Paris hat seinen Arc de Triomphe, es ist das wohl berühmteste Beispiel eines Ehren- oder Siegesbogens, doch auch das römische Mainz kannte solche Bögen. Einer davon ist bis heute erhalten, und Ihr könnt sogar hindurchspazieren: Wer von der Großen Bleiche durch den Park auf dem Ernst-Ludwig-Platz in Richtung Christuskirche spaziert, kommt genau am Dativius-Victor-Bogen vorbei. Er gehört zu den bedeutendsten wiederaufgebauten römischen Monumenten in Deutschland, und erzählt eine Geschichte von Krieg und Völkerwanderung, Vertreibung und Schutzsuche – gestiftet von einem Frankfurter… Der Römische Adventskalender von Mainz&, Türchen 2.

Eine originalgetreue Kopie des Dativius-Victor-Bogens steht heute am Durchgang vom Ernst-Ludwig-Platz in Richtung Christuskirche. - Foto: Kamée on Wikipedia
Eine originalgetreue Kopie des Dativius-Victor-Bogens steht heute am Durchgang vom Ernst-Ludwig-Platz in Richtung Christuskirche. – Foto: Kamée on Wikipedia

Es war so um die Mitte des 3. Jahrhunderts nach Christus, und das Römische Reich war in Bedrängnis: Die rechtsrheinischen Limesgebiete wurden durch Germanen bedroht, die Alamannen verwüsteten ab dem Jahr 233 immer wieder Orte wie Dieburg oder Seligenstadt. Immer stärker drückten die Völker aus dem Osten gegen die Bollwerke der Römer – die Vorboten der großen Völkerwanderung im 3. und 4. Jahrhundert. Um 260 wird gar der Limeswall überrannt, die Gebiete rechts des Rheins sind den Germanen Preis gegeben – die römischen Bürger und romanisierten Germanen flüchten, ganze Orte werden evakuiert.

Noch aber steht links des Rheins die Festung der Römer mit dem großen Römerlager  sicher und standhaft auf der Anhöhe oberhalb der Provinzhauptstadt von Mogontiacum, eine Zuflucht für alle, deren Existenz und Leben bedroht sind. Und so flüchtete sich auch ein gewisser Dativius Victor mit seiner Familie in das sichere Mogontiacum, ein Ratsherr aus Nida – heute Frankfurt-Heddernheim – und ein bedeutender Mann.

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Wer war Dativius Victor? Ratsherr, Provinzpriester – und Flüchtling

Denn Dativius Victor war nicht nur ein Decurio, also ein offizieller städtischer Vertreter der Civitas der Taunenser (Nida), sondern auch ein ehemaliger Provinzpriester. Und so groß war seine Dankbarkeit über die Rettung, dass er den Bürgern von Mogontiacum versprach, eine Säulenhalle samt Ehrenbogen zu stiften – seine Söhne und Erben Victorius Ursus, ein Polizist, und Victorius Lupus vollendeten das Werk.

Dativius-Victor-Bogen, Rekonstruktion der Fundstücke. Vereinfachte Umzeichung nach Frenz 1981 - Quelle Hannibal 21 via Wikipedia
Dativius-Victor-Bogen, Rekonstruktion der Fundstücke. Vereinfachte Umzeichung nach Frenz 1981 – Quelle Hannibal 21 via Wikipedia

Die antike Säulenhalle befand sich wohl einst in der Nähe des Römischen Legionslagers auf dem Kästrich, in jener Vorstadt, den Canabae, in dem eine bunte Mischung aus Handwerkern und Familienmitgliedern der römischen Soldaten lebte. Die Geschichte des Dativius Victor aber ließen seine Söhne in eben jenen Ehrenbogen ritzen, den die Mainzer heute deswegen als Dativius-Victor-Bogen kennen – ein imposantes, 6,50 Meter hohes und 4,55 Meter breites Monument, das vermutlich einmal in der Nähe des heutigen Fichteplatzes in der Oberstadt stand.

Gefunden wurde der Ehrenbogen in Einzelteilen, verbaut in der spätantiken Stadtmauer auf dem Kästrich. 43 Steinquader wurden bei Bauarbeiten zwischen 1898 bis 1911 ausgegraben und zusammengetragen. Experten schätzen, dass der Bogen einmal aus insgesamt 75 Quadern bestand, 1906 gelang bereits eine erste Rekonstruktion. Das große Puzzle des Ehrenbogens wurde in den Jahren 1978 bis 1980/81 rekonstruiert, weiß das Internetlexikon Wikipedia, das eine ausführliche Geschichte des antiken Denkmals berichtet.

 

Reliefs von Jupiter und Juno, Stierkreiszeichen und ein Priester

Der rekonstruierte Bogen mit den Originalsteinen ist heute im Mainzer Landesmuseum zu sehen, und schmückt weiterhin die Steinhalle – eine Kopie von Abgüssen aber wurde im Jahr 1962 auf dem Ernst Ludwig-Platz aufgestellt, ganz in der Nähe des Kurfürstlichen Schlosses, das damals Sitz des Römisch-Germanischen Zentralmuseums war. Angedeutet auf der Kopie sind die Verzierungen und Reliefs des Originals, so thronen auch hier an der Spitze des Bogens der römische Göttervater Jupiter mit seiner Frau Juno.

Der rekonstruierte Dativius-Victor-Bogen in der Steinhalle des Mainzer Landesmuseums. - Foto: gik
Der rekonstruierte Dativius-Victor-Bogen in der Steinhalle des Mainzer Landesmuseums. – Foto: gik

Nur noch zu erahnen sind auf der Kopie die Reliefs eines Tierkreiszeichens mit Fischen, Skorpion und Schütze, die Inschrift des Stifters selbst ist blass auf dem oberen Fries zu sehen. Ziemlich deutlich aber haben die Kopierer ein wichtiges Detail nachgebildet: Auf der linken Seite des Bogens ist ein in eine Toga gehüllter Priester zu sehen – die Experten vermuten: Hier wurde niemand anderes als Dativius Victor bei der Ausübung seines Priesteramtes dargestellt. Diese Darstellung mache den Bogen „in den germanischen Provinzen einzigartig“, heißt es bei Wikipedia.

Neben dem Dativius-Victor-Bogen gibt es indes ein weiteres Steindenkmal, das einen solchen Rückzug eines Ratsherren der civitas Taunensium nach Mainz belegen könnte, schreibt Wikipedia weiter: Der Nidenser duumvir Licinius Tugnatius Publius ließ 242 nach Christus auf seinem Grundstück eine Jupitersäule wieder aufrichten – das Grundstück lag im heutigen Mainz-Kastel, damals ein Brückenkopf der Römer auf der rechten Rheinseite.

Und was es mit dem Jahr 1962 auf sich hatte, warum in jenem Jahr eine Kopie des Dativius-Victor-Bogen auf dem Ernst-Ludwig-Platz aufgestellt wurde – das erzählen wir Euch morgen im 3. Türchen des Römischen Adventskalenders.

Info& auf Mainz&: Mehr zum Römischen Adventskalender lest Ihr hier auf Mainz&: Im ersten Türchen haben wir Euch die Hintergründe erklärt. Dieser Adventskalender entsteht übrigens in Kooperation mit dem Verein „Rettet das Römische Mainz“, der Mainz& mit Informationen und Fotos unterstützt. Und wer Mainz& und damit unabhängigen, professionellen Journalismus in Mainz unterstützen will, kann das gerne tun: mit unserem Solidar-Abo helft Ihr mit, Mainz& zu finanzieren und sichert Euch gleichzeitig den Mainz&-Newsletter – dann verpasst Ihr keinen neuen Artikel mehr! Wie es geht, hier klicken: