Kannten die Römer bereits einen Knecht Rupprecht, der Geschenke bringt, aber die Unartigen mit der Rute straft? Nun, zumindest wissen wir, dass der Dezember auch bei den Römern einst ein Monat voller Feste war: Am 17. Dezember begannen die Saturnalien, zur Wintersonnenwende wurde die Geburt des Sonnengottes Mithras gefeiert – und im mitteldeutschen Raum gab es den Legenden nach einen Knecht der Frau Holle, der Verkörperung von „Mutter Erde“. Wie passend, dass das moderne Römische Mainz einen „Knecht Rupprecht“ hat, einen „Erdflüsterer“, der das antike Mogontiacum ausgrub. Unser Mainz&-Adventskalender-Türchen Nummer 6 zum Nikolaustag.

Er machte Sensationsfunde sichtbar und brachte den Mainzern ihre römische Geschichte zurück: Gerd Rupprecht, bis 2012 Landesarchäologe in Mainz – und der Mann, der das antike Moguntiacum wieder zum Leben erweckte. „Es gibt eine Zeit vor, und eine nach 1980“, sagte einmal Christian Vahl, Vorsitzender des Vereins „Rettet das Römische Mainz“ über Gerd Rupprecht: „Davor konnte man durch Mainz wandeln, einen Römerfund davon tragen, und sagen: Nö, interessiert uns nicht.“ Rupprecht änderte das.
1980 wurde Rupprecht, der in Frankfurt provinzialrömische Archäologie studiert hatte und unter anderem in Bonn und Xanten grub, Archäologe in Mainz, es wurde der Beginn einer schier unglaublichen Entdeckungsreise. Der erste Coup: Die Entdeckung und Bergung der Römerschiffe beim Neubau des Cityflügels des Mainzer Hiltons. Man erzählt sich, der junge Archäologe habe unter einem der Bagger geschlafen, um die Ausgrabungsgrube zu bewachen – und eine Zerstörung des Sensationsfundes zu verhindern.
„Erdflüsterer“ mit magischem sechsten Sinn für antike Funde
Das antike Mogontiacum und seine Wiederentdeckung wurden zu Rupprechts Lebensaufgabe. Der Archäologe studierte alte Quellen und entwarf in akribischer Arbeit einen Stadtplan der antiken Provinzhauptstadt am Rhein, samt Legionslager auf dem Kästrich. Rupprecht weckte den Drususstein auf der Zitadelle ebenso aus dem Dornröschenschlaf wie die Römersteine der antiken Wasserleitung, die von Finthen über das Zahlbachtal bis auf den Kästrich reichte. Er machte aus ein paar unscheinbaren Mauern eine spannende Geschichte und brachte den Mainzer zum Bewusstsein, was da alles in ihrem Boden schlummerte.

„Ich bin immer unterwegs gewesen, um mit der Erde zu sprechen“, sagte Rupprecht einmal in einem Interview mit Mainz&, und die Erde sprach mit ihm: Der „Erdflüsterer“ hatte einen geradezu magischen sechsten Sinn für die antiken Funde im Mainzer Erdboden. Mal kroch Rupprecht in eine alte römische Fußbodenheizung unter einer Kirche, mal entdeckte er die Reste einer antiken Villa Rustica im Gonsbachtal – samt mehrfarbiger Mosaikfußböden – oder grub das antike Stadttor aus. Vor allem aber war es seine hartnäckige Aufklärungsarbeit und seine unnachahmliche Art, die Funde aus dem Erdreich zu deuten und zum Leben zu erwecken, die die Begeisterung der Mainzer für das antike Erbe weckte.
Das zeigte sich so richtig im Jahr 1997: Im verwilderten Hang oberhalb des Mainzer Südbahnhofs grub Rupprecht ein Loch – auf der Spur einer Sensation. In alten Schriften des Mainzer Archäologen Ernst Neeb aus dem Jahr 1914 hatte Rupprecht Hinweise gefunden, dass hier im Hang das alte Bühnentheater der Römer liegen müsste – und wieder einmal war Gefahr im Verzug: Die Deutsche Bahn plante einen zweiten Eisenbahntunnel nach Mainz – genau durch diesen Hang.
Größtes Römisches Bühnentheater nördlich der Alpen
Was Rupprecht fand war nichts Geringeres als das größte römische Bühnentheater, das jemals nördlich der Alpen gefunden wurde: 42 Meter breit erhob sich einst die stolze Bühnenrückwand, die Sitzreihen reichten bis hinauf zum Giebel der heutigen Lutherkirche und boten wohl 10.000 Menschen Platz auf den weiten Rängen. Hier wurden Tragödien und Komödien gegeben, fanden Sängerspiele statt – und die Festspiele zu Ehren des in Mainz verstorbenen Feldherrn Drusus, dessen Ehrengrabmal nur wenige Meter entfernt auf der heutigen Zitadelle steht.

Das Theater musste aus dem Boden geholt werden, fand Rupprecht, und weil mal wieder das Geld fehlte, griff Rupprecht zu einem bis dahin unerhörten Kniff: Der Archäologe rief – und Tausende Freiwillige kamen, um beim Ausgraben der fast 2000 Jahre alten Mauern zu helfen. Dass die Mainzer heute mit Staunen und Freude auf die Überreste eines antiken Theaters schauen, haben sie genau ihm zu verdanken. 2013 rief Rupprecht gar „die Mauer muss weg!“, und schwang eigenhändig den Vorschlaghammer, um die Sichtschutzmauer zwischen dem Bahnsteig des damaligen Südbahnhofs und dem antiken Römischen Bühnentheater einzureißen.
Heute können Reisende einen Blick von Bahnhof „Römisches Theater“ in die Vergangenheit werfen – auch das ist typisch für den modernen Rupprecht: Sein Ziel war es immer, antike Funde ins Bewusstsein zu holen und den Menschen zugänglich zu machen, nicht sie in Depots verschwinden zu lassen. „Archäologie und unsere Geschichte sind zum Anfassen da, und nicht nur für den Elfenbeinturm, das habe ich von Dir gelernt“, sagte einmal Thomas Metz, ehemaliger Direktor der Generaldirektion Kulturelles Erbe (GEDKE) in Rheinland-Pfalz an Rupprechts 80. Geburtstag.
Antike erlebbar machen, den „alten Schrott“ zum Sprechen bringen
.Die Denkmäler seien ja „nicht irgendwelcher Schrott“, sondern durch Ausgrabungen gewonnene „wertvolle Informationen über unser aller Erbe“, betonte Rupprecht noch im Mai dieses Jahres. Da legte der inzwischen 81-Jährige mal eben ein inhaltliches Konzept der Römischen Mainz vor. Der Grundgedanke der Interaktion zwischen Römern und einheimischer Bevölkerung sei das herausragende Merkmal des Römischen Mainz, erläuterte Rupprecht, die enge Verschmelzung von Legionslager und ziviler Provinzhauptstadt das Besondere.

In Mainz könne man auf herausragende Art und Weise studieren, wie das Alltagsleben in einer Provinz des Römischen Reiches aussah. „500 Jahre römisches Mainz stehen für Siedlungsformen und Bauweisen, für Kleidung und Tracht, für Brauchtum, Kult und Religion“, skizziert Rupprecht. Es ist diese Fähigkeit, mit wenigen Sätzen das Leben von Kaufleuten und Handwerkern, von Legionären und Generälen vor den Augen erstehen zu lassen, die Rupprecht zum Wiederentdecker des Römischen Mainz machten.
Im Jahr 2000 stellte sich Rupprecht mal wieder einer Baggerschaufel in den Weg: beim Bau der heutigen Römerpassage fand er das Isis und Magna Mater-Heiligtum, und musste erneut die Zerstörung einer antiken Sensation in Mainz verhindern. Die Rettung gelang nach hartem Ringen, der Isistempel gehört heute zu den wertvollsten römischen Denkmälern Deutschlands. Die Präsentation mit Musik, Geschichten und Sternenhimmel wurde von Rupprecht selbst konzipiert. 2025 hob er den Verein „Rettet das Römische Mainz“ mit aus der Taufe, erst kürzlich machte er den Vorschlag, der Bahnhof „Römisches Mainz“ könne zum Eingangstor für ein historisches Freilichtmuseum werden.
Knecht Rupprecht der Archäologie, Diener der Frau Holle
Der „Knecht Rupprecht“ der Archäologie hat den Mainzern wahrlich reiche Geschenke gebracht, die Figur selbst soll übrigens auf eine nord- und westdeutsche Figur zurückgehen, ein „rauer Knecht“, der oft in dunkler Kleidung daherkommt und die Unartigen mit der Rute straft. Der Märchensammler und Geschichtsforscher Jacob Grimm, so heißt es bei Wikipedia, vertrat die Ansicht, „Ruprecht“ verweise auf das althochdeutsche „hruodperaht“, das „Ruhmglänzender“ bedeutet, und damit in die Nähe des germanischen Gottes Wotan.

Oder aber er sei Diener (Knecht) der Göttin Holle gewesen – die mythische Gestalt der Frau Holle aber war von alters her die große Göttin, die „Mutter Erde“. Kein Wunder, dass ihr „Knecht“ gerade in Mainz und gerade mit einem Heiligtum der Muttergottheiten so großen Erfolg hatte… Im Mittelrheintal gab es zudem den „Pelznickel“, eine in Pelzen gehüllte, finstere Figur, die von drauß‘ vom Walde kam, einen Sack mit guten Gaben auf dem Rücken und einer Rute in der Hand – und das Kommen des Christkinds ankündigte.
Im antiken Mogontiacum jedenfalls wurde am 25. Dezember der Geburtstag des ursprünglich aus Persien stammenden Sonnengottes Mithras gefeiert, dem Bezwinger des Lichts, der nach der längsten Nacht des Jahres, der Wintersonnenwende, das Licht zurückbringt. Als „Sol Invictus“ war Mithras besonders bei Legionären sehr beliebt – aber das ist eine andere Geschichte, die wir Euch demnächst im Römischen Adventskalender erzählen.
Info& auf Mainz&: Einen ausführlichen Rückblick auf das Leben und Wirken von Gerd Rupprecht könnt Ihr hier in unserem Artikel von 2024 zum 80. Geburtstag des „Erdflüsterer“ lesen. Dieser Adventskalender entsteht in Kooperation mit dem Verein „Rettet das Römische Mainz“, der Mainz& mit Informationen und Fotos unterstützt. Gerd Rupprecht gehört zu den Gründungsmitgliedern dieses Vereins.








