Lange rühmte sich Mainz, die „dynamischste Stadt Deutschlands“ zu sein, nun folgt der Absturz: Beim neuen IW-Regionalranking stürzt die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt vom 1. Platz tief in den Keller – auf Platz 398. Bei der Stadt Mainz beeilt man sich zu betonen, man gehöre immer noch zu den wirtschaftsstärksten Standorten, dort liegt Mainz noch auf Platz 14. Doch die Macher der IW-Studie warnen: Mainz leide „unter dem schwindenden Erfolg von BioNTech“ – die Zahlen wurden erhoben, noch bevor das Mainzer Pharmaunternehmen seinen Kahlschlag mit dem Abbau von bis zu 1.860 Arbeitsplätzen und verkündete. Die Entscheidung sorgt weiter für Ärger.

Rote Mainz-Fahnen am Höfchen: Wie gut steht Mainz noch da? - Foto: gik
Rote Mainz-Fahnen am Höfchen: Wie gut steht Mainz noch da? – Foto: gik

Alle zwei Jahre untersucht die IW Consult, eine Tochter des Instituts der deutschen Wirtschaft, welche Regionen in Deutschland besonders lebenswert sind, einen guten Arbeitsmarkt und eine stabile Wirtschaftsstruktur haben. Untersucht werden jeweils 400 Landkreise und kreisfreie Städte, für Mainz brachte das in den vergangenen Jahren viele gute Nachrichten: Gleich zwei Mal in vier Jahren landete Mainz bei der Wirtschaftsdynamik auf Platz 1, beim Ranking der stärksten Regionen insgesamt lag man nur knapp hinter dem Spitzenreiter, dem Landkreis München.

Was die Politik in Mainz schon damals nicht hören wollte: Die Macher wiesen stets darauf hin, dass es vor allem und nahezu ausschließlich einen Grund für die guten Platzierungen gab – den Erfolg des Pharmaunternehmens BioNTech mit seinem Impfstoff-Coup während der Corona-Pandemie. „Der ‚BioNTech-Effekt‘ ist ursächlich für den Sprung nach vorn“, konstatierten die Wirtschafts-Analysten 2024, und mahnten auch: Mainz müsse „die Jahrhundertchance BioNTech“ nutzen, um die Weichen für weitere günstige Unternehmensentwicklungen in der Stadt zu stellen – die Frage ist: ist das gelungen?

- Werbung -
Werben auf Mainz&
Werbung

 

Mainz stürzt ab: Bei der Dynamik jetzt Schlusslicht

Denn vor wenigen Tagen stellte IW-Consult das neue Regionalranking vor – und da stürzte Mainz regelrecht ab: Im Ranking der dynamischsten Wirtschaftsregionen stürzte die Landeshauptstadt von Platz 1 auf Platz 398, das ist der drittletzte Platz. An Erklärung liefern die IW-Pressetexte nicht viel, zum Absturz heißt es lediglich, Mainz leide „unter dem schwindenden Erfolg von BioNTech.“ Das aber heißt offenbar in der Analyse: Die Wirtschaftsdynamik von Mainz hing praktisch allein an BioNTech – und fällt nun mit BioNTech auch wieder.

An der Goldgrube in Mainz ist die Dynamik futsch - BioNTech liefert (erst einmal) keinen Schub mehr. - Foto: gik
An der Goldgrube in Mainz ist die Dynamik futsch – BioNTech liefert (erst einmal) keinen Schub mehr. – Foto: gik

Die Berechnungen der Studie dürften zudem noch vor dem Paukenschlag von BioNTech entstanden sein: Am 5. Mai hatte das Mainzer Pharmaunternehmen im Rahmen der Vorstellung seiner Quartalszahlen quasi im Nebensatz den Ausstieg aus der Corona-Impfstoffproduktion – und damit die Streichung von bis zu 1.860 Arbeitsplätzen sowie die Schließung mehrerer Standorte angekündigt. Man müsse sein „Produktionsnetzwerk weiter adjustieren und dort konsolidieren, wo mit Überkapazitäten zu rechnen ist“, hieß es in der Quartalsbericht spröde.

Im Klartext: BioNTech steigt aus der Produktion der Covid-Impfstoffs in Deutschland aus und überlässt diese dem US-Partner Pfizer, nachdem die Erlöse aus dem Impfstoff massiv zurückgegangen sind. BioNTech verdiente vor allem mit dem Corona-Impfstoff Geld, während die Entwicklung neuartiger Krebsmedikamente weiter enorme Summen verschlingt. So nahm BioNTech im ersten Quartal 2026 nur noch rund 118 Millionen Euro ein (nach 182 Millionen Euro im ersten Quartal 2025), dafür stieg der Nettoverlust auf 531,9 Millionen Euro – und Jahr zuvor hatte er noch bei 415,8 Millionen Euro gelegen.

Werbung

 

BioNTech: Erst CureVac für eine Milliarde gekauft, jetzt gekillt

BioNTech hat deshalb einen rigorosen Sparkurs eingeleitet, und zum Entsetzen vieler die Schließung gleich mehrerer Standorte: Bis Ende 2027 trifft es die Standorte in Idar-Oberstein und Marburg, dazu macht das BioNTech-Management das gerade erst gekaufte Konkurrenz-Unternehmen CureVac in Tübingen dicht, wo allein rund 800 Jobs betroffen sind. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) reagierte fassungslos: Das treffe Tübingen „ins Mark“, das lange und reiche Erbe von Pioniergeist und wissenschaftlichem Mut dürfe „nicht einfach abgewickelt werden“, schimpfte Palmer auf Facebook: „Erst kaufen, dann killen – das geht so nicht!“

Das Tübinger Unternehmen CureVac war weit vorne bei der Entwicklung eines mRNA-Impfstoffs, und legte mit die Grundlagen für die Erfindung - doch das Rennen machte BioNTech. - Foto: BioNTech
Das Tübinger Unternehmen CureVac war weit vorne bei der Entwicklung eines mRNA-Impfstoffs, und legte mit die Grundlagen für die Erfindung – doch das Rennen machte BioNTech. – Foto: BioNTech

Palmer machte BioNTech schwere Vorwürfe: „Noch im Zuge der Übernahme wurde der Eindruck vermittelt, der Standort könne im Konzern eine wichtige Rolle spielen – nur wenige Monate später steht nun die vollständige Schließung im Raum“, schreibt Palmer, und argwöhnt: „Warum wird ein Unternehmen für rund eine Milliarde Euro übernommen – wenn kurz darauf alles aufgegeben werden soll, was den Wert ausmacht? Sollte einfach nur der Patentstreit erledigt werden, indem man den lästigen Wettbewerber eliminiert?“

Tatsächlich war CureVac der schärfste Konkurrent für BioNTech beim Rennen um den weltweit ersten mRNA-Impfstoff, die Tübinger Forscher reklamierten Pionierleistungen für die bahnbrechende Erfindung stets für sich – und klagten gegen BioNTech. Bevor der Rechtsstreit endgültig entschieden werden konnte, kaufte BioNTech CureVac – das hinterlässt nun einen üblen Nachgeschmack. Auch CureVac-Gründer Ingmar Hoerr wirft BioNTech nun Täuschung vor: „Ich finde es total unlauter. Das ist fast schon Trickserei“, schimpfte Hoerr gegenüber der Nachrichtenagentur, und klagte BioNTech habe wohl „schlicht die Patentstreitigkeiten mit CureVac umgehen“ wollen.

Verlassen Sahin und Türeci deshalb BioNTech?

Tatsächlich hat das einst so makellose Helden-Image des Mainzer Unternehmens tiefe Kratzer bekommen – und ein ganz neues Licht auf eine scheinbar so überraschende Entscheidung vom März geworfen: Da hatten die BioNTech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci scheinbar aus heiterem Himmel angekündigt, BioNTech verlassen und ein neues Unternehmen gründen zu wollen, das sich auf die Entwicklung von mRNA-Medikamenten konzentrieren will.

Kündigten den Ausstieg bei BioNTech an: Die Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci. - Fotos: BioNTech
Kündigten den Ausstieg bei BioNTech an: Die Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci. – Fotos: BioNTech

Man wolle „ein weiteres Mal als Pioniere neue Wege beschreiten“, kündigte Sahin an, nun stellt sich die Frage: Wollten die Gründer mit der neuen Entwicklung nach außen nicht mehr verbunden werden? Dabei bleiben Sahin und Türeci über ihre Aktienbeteiligungen Mit-Eigentümer von BioNTech, der Managementwechsel soll zudem erst bis Ende 2026 erfolgen – nun hagelt es Vorwürfe gegen die Gründer. „Wie sich das Ehepaar Sahin und Türeci demontiert“, kommentiert etwa die Süddeutsche Zeitung.

In Mainz hatte die Politik nach dem kometenhaften Aufstieg von BioNTech verkündet, man wolle den Erfolg für die Bildung eines neuen Pharma-Clusters nutzen, die großen Erfolge blieben dabei aber bisher aus: Mit den BioNTech-Einnahmen stieg und fiel der Haushalt der Stadt Mainz. Der Absturz beim Dynamik-Ranking zeigt: Bislang ist es eben nicht gelungen, daraus eine nachhaltige Wirtschaftsdynamik auf breiter Basis zu machen.

Werbung

Haase: Absturz „erwartbare Normalisierung nach Rekordjahren“

Bei der Stadt Mainz verweist man nun „auf die weiterhin außerordentlich starke wirtschaftliche Position des Standorts“ als Reaktion auf das neue Ranking: 2022 habe man im Niveau-Ranking noch auf Rang 153 gelegen, nun liege Mainz mit Rang 14 von 400 immer noch „auf einem Spitzenplatz.“ Die neuen Ergebnisse seien „eine erwartbare Normalisierung nach den außergewöhnlichen Rekordjahren“.

Der Mainzer OB Nino Haase (parteilos) sieht Mainz als Wirtschaftsstandort weiter gut aufgestellt. - Foto: gik
Der Mainzer OB Nino Haase (parteilos) sieht Mainz als Wirtschaftsstandort weiter gut aufgestellt. – Foto: gik

„Nach einer außergewöhnlichen Sonderentwicklung ist eine Normalisierung der Dynamik kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck eines inzwischen erreichten sehr hohen wirtschaftlichen Niveaus“, betont der Mainzer Oberbürgermeister Nino Haase (parteilos): Die Beschleunigung lasse zwar nach, aber die Geschwindigkeit bleibe hoch. „Mainz ist jetzt auf hohem Niveau angekommen und ein international sichtbarer Innovations- und Wirtschaftsstandort“, unterstrich Haase, „und wir arbeiten jeden Tag hart daran, dass das so bleibt.“

Erfolgreiche Regionen folgen „klaren Logiken“, konstatieren derweil die Macher der IW-Studie: „Erfolgreiche Regionen verknüpfen wirtschaftliche Entwicklung, wissenschaftliche Infrastruktur, Stadt- und Flächenentwicklung sowie institutionelle Rahmenbedingungen zu funktionalen Ökosystemen.“ Zu den Erfolgsfaktoren gehören demnach auch die Schaffung von günstigem Wohnraum – wie etwa in Würzburg -, niedrige Gewerbesteuern und eine lebendige Gründerszene.

Mainz sei ein starker Wirtschaftsstandort mit strukturellen Vorteilen wie „einer exzellenten Wissenschaftslandschaft, einem leistungsfähigen Arbeitsmarkt und einem hoch innovativen Life-Science-Ökosystem“, betont auch Wirtschaftsdezernentin Manuela Matz (CDU). Die Stadt investiere zudem „konsequent in neue Gewerbe- und Forschungsflächen, damit Mainz auch künftig wachsen kann.“ Zudem würden aktuell „weitere Zukunftsbranchen identifiziert, wo wir in den nächsten Jahren Schwerpunkte setzen wollen“, kündigte Matz an – in welche Richtung das geht sagte Matz nicht.

Info& auf Mainz&: Den IW-Regionenreport mit allen Rankings findet Ihr hier im Internet. Mehr zum Ausstieg der Formengründer Ugur Sahin und Özlem Türeci bei BioNTech könnt Ihr noch einmal hier bei Mainz& nachlesen.

BionTech Mainz: Firmengründer Sahin und Türeci verlassen Unternehmen – Neue Firma für mRNA-Innovationen geplant