Es war der 14. Juli 2021, als die Katastrophe ihren Lauf nimmt. Tage zuvor hat es geregnet, nahezu ununterbrochen – und das hat Folgen: Im engen, idyllischen Ahrtal baut sich ab dem Nachmittag des 14. Juli eine gigantische Flutwelle auf. Binnen neun Stunden wird sie im Ahrtal verheerende Verwüstungen anrichten und 136 Menschen in den Tod reißen. Kurz vor dem 5. Jahrestag der Flutkatastrophe rekonstruiert nun eine bewegende ZDF-Doku, was an dem „Tag im Juli“ geschah. Die Doku tut das weitgehend anhand von Zeugenaussagen – Betroffenen im Tal, Politiker des Untersuchungsausschusses im Landtag, und Mainz&-Chefin Gisela Kirschstein als journalistischer Expertin.

Udo und Frauke Kraatz in dem Film "Ein Tag im Juli", die Eltern verloren in der Flutnacht ihre Tochter, die Feuerwehrfrau Katharina Kraatz - und sprechen offen über ihr Leid, noch vier Jahre nach der Flut. - Film: Loopfilm/ZDF, Screenshot: gik
Udo und Frauke Kraatz in dem Film „Ein Tag im Juli“, die Eltern verloren in der Flutnacht ihre Tochter, die Feuerwehrfrau Katharina Kraatz – und sprechen offen über ihr Leid, noch vier Jahre nach der Flut. – Film: Loopfilm/ZDF, Screenshot: gik

„Jeder geht mit so einem Verlust anders um. Uns hat es eben aus der Bahn geschmissen.“ Es ist die Mutter von Katharina Kraatz, die diesen Satz sagt, und während sie das tut, sitzt ihr Mann neben ihr, weinend, gebrochen. Udo Kraatz ist ein Bär von einem Mann, ein Feuerwehrmann alter Schule, gestanden, erfahren. Und es ist gerade seine unendlich Verzweiflung, die das ganze Ausmaß dieser Flutkatastrophe greifbar macht: Das unendliche Leid. Der Verlust so vieler Menschen, die bei schnellem Handeln womöglich hätten gerettet werden können.

Wer diesen Film sieht, versteht: Das Drama der Flutkatastrophe ist noch lange nicht vorbei. In diesem Juli werden es fünf Jahre sein, dass eine bis zu zehn Meter hohe Flutwelle durch das Ahrtal tobte, Häuser, Brücken und Autos mit sich riss – und 136 Menschen. Von 135 Schicksalen ist der Tod bestätigt, ein Mensch bis heute vermisst – es ist nach der Sturmflut in Hamburg 1962 die Katastrophe mit den meisten Todesopfern in Deutschland seit dem zweiten Weltkrieg. Im Ahrtal starben mehr Menschen als beim ICE-Unglück von Eschede, mehr als bei der Flugshow in Ramstein, mehr als bei der Loveparade von 2010.

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Zweitgrößte Katastrophe Deutschlands nach der Elbflut in Hamburg

Und trotzdem hat sich in den fünf Jahren seit der Flut ein seltsames Schweigen über die Katastrophe gelegt, ein Schweigen, das von den bisher regierenden Politikern in Mainz ausgeht, die sich seither nach Kräften bemüht haben, möglichst wenig über die Ursachen für behördliches Versagen in der Flutnacht zu reden. Bis heute hat sich kein führender Landespolitiker von SPD oder Grünen – den maßgeblichen Zuständigen damals – für das Versagen des Staates in der Flutnacht entschuldigt. Bis heute gibt es keine Aufarbeitung vor Gericht – auch das thematisiert der Film.

Die Dokumentation "Ein Tag im Juli" dokumentiert den Tag der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 hautnah und eindringlich. - Film: Loopfilm/ZDF, Screenshot: gik
Die Dokumentation „Ein Tag im Juli“ dokumentiert den Tag der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 hautnah und eindringlich. – Film: Loopfilm/ZDF, Screenshot: gik

Zwei Monate vor dem fünften Jahrestag der Flutkatastrophe im Ahrtal rollt nun eine bemerkenswerte Dokumentation der Münchner Filmproduktionsfirma Loopfilm die Geschehnisse des 14. Juli 2021 wieder auf. Es ist ein Frühstart, der gleichwohl einem kommenden Mega-Event geschuldet ist: Beim ZDF hatte man offenbar Bedenken mit einer solchen Dokumentation während der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft keine Aufmerksamkeit zu finden. Wer den Film sieht, versteht warum.

„Ein Tag im Juli“ zeichnet mit großer Intensität die Ereignisse jenes schicksalhaften Tages im Juli nach, und zwar nahezu ausschließlich anhand von Aussagen von Betroffenen, Beobachtern und jenen, die die Katastrophe aufgearbeitet haben – die Politiker im Untersuchungsausschuss zur Flutkatastrophe im Ahrtal im Mainzer Landtag. Gefilmt wurde kurz vor dem 4. Jahrestag der Flutkatastrophe, im Juli 2025, im Ahrtal selbst, kommenden Dienstag wird die Doku nun zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.

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Augenzeugen aus dem Ahrtal, dramatische Videos, packende Berichte

Im Mittelpunkt stehen dabei Menschen aus dem Ahrtal, die Dramatisches erlebt haben: Da ist eben jene Familie Kraatz, deren Tochter Katharina auf dem Campingplatz Stahlhütte in Dorsel einer bettlägerigen Frau zur Seite stehen will, bis der Evakuierungs-Hubschrauber kommt – und die mit der Frau und ihrem Wohnwagen in den Tod gerissen wird. Da sind Inka und Ralf Orth, deren Tochter Johanna, die junge Konditorenmeisterin, um kurz nach Mitternacht in ihrer Wohnung im Erdgeschoss in Bad Neuenahr ertrank – wir haben ihre Geschichte ausführlich hier erzählt.

Mainz&-Chefin Gisela Kirschstein wurde als journalistische Expertin für die Flutkatastrophe im Ahrtal ausführlich interviewt, und kommt mehrfach mit Einschätzungen zu Wort. - Film: Loopfilm/ZDF, Screenshot: gik
Mainz&-Chefin Gisela Kirschstein wurde als journalistische Expertin für die Flutkatastrophe im Ahrtal ausführlich interviewt, und kommt mehrfach mit Einschätzungen zu Wort. – Film: Loopfilm/ZDF, Screenshot: gik

Da sind aber auch Schicksale, die man noch nicht so oft gehört hat: Die von dem Tischlermeister, dessen Haus in Dernau von den reißenden Fluten Stück für Stück aufgesaugt und ausgehöhlt wird – festgehalten in dramatischen Videos. Oder die Berichte von Tobias Michaels, des Rettungsfliegers von der Air Rescue Einheit der Johanniter, und des ADAC-Rettungsfliegers Stefan Goldmann, die Mainz&-Chefin Gisela Kirschstein in ihrem Buch „Flutkatastrophe Ahrtal – Chronik eines Staatsversagens“ die „wahren Helden der Flutnacht“ genannt hat.

Tatsächlich war genau dieses Buch eine der Grundlagen für die ZDF-Dokumentation – und auch die Autorin selbst kommt zu Wort: Sechs Stunden lang dauerte das Interview mit den Filmschaffenden, es waren intensive Stunden, und auch das spiegelt sich in dem Film. Gleich mehrfach hat Autor Oliver Halmburger Einschätzungen und Analysen dieser Autorin verwendet, um Geschehnisse zu beleuchten und einzuordnen.

Oliver Grieß, der samt seinem Haus von den Fluten weggerissen wird

Dazu dienen auch Interviews mit Dirk Herber, CDU-Obmann im Untersuchungsausschuss, dem Ausschuss-Vorsitzenden Martin Haller (SPD) sowie Stefan Wefelscheid, damals Obmann der Freien Wähler sowie einer der hartnäckigsten Aufklärer in dem Ausschuss. Für die wissenschaftliche Einordnung ist Thomas Roggenkamp zuständig, Geograph von der Uni Bonn und wichtiger Gutachter für den Untersuchungsausschuss sowie die Staatsanwaltschaft in Koblenz. Für die Winzerschaft im Ahrtal steht stellvertretend Peter Kriechel, dessen Weingut verwüstet wurde, der noch Hühner aus dem Garten rettete, und der später mit dem „Flutwein“ eine wichtige Hilfsaktion für die Winzer ins Leben rief.

Überflutung an der Ahr am frühen Abend des 14. Juli 2021, aufgenommen von Rettungsflieger Tobias Frischholz. - Screenshot: gik
Überflutung an der Ahr am frühen Abend des 14. Juli 2021, aufgenommen von Rettungsflieger Tobias Frischholz. – Screenshot: gik

Los geht es mit Tief „Bernd“ und Wetterwarnungen, die im Ahrtal kaum jemand in reale Vorstellung übersetzen konnte. Und mit den Geschehnissen auf dem Campingplatz Stahlhütte in Dorsel, hier starben die ersten sieben Menschen in den Fluten der Ahr – sechs Camper und Katharina Kraatz. Sie starben am Nachmittag, irgendwann zwischen 17.00 und 18.00 Uhr, Stunden bevor die Flut die unteren Orte an der Ahr erreichte. Und während der Landtag in Mainz noch über „Hochwasserschutz“ debattierte – und Umweltministerin Anne Spiegel (Grüne) eine Pressemitteilung mit dem Satz heraus gab: „Ein Extremhochwasser droht nicht.“

Immer wieder zeigt die Doku Original-Videoaufnahmen vom 14. Juli aus dem Ahrtal, Aufnahmen von Anwohnern, die von ihren Balkonen filmten, und die zeigen, wie früh man im Grunde nach von der sich anbahnenden Katastrophe wusste. Und man erlebt mit, wie Oliver Grieß in Insul die fatale Entscheidung fällt, sich gegen 19.00 Uhr samt Lebensgefährtin und Nachbarn auf dem Dachboden seines eigenen Hauses statt dem Nachbarhaus zu retten. Doch sein Haus war ein Fertighaus, und das hielt den Fluten nicht Stand – das Haus wird von den Fluten weggerissen, samt Menschen darin.

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Weigand in Altenahr, Tischlermeister Tetzlaff aus Dernau

Oliver Grieß wird samt einer ganzen Wand seines Hauses in die Ahr gespült, 15 Stunden lang harrt er auf einer Mini-Insel an einem Baum inmitten den tosenden Fluten der Ahr aus, bekleidet allein mit einem Morgenmantel – bis er am 15. Juli von einem Rettungshubschrauber geborgen wird. Seine Lebensgefährtin und Nachbarn überleben wie durch ein Wunder ebenfalls. Stück für Stück arbeitet sich der Film Ahr-abwärts vor, folgt dem Lauf der Fluten und dem Ablauf des Tages

Sebastian Tetzlaff in der Lücke zwischen den beiden Häusern in Dernau, die es ihm unmöglich machte, in der Flutnacht seiner Ex-Schweigermutter zu Hilfe zu kommen. - Video: Loopfim/ZDF, Screenshot: gik
Sebastian Tetzlaff in der Lücke zwischen den beiden Häusern in Dernau, die es ihm unmöglich machte, in der Flutnacht seiner Ex-Schweigermutter zu Hilfe zu kommen. – Video: Loopfim/ZDF, Screenshot: gik

Man steht mit Cornelia Weigand, damals Bürgermeisterin von Altenahr und heutige Landrätin (parteilos), auf dem Balkon des – bis heute unrenovierten – Rathauses und sieht die Ahr zu einem reißenden Strom werden. Und man erlebt hautnah mit Sebastian Tetzlaff, dem Tischlermeister in Dernau, mit, wie die braunen Fluten in seinem Haus ab 20.00 Uhr erst den Keller stürmen und dann Stufe für Stufe das Haus erklettern. Und wie er, auf dem Dachfirst seines Hauses sitzend, hilflos mit anhören muss, wie seine Ex-Schwiegermutter im Nachbarhaus ertrinkt – die Lücke zwischen den Häusern ist zu groß, Tetzlaff kann nicht helfen. „Jetzt müssen wir damit lebe“, sagt er, und man spürt: Das geht eigentlich gar nicht.

Es sind harte Szenen, zutiefst erschütternd, aber sie werden mit großer Sensibilität gezeigt – und wirken umso eindringlicher. Kommentare erspart sich der Film über weite Strecken, das macht die Erzählungen war dicht und nah, allerdings bleibt manch eine Information dabei auf der Strecke. Wie lange der Untersuchungsausschuss zur Flutkatastrophe im Mainzer Landtag tagte und was er zutage förderte etwa, auch die Hintergründe zu den Todesfällen in der Lebenshilfe in Sinzig, wo 12 Menschen in der Flutnacht im Erdgeschoss ertranken, bleiben unbeleuchtet.

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Hintergründe werden wenig beleuchtet, Politik ausgeblendet

Dass hier die Feuerwehr zwei Mal vor dem Haus stand, dass nur ein überforderter Pfleger vor Ort war – all das kommt in dem Film nicht zur Sprache. Die Rolle von Landrat Jürgen Pföhler (CDU) wird vergleichsweise ausführlich beleuchtet, doch die Rolle des SPD-Innenministers Roger Lewentz (SPD) kommt nur am Rande vor – dabei war der Innenminister der oberste Verantwortliche in jener Nacht.

Grab der jungen Feuerwehrfrau Katharina Kraatz, die am 14. Juli 2021 auf dem Campingplatz in Dorsel starb. - Video: Loopfim/ZDF, Screenshot: gik
Grab der jungen Feuerwehrfrau Katharina Kraatz, die am 14. Juli 2021 auf dem Campingplatz in Dorsel starb. – Video: Loopfim/ZDF, Screenshot: gik

Konsequenzen, wie das eingestellte Verfahren der Staatsanwaltschaft Koblenz gegen den Landrat, kommen vor, auch die nie erfolgte Entschuldigung ist Thema – doch diese politischen Folgen der Ahrflut bleiben seltsam anonym, sie werden namentlich keinen Personen zugeordnet, nicht Lewentz und nicht der damaligen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Die Einschätzung vom Versagen des Staates, der in der Flutnacht bei seiner vornehmste Aufgabe – dem Schutz des Lebens seiner Bürger – versagte, die aber kommt laut und vernehmlich vor.

Der Film konzentriert sich auf das Ringen der Menschen im Tal, mit der Katastrophe umzugehen, auf die Narben in den Seelen der Menschen – und vergisst auch die ungeheure Solidarität im Nachgang der Katastrophe nicht. Doch auch hier steht am Ende die Forderung: „Das ist das einzige, was die aktuelle Politik uns noch schuldig ist: Kernst daraus, und macht es in Zukunft besser“, sagt Winzer Peter Kriechel. Und fügt dann noch hinzu: „Und ich sehe es noch nicht, dass daraus gelernt ist.“

Es gibt viele Dokumentationen über die Flutkatastrophe im Ahrtal, doch Filmemacher Oliver Halmburger ist ein außergewöhnliches Stück gelungen: eindringlich, dicht und absolut erschütternd. Seine Premiere feiert „Ein Tag im Juli“ kommenden Dienstag, den 19. Mai 2026, zur Primetime um 20.15 Uhr im ZDF-Fernsehen. Zu sehen ist sie schon jetzt in der ZDF-Mediathek – bitte hier entlang.

Info& auf Mainz&: Die Dokumentation „Ein Tag im Juli“ wird am 19. Mai 2026 um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt. Mehr zur produzierenden Filmfirma Loopfilm von Oliver Halmburger findet Ihr hier im Internet. Die Recherchen von Mainz&-Chefin Gisela Kirschstein waren eine Grundlage für den Film – festgehalten in dem Buch „Flutkatastrophe im Ahrtal – Chronik eines Staatsversagens“. Das Buch ist im August 2023 im FAZ-Buchverlag erschienen, und in jedem Buchladen sowie hier beim Verlag direkt im Internet zu haben – übrigens auch als E-Book. Mehr über das Buch und seine Hintergründe lest Ihr hier auf Mainz&:

Buch „Flutkatastrophe Ahrtal – Chronik eines Staatsversagens“ arbeitet politisches Versagen in der Flutnacht auf