Der scharfe Lockdown wirkt inzwischen richtig gut, die Corona-Infektionszahlen befinden sich im Sinkflug – endlich geht es steil nach unten. In Mainz und dem Landkreis Mainz-Bingen sackten die Sieben-Tages-Inzidenzen am Dienstag sogar auf unter 30 Infektionen pro 100.000 Einwohner, so niedrig waren die Zahlen zuletzt im Spätsommer 2020. Das weckt Begehrlichkeiten: Der Hotel- und Gaststättenverband sowie der Handelsverband forderten, die Politik müsse nun umgehend Konzepte für die Öffnung von Geschäften, Restaurants und Hotels vorlegen – die Betriebe stünden mit dem Rücken zu Wand. Neueste Studien belegen aber: Die Infektionsgefahr gerade in Restaurants, Oberschulen und Büros ist hoch – geschlossene Schulen und mehr Homeoffice sorgen für sinkende Zahlen.

Leere Mainzer Innenstadt, der Corona-Lockdown wirkt. - Foto: gik
Leere Mainzer Innenstadt, der Corona-Lockdown wirkt. – Foto: gik

Am Montag hatte das Gesundheitsamt Mainz-Bingen bereits schon nur noch 14 Neuinfektionen in Mainz und 17 im Landkreis Mainz-Bingen gemeldet – und zwar für das gesamte Wochenende. Auch die Fastnacht hatte damit offenbar keinerlei negative Auswirkungen, die Sieben-Tages-Inzidenz in Mainz sank damit auf die Marke 30 – das war nur noch Warnstufe gelb, und unter der magischen 35-Marke, die Bund und Länder jüngst als entscheidenden Punkt für mögliche Öffnungen ausgegeben hatten. Der Landkreis-Mainz-Bingen meldete am Montag sogar schon nur noch eine Sieben-Tages-Inzidenz von 24, auch das bedeutet nur noch Warnstufe gelb.

Für Irritationen sorgten dabei allerdings die Zahlen des Robert-Koch-Instituts, die Mainz noch bei einer Inzidenz von 65 sahen – hier kursierten offenbar falsche Zahlen. Denn der positive Trend setzte sich auch am Dienstag fort: Nur noch zehn neue Fälle in Mainz ließen die Inzidenz sogar auf nur noch 27 sinken, der Landkreis verharrte bei 24. Allerdings wird weiter gestorben: drei neue Todesfälle gab es seit dem Wochenende in der Region. Besonders beunruhigend zudem: Im Landkreis Mainz-Bingen wurden bereits 66 Fälle festgestellt, bei denen Menschen mit der britischen Virusmutation B1.1.7. infiziert waren, im Bereich der Stadt Mainz waren es 42 – damit sind trotz Lockdown bereits mehr als 100 Fälle von Infektionen mit mutierten Viren entdeckt worden.

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Die Politik will den Lockdown wegen der Virus-Mutationen fortsetzen - die Gastronomie fordert Lockerungen. - Foto: gik
Die Politik will den Lockdown wegen der Virus-Mutationen fortsetzen – die Gastronomie fordert Lockerungen. – Foto: gik

Die britische Virus-Mutation gilt als deutlich ansteckender als die bisher bei uns verbreitete Variante, Wissenschaftler gehen derzeit von einer rund 50 Prozent erhöhten Ansteckungsrate aus. Die Angst ist deshalb groß, dass sich bei Lockerungen des Lockdowns die neue Mutation rasant ausbreiten und zu erneut hochschießenden Infektionszahlen führen könnte.

Der für das Gesundheitsamt zuständige Dritte Beigeordnete des Landkreises Mainz-Bingen, Erwin Malkmus freute sich zwar einerseits über die stark gesunkene Inzidenz: “Wir haben den von der Bundesregierung gewünschten Wert von 35 damit innerhalb einer Woche unterschritten”, betonte Malkmus. Leider sei das aber “nicht überall so, sonst könnten wir uns sicher über die eine oder andere Lockerung freuen”, sagte der Beigeordnete weiter, und mahnte: “Jetzt gilt es bis zum 7. März durchzuhalten.”

Grundschulen sollen ab 22. Februar öffnen, Impfung noch unklar

Der derzeitige Lockdown gilt nach Beschluss von Bund und Ländern bis zum 7. März, am 1. März sollen aber die Friseure wieder öffnen dürfen, sofern die Zahlen so stabil niedrige bleiben. Am 22. Februar will Rheinland-Pfalz zudem die Grundschulen wieder öffnen, die Schüler sollen zumindest im Wechselunterricht zurückkehren dürfen – gerade viele Lehrer sehen das mit sehr gemischten Gefühlen. Die Konferenz der Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin hatte zwar auch beschlossen, Lehrer und Erzieher früher impfen zu wollen – doch das soll erst einmal “geprüft” werden und ist noch nicht in Sicht.

Grundschulen sollen in Rheinland-Pfalz am 22. Februar wieder öffnen. - Foto: MPI Chemie
Grundschulen sollen in Rheinland-Pfalz am 22. Februar wieder öffnen. – Foto: MPI Chemie

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) kündigte nun aber an, das Land werde “alles vorbereiten”, damit unmittelbar nach einer Änderung der Impfverordnung durch den Bund mit einer Impfung von Erzieherinnen und Grundschullehrern begonnen werden könne. Erzieherinnen, Tagemütter und weitere Beschäftigte in den Kindertagesstätten sowie Grundschullehrer und weitere Beschäftigte an den Grundschulen sollen sich nun bereits ab dem 1. März für einen Impftermin registrieren lassen  können. “Sollte die Impfverordnung durch den Bund so geändert werden, dass diese Berufe höher priorisiert werden, können im Anschluss direkt Termine vergeben werden”, versprach Dreyer.

Handel und Gastronomie fordern Öffnungsstrategie

Derweil wecken die sinkenden Zahlen Begehrlichkeiten bei der Wirtschaft: Der Handelsverband Deutschland (HDE) forderte am Montag “einen transparenten und fairen Plan zur Wiedereröffnung aller Geschäfte. “So wie in den letzten Monaten kann es nicht mehr weitergehen, da muss mehr Berechenbarkeit rein”, forderte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Der Einzelhandel habe in den vergangenen Monaten bewiesen, dass er auch bei Inzidenzen von über 50 oder 35 mit seinen funktionierenden Hygienekonzepten sicherstellen könne, dass der Einkauf nicht zum Hotspot werde. Im Einzelhandel geht die Angst um, gerade viele kleinere Läden stehen mit dem Rücken zur Wand – Experten befürchten, dass ein Viertel der Läden oder sogar mehr in den Innenstädten verschwinden könnten.

Einzelhandel und Gastronomie bangen um ihre Existenz und fordern schnelle Öffnungen. - Foto: gik
Einzelhandel und Gastronomie bangen um ihre Existenz und fordern schnelle Öffnungen. – Foto: gik

Auch die Gastronomie warnt vor einer massiven Insolvenzwelle, Gereon Haumann, Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA in Rheinland-Pfalz und Vorsitzender der Mittelstandsunion forderte Ministerpräsidentin Dreyer auf, “den harten Lockdown zu beenden und umgehend ein Konzept für eine verantwortungsvolle Öffnungsstrategie vorzulegen und in Rheinland-Pfalz umzusetzen.” Das Gastgewerbe habe bereits nach dem ersten Lockdown die jeweils geltenden Schutz- und Hygienekonzepte erfolgreich umgesetzt. “Es gab in der Gastronomie und Hotellerie keine signifikanten Infektionsgeschehen”, betonte Haumann: “Die Gäste waren und sind in unseren DEHOGA-Betrieben jederzeit sicher.”

Infektionsrisiko in Oberschulen, Restaurants, Büros stark erhöht

Das allerdings könnte ein Trugschluss sein: Laut einer neuen Untersuchung der FU Berlin, ist das Infektionsrisiko in einem Restaurant erheblich erhöht, und zwar schon, wenn der Raum nur zu 50 Prozent besetzt ist. Die Forscher hatten ein Modell zur Bewertung des Infektionsrisikos mit SARS-CoV-2 über virenbeladene Aerosolpartikel in Innenräumen entwickelt, und so verschiedene Innenräume miteinander vergleichbar gemacht. Das Ergebnis: In einem zu einem Drittel besetzten Theater ist das Infektionsrisiko – sofern alle Maske tragen – ausgesprochen gering, ebenso bei einem Damenfriseur, bei dem Maske getragen wird.

Schon 2020 hatte eine Studie das Infektionsrisiko wie hier in Klassenräumen berechnet. - Grafik: El Pais
Schon 2020 hatte eine Studie das Infektionsrisiko wie hier in Klassenräumen berechnet. – Grafik: El Pais

In einem zu einem Drittel besetzten Restaurant ist die Ansteckungsgefahr hingegen etwa doppelt so hoch, in einem halb besetzten Restaurant hingegen deutlich erhöht – eine Grafik mit allen Zahlen zu verglichenen Innenräumen findet Ihr hier im Internet. Eine deutlich erhöhte Infektionsgefahr machten die Forscher dabei in Oberschulen aus, und zwar auch bei einer Belegung von nur 50 Prozent und trotz Maskenpflicht. Eine exponentiell hohe Ansteckungsgefahr bergen demnach Schulklassen der Oberschulen, in denen keine Maske getragen wird (bis zu 11,5faches Risiko) sowie Mehrpersonenbüros, in denen keine Maske getragen wird – auch wenn nur die Hälfte da ist (8-faches Risiko).

Homeoffice-Quote nach Erlass der Pflicht gestiegen

Die derzeit stark sinkenden Zahlen dürften deshalb vor allem auf zwei Faktoren zurückzuführen sein: Die Schließung der Schulen Ende Dezember sowie die Anordnung der Bundesregierung zum Homeoffice Mitte Januar. Erst am 19. Januar hatte die Bundesregierung gemeinsam mit den Ministerpräsidenten erstmals eine Pflicht zum Homeoffice erlassen für die Betriebe, wo das Arbeiten von Zuhause möglich ist – alle Appelle zuvor hatten nicht gefruchtet, die Homeoffice-Quote sank kaum. “Wir gehen davon aus, dass dadurch Kontakt reduziert werden können, gerade auch auf dem Weg zum Büro”, betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Begründung der neuen Pflichtvorgabe.

Leere Büros Dank Homeoffice - in größerem Ausmaß passierte das erst, als der Bund eine Pflicht zum Homeoffice einführte. - Foto: gik
Leere Büros Dank Homeoffice – in größerem Ausmaß passierte das erst, als der Bund eine Pflicht zum Homeoffice einführte. – Foto: gik

Das erweist sich offenbar als richtig: Ende Januar arbeiteten nun wieder ein Viertel der Beschäftigten im Homeoffice, das waren in etwa so viele wie im ersten Lockdown im Frühjahr 2020. Nachdem im November lediglich 14 Prozent der Arbeitgeber ihre Beschäftigten ins Homeoffice schickten, sind es inzwischen 24 Prozent, so eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung. Rund ein Drittel der Befragten im Homeoffice gaben denn auch an, die Beschlüsse der Bundesregierung seien ein Grund für ihren Wechsel ins Homeoffice gewesen. Die Zahlen legten nahe, dass es “nicht die Einsicht der Arbeitgeber allein war, die zur breiteren Nutzung von Homeoffice geführt hat”, sagte Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

Justizminister: Lockerungen verfassungsrechtlich zwingend

Weniger Homeoffice und offene Schulen würden deshalb mit großer Wahrscheinlichkeit wieder steigende Infektionszahlen nach sich ziehen – die Politik scheut angesichts der Mutationen davor zurück. Druck bekommt die rheinland-pfälzische Landesregierung nun aber aus den eigenen Reihen: Justizminister Herbert Mertin (FDP) mahnte am Dienstag überraschend: “Lockerungen sind bei Unterschreiten einer Inzidenz von 50 verfassungsrechtlich zwingend geboten.” Rheinland-Pfalz liege inzwischen auch landesweit seit mehreren Tagen in Folge unter dem Wert von 50, “es ist daher verfassungsrechtlich zwingend, dass bereits bei einem stabilen Unterschreiten der Schwelle substantielle Öffnungsschritte eingeleitet werden müssen”, betonte Mertin.

Justizminister Herbert Mertin (FDP) hält Lockerungen unter einer 50-er Inzidenz für verfassungsrechtlich geboten. - Foto: Justizministerium
Justizminister Herbert Mertin (FDP) hält Lockerungen unter einer 50-er Inzidenz für verfassungsrechtlich geboten. – Foto: Justizministerium

Dieser Schwellenwert stehe “auch nicht im Belieben der Bundesregierung und der Ministerpräsidenten”, sondern werde vom Infektionsschutzgesetz des Bundes vorgegeben – und das erlaube bei einer Inzidenz zwischen 35 und 50 nur noch “breit angelegte” Schutzmaßnahmen, unterhalb der Inzidenz von 35 sogar nur noch “unterstützende Schutzmaßnahmen”, betonte der FDP-Minister. Es sei “daher verfassungsrechtlich zwingend, dass bereits bei einem stabilen Unterschreiten der Schwelle von 50 substantielle Öffnungsschritte eingeleitet werden müssen.” Wollten die Regierenden das nicht, müsse eben das Infektionsschutzgesetz des Bundes erneut geändert werden, betonte Mertin, der auf Platz zwei der FDP-Landesliste bei der Landtagswahl am 14. März antritt.

Info& auf Mainz&: Warum Bund und Länder den scharfen Lockdown bis zum 7. März verlängert haben, könnt Ihr hier noch einmal nachlesen. Mehr zu den Corona-Mutationen und ihrer Gefährlichkeit, lest Ihr hier bei Mainz&.

1 KOMMENTAR

  1. Mit dem Wasserwerfer alles undifferenziert niedermachen, richtet mehr Kollateralschäden an als es Nutzen bringt. Schon vor Monaten haben Schäuble und Palmer kritisiert, dass Sterbeverzögerung prämoribunder Pflegefälle nicht das übergeordnete Staatsziel sein kann. Dass Infektionsherde stark reglementiert und sogar geschlossen werden, ist nachvollziehbar, aber warum Ferienwohnungen, die noch nicht einmal im Menschensilo liegen sondern als Einzelhäuschen angeboten werden?

    Am schlimmsten ist, dass Schülern und Studenten ein ganzes Jahr geraubt wird und das in einem Land, das mangels Rohstoffen nichts hat außer Bildung. Warum nur werden Friseure bevorzugtn nicht aber Gärtnereien und Blumenläden? Wird da so nebenher die Eitelkeit der Entscheidungsträger bedient? Wen stören den etwas zottelige Haare? Mich nicht. Es gibt nun mal Frisuren zwischen stoppelkurz und hüftlang. Und wenn ich mir das Gedränge in Einkaufsmärkten ansehe, begreife ich nicht, dass Baumärkte geschlossen sind.

    Ich gehe übrigens seit der Sperrverfügung weitaus öfter einkaufen und fahre mehr Bus und Bahn, nur um ein paar lebendige Menschen zu sehen, auch wenn es Fremde sind.

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