Ihr werdet’s nicht glauben – aber die Weinlese ist schon gestartet! Gut, nicht die große Weinlese von Riesling, Spätburgunder & Co., aber immerhin die Lese der frühen Trauben, die zu Federweißer verarbeitet werden. In Edesheim in der Pfalz startete am Mittwoch die Lese des Neuen Weins, und die Bacchus-Trauben hatten schon 67 Grad Oechsle. Genau richtig. Noch besser: die Reben haben die große Dürre und Hitze super verkraftet, die Trauben sind top-gesund – es könnte ein richtig toller Jahrgang werden!

Weinglas vor Weinbergen
Es geht los mit dem jungen Wein im Glas! – Foto: gik

2003 war ja der Jahrhundertsommer, in dem es ähnlich heiß war wie in diesem Jahr. Damals waren die Oechsle-Werte hoch und die Weine schwer, dem Jahrgang fehlte allerdings eine Komponente, um sensationell zu werden: die Säure. Säure nämlich gibt dem Wein Struktur und Frische, sie macht die Tropfen haltbarer und im Geschmack ausgewogener. „Die Beeren sind klein, das Aroma ist konzentriert und es gibt einen harmonischen Fruchtsäuregehalt“, sagte Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut (DWI), das seien „sehr gute Voraussetzungen“ für eine tollen Jahrgang.

100 Tage zwischen Rebblüte und Ernte sind eigentlich normal, in diesem Jahr aber startet die Lese schon nach rund 70 Tagen. Das liegt vor allem an der relativ späten Rebblüte, die erst Mitte Juni stattfand. Danach aber legten die Trauben in dem heißen Sommer eine wahre Turboentwicklung hin. Wegen der ungewöhnlich niedrigen Regenmengen blieben die Trauben zwar kleiner als sonst, doch das führt zu konzentrierterem Most in den Trauben – und tollen Weinen im Glas.

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„Der Gesundheitszustand der Trauben ist perfekt“, sagt Büscher. Besonders die älteren Anlagen stünden „erstaunlich gut da.“ Mit der großen Hitze hatten die Reben nämlich wenig Probleme, gerade bei den älteren Reben reichen die Wurzeln locker zehn Meter tief und mehr in den Grund. Bei jungen Reben ist das Wurzelwerk dagegen noch nicht so ausgeprägt. „Die Reben haben sich in den vergangenen Jahren aber auf die niedrigeren Regenmengen angepasst“, sagt Büscher: „Der überwiegende Teil der Reben hat die Trockenheit und Dürre gut verkraftet.“

Spätburgunderttrauben an der Hessischen Bergstraße
Gesunde Trauben, fitte Reben – das gibt tolle Weine! – Foto: gik

Der ausbleibende Regen hatte noch ein Gutes: die Schädlinge blieben aus. „Wir hatten fast gar keine Probleme mit Schädlingen bisher“, sagt Ansgar Schmitz vom Weinbauverband Mosel. Anders als in früheren Jahren gab es auch keine Hagelschäden, „das lässt hoffen, dass der 2015er sehr gut wird.“ Nicht einmal die Kirschessigfliege, dieser asiatischer Einwanderer, der 2014 zum Teil große Schäden an den Trauben anrichtete, wurde bisher gesichtet.

Beim bundesweiten Forschungsprojekt zur Essigfliegenplage seien bislang noch keine Eier auf den Trauben gefunden worden, sagt Büscher. Die Winzer müssten nun mit Entblätterung der Traubenzonen dafür sorgen, dass die Trauben gut durchlüftet werden, „um es der Kirschessigfliege so schwer wie möglich zu machen.“ Die Fliege mag es nämlich feucht und schattig, trocken und sonnig behagt ihr nicht. Denn leider ist auch die Kirschessigfliege gut durch den milden Winter gekommen…

„Keine Schädlinge, die Trauben sind gesund – so kann es bleiben“, heißt es auch von Rheinhessenwein-Geschäftsführer Bernd Kern. Mit der echten Weinlese „lassen wir uns noch Zeit“, heißt es auch hier – die Lese wird frühestens Mitte September mit Sorten wie Müller-Thurgau starten. Spätburgunder und vor allem der Riesling nrauchen noch wesentlich länger, eine Lese Anfang Oktober ist hier auch noch normal.

Wie der Jahrgang wird, da ist Kern vorsichtig: „Wir haben in vergangenen Jahren zu viel erlebt“, sagt er. Zweimal verdarb lang anhaltender Regen den goldenen Herbst, weil die Trauben aufplatzten mussten Turbo-Lesen den Jahrgang retten. „Die nächsten vier Wochen sind entscheidend“, sagt auch Büscher. Es dürfe jetzt nicht zu viel regnen, weil sich sonst die Trauben mit Wasser aufpumpen und der Wein tatsächlich verwässert.

Platzen die Trauben gar von zu viel Wasser auf, ist Eile gefragt – sonst machen sich im Handumdrehen Schädlinge breit. Im Weinberg, sagt Büscher deshalb auch, sei das wie beim Fußball: „Es steht schon Drei zu Null für die Reben, aber in den letzten zehn Minuten kann noch viel passieren.“

Federweißer übrigens wird in Mainz an vielen Ständen in der Fußgängerzone verkauft. Aber seid ein bisschen vorsichtig beim Genuss: Der junge Wein ist bereits in der Gärung, schmeckt aber meist noch so süß und süffig, dass man den Alkohol gar nicht oder erst sehr verzögert merkt. Aber auch Federweißer hat schon um die 5 Prozent Alkohol, das entspricht etwa einem Bier. Der Traubenmost, der ungefiltert verkauft und getrunken wird, bildet während der Gärung Kohlensäure, deshalb die Flaschen bitte unbedingt stehend transportieren – sie sind nämlich nicht fest verschlossen. Wegen der Kohlensäure heißt der Federweißer auch Bitzler, der Name Federweißer wiederum kommt daher, dass die hellen Hefepartikel in der trüben Flüssigkeit wie Federchen auf- und abtanzen. Dazu passt übrigens besonders gut ein Zwiebelkuchen. Lasst’s Euch schmecken!

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