedhof am Judensand aber wurde geschändet – seine Grabsteine wurden vielfach als Baumaterial missbraucht. So fanden offenbar auch die 18 jetzt gefundenen Grabsteine ihren Weg in die Rheinuferbefestigung: “Wir gehen davon aus, dass diese Mauer im 15. Jahrhundert erbaut wurde und die Steine vom Judensand dorthin geschleppt wurden”, sagte Witteyer.

Dazu passt auch, dass bereits beim Bau der Ludwigsbahn, der ersten Eisenbahn in Mainz, im Jahr 1859 wenige Meter weiter ebenfalls bei der Ausgrabung einer Mauer rund 100 jüdische Grabsteine gefunden worden waren – 80 von ihnen stehen heute auf dem Denkmalfriedhof oberhalb des Alten Friedhofs am Judensand. Dass die nun gefundenen Grabsteine aus dem Mittelalter datieren, steht für die Archäologin fest – aber an wen genau die alten Grabmale erinnern, das ist bislang unklar. Man suche derzeit einen Experten, der die Grabsteine lesen könne, sagte Witteyer: “Wir hoffen, dass berühmte Persönlichkeiten der Schumzeit dabei sind.”

Zeugnisse der hohen Blüte des Judentums in Mainz

Die gefundenen jüdischen Grabsteine harren nun ihrer Entzifferung und näheren Erforschung. - Foto: gik
Die gefundenen jüdischen Grabsteine harren nun ihrer Entzifferung und näheren Erforschung. – Foto: gik

Der Name Kalonymos konnte jedenfalls schon auf einem der Steine entziffert werden, zu welchem Mitglied der weit verzweigten Familie der Grabstein aber gehört, ist noch völlig unklar. “Es gibt noch eine ganze Menge zu forschen”, freut sich Witteyer, “spannende Dinge erwarten uns da noch.”

“Diese Steine zeugen von einer langen Geschichte, sie sind Zeugen von hoher kultureller und gesellschaftlicher Blüte”, sagte der rheinland-pfälzische Kulturminister Konrad Wolf (SPD) – es sei großartig, so einen Fund just zum Start des Jubiläumsjahres präsentieren zu können. “Wir werden nun gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde besprechen, wie wir mit den Funden umgehen und wo sie künftig am besten untergebracht und gezeigt werden”, sagte Wolf weiter. Das Land wolle ihre Geschichte aufarbeiten und sie einer breiten Öffentlichkeit präsentieren.

Das gilt umso mehr, als Rheinland-Pfalz noch in diesem Jahr auf eine große Entscheidung hofft: Vor genau einem Jahr reichte das Land bei der Unesco den Antrag auf Anerkennung der Schum-Städte als Weltkulturerbe der Menschheit ein. Die Entscheidung, sagte Wolf noch, könnte in diesem Sommer fallen.

Info& auf Mainz&: Mehr zum Alten jüdischen Friedhof von Mainz am Judensand könnt Ihr hier nachlesen – dort steht auch der älteste datierbare jüdische Grabstein Europas. Mehr zum Festjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland findet Ihr hier im Internet.

Edit&: Wir hatten zunächst von einem Grundstück in der “Rheinstraße, Ecke Lauterenstraße” geschrieben, weil die Archäologen das genau so benannt haben, haben das jetzt aber korrigiert – Rheinstraße und Lauterenstraße verlaufen in der Tat parallel zueinander… Gemeint war wohl die Rheinstraße in Höhe des Lauterenviertels.

1 KOMMENTAR

  1. Wer aus Mainz ist, sich in Mainz auskennt oder auszukennen vorgibt, weiß, dass es ein Grundstück Rheinstraße, Ecke Lauterenstraße nicht gibt. Wo soll diese Ecke sein? Die Lauterenstraße hat auf fast 400 m Länge vom Fischtorplatz bis zum Malakoff-Komplex keine einzige gemeinsame Ecke mit der Rheinstraße. Kennt sich Frau Witteyer in Mainz doch nicht so aus? Wer sich in Straßennamen irrt, irrt sich auch in anderen Dingen.

HINTERLASSEN SIE EINEN KOMMENTAR

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein