In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 überfielen Nationalsozialisten in Deutschland jüdische Geschäfte, Synagogen und Wohnungen, sie legten Feuer, sie plünderten und brandschatzten – auch die Mainzer Synagoge wurde ein Raub der Flammen. Das Gedenken an die „Reichskristallnacht“ hat in diesem Jahr indes einen besonderen Fokus: Vor 80 Jahren wurden im Jahr 1942 auch von Mainz aus jüdische Menschen in Konzentrationslager deportiert. Ein Schweigemarsch am Mittwoch gedenkt ihrer – und führt zum geplanten „Erinnerungsort Deportationsrampe.“

Die Pfeiler der alten Mainzer Synagoge stehen bis heute vor dem Neubau in der Mainzer Neustadt. - Foto: gik
Die Pfeiler der alten Mainzer Synagoge stehen bis heute vor dem Neubau in der Mainzer Neustadt. – Foto: gik

Die Pogromnacht des 9. November wurde zum Fanal und zum Auftakt der gnadenlosen Verfolgung von Juden, Sinti und Roma sowie allen Andersdenkenden und Anders-Lebenden durch die Nationalsozialisten – es war der Startschuss für ein faschistisches und zutiefst menschenfeindliches Regime, das schließlich im Grauend es Zweiten Weltkrieges und der Shoa, der Vernichtung von Millionen Juden und anderen Gegnern der Nazis.

„Vor aller Augen“ lautet das Motto des diesjährigen Gedenkens an die Geschehnisse vor 84 Jahren, denn die Plünderungen, Überfälle und Brandschatzungen durch die Nationalsozialisten geschahen vor aller Augen, in aller Öffentlichkeit – auch, als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die ehemalige Mainzer Hauptsynagoge von den Nationalsozialisten in Brand gesteckt wurde. Die Reichskristallnacht änderte das Leben in Deutschland grundlegend, und sie zerstörte einen großen Teil des jüdischen Lebens im Land, auch hier in Mainz.

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Die Landeshauptstadt Mainz und die Jüdische Kultusgemeinde Mainz-Rheinhessen werden an diesem Mittwoch, den 9. November 2022, den Geschehnissen von damals und der Opfer der Nacht mit einer Veranstaltung in der Neuen Synagoge in der Mainzer Neustadt gedenken. Die Veranstaltung beginnt um 16.00 Uhr und wird musikalisch umrahmt von der Sängerin Natasha Goldberg.

Schweigemarsch zum Gedenken an Deportationen aus Mainz

Die Neue Synagoge in Mainz. - Foto: gik
Die Neue Synagoge in Mainz. – Foto: gik

Im Anschluss daran wird mit einem Schweigemarsch an die Massendeportationen erinnert , die auch von Mainz aus in die Konzentrationslager der Nazis starteten: Vor 80 Jahren nämlich, im März und September 1942, gingen vom Mainzer Güterbahnhof Züge aus, mit denen Mainzer in die Vernichtungslager deportiert wurden. Rund 1.100 Juden, Sinti und Roma, aber auch Homosexuelle wurden von Mainz aus in die Todeslager im Osten deportiert. Die meisten von ihnen kamen im Konzentrationslager Theresienstadt oder in Arbeitslagern in Polen ums Leben.

„Gerade in Zeiten, in denen antisemitische und fremdenfeindliche Tendenzen in unserem Land zunehmen, ist diese Veranstaltung wichtig und liegt uns allen am Herzen“, sagte Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD) im Vorfeld: „Der Gedenktag soll ganz bewusst vor aller Augen ein Bekenntnis zu einer offenen und toleranten Gesellschaft sein. Alle Menschen sind deshalb herzlich zur Teilnahme eingeladen.“

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Der Schweigemarsch startet um 16.45 Uhr auf dem Synagogenplatz und führt zunächst zur Turnhalle der Goetheschule als letztem Sammellager der jüdischen Bevölkerung vor der Deportation. Sein Ende wird an einer besonderen Stelle sein: Gegenüber dem Alten Jüdischen Friedhof in der Mombacher Straße, liegt an der Ecke zum Goethetunnel das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs.

Gedenkstätte Deportationsrampe an der Mombacher Straße

Entwurf für den "Gedenkort Deportationsrampe" aus dem Jahr 2017. - Grafik: Schmelzer Weber SW Architekten
Entwurf für den „Gedenkort Deportationsrampe“ aus dem Jahr 2017. – Grafik: Schmelzer Weber SW Architekten

Hier soll eigentlich schon seit Jahren der „Gedenkort Deportationsrampe“ entstehen, bereits 2017 hatte die Stadt Mainz Pläne für den Gedenkort vorgestellt. Danach soll hier, auf dem Eckgrundstück, ein Platz mit einem Torhaus und alten Eisenbahnschienen entstehen, die entlang einer langgestreckten Betonwand führen – auf der Wand sollen einmal die Namen der aus Mainz deportierten Menschen erscheinen.

Am 20. März 1942 startete von Mainz aus die erste Massendeportation von 470 Personen, es folgten Ende September zwei weitere: Am 27. September brachte man 453 zumeist ältere Menschen in das Lager Theresienstadt, am 30. September 1942 dann nochmals 883 Jüdinnen und Juden, darunter 178 aus Mainz, wohl direkt in das Vernichtungslager Treblinka, wo sie gleich nach ihrer Ankunft ermordet wurden. Am 10. Februar 1943 und zu Beginn des Jahres 1944 wurden weitere kleinere Gruppen aus Mainz nach Theresienstadt verschleppt.

Zentraler Baustein der geplanten Gedenkstätte ist eine noch aus der NS-Zeit erhaltene Deportationsrampe, die als Fragment in die Betonfläche eingebunden werden soll. Davor sollen Schienen in ein Torhaus führen, das mit einem Spiegel abschließt – so wird der Betrachter in die Szene hineingezogen und ihm verdeutlicht: Auch Du hättest in diesen Todeszügen landen können. Auf dem Spiegel sollen zudem Zitate aus überlieferten Briefen zu lesen sein – so zumindest der Entwurf.

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Realisiert wurde die Gedenkstätte indes bis heute nicht, auf rund 300.000 Euro hatte Grosse im März 2017 die Realisierung des Entwurfs geschätzt. Die Finanzierung war schon damals unklar, womöglich ändert sich das nun mit dem neuen Geldsegen, den das Pharmaunternehmen Biontech der Stadt bescherte. Grosse jedenfalls werde am Mittwoch die weiteren Pläne für den zukünftigen Gedenkort vorstellen, heißt es aus der städtischen Pressestelle.

Gedenktafel an die Opfer des Nazi-Regimes am Ort der Gestapo-Zentrale in der Mainzer Kaiserstraße. - Foto: gik
Gedenktafel an die Opfer des Nazi-Regimes am Ort der Gestapo-Zentrale in der Mainzer Kaiserstraße. – Foto: gik

Der Philologenverband in Rheinland-Pfalz rief derweil zum 9. November zum Engagement gegen Antisemitismus und Judenhass auf: „Als Lehrerinnen und Lehrer haben wir die Chance, Antisemitismus in der Schule wirksam zu begegnen“, betonte die Landesvorsitzende Cornelia Schwartz: „Immer wieder müssen wir versuchen, Vorurteile aus der Welt zu schaffen – zu dieser Art der Aufklärung sind alle Fächer aufgerufen.“

Worte wie „Gift und Drogen“ ebneten Verbrechen den Weg

Gerade Lehrer könnten Begegnungen zwischen Menschen ermöglichen, zwischen Juden und Nicht-Juden, indem sie Kontakt zu den Synagogen aufnähmen, mit den Schülern Gedenkstätten besuchten und gemeinsam Bücher läsen, die das Grauen des Dritten Reiches und des Antisemitismus thematisierten. „Der immer sichtbarer werdende Judenhass deutschland- und weltweit ist unbegreiflich und zerstörerisch“, betonte Schwartz: „Wir müssen uns ihm entgegenstellen. Gemeinsam.“

Wie gerade Sprache durch die Nationalsozialisten missbraucht und verdreht wurde, um ihre Ideologie und ihre Verbrechen zu legitimieren, wie „Worte wie Gift und Drogen“ den Verbrechen den Weg bereiteten – mehr dazu könnt Ihr hier in unserem Mainz&-Text aus dem Jahr 2020 nachlesen. Gerade im Jahr 2022 erlebt die Welt eine Neuauflage von vergifteter Sprache und verdrehter Wahrheit – in der russischen Propaganda zum Krieg in der Ukraine.

Info& auf Mainz&: Das Gedenken an die Pogromnacht 1938 findet am Mittwoch, den 9. November 2022, ab 16.00 Uhr in der Neuen Synagoge in der Mainzer Neustadt statt. Der Schweigemarsch startet dann um 16.45 Uhr, er ist eine gemeinsame Initiative des Vereins für Sozialgeschichte, des Haus des Erinnerns – für Demokratie und Akzeptanz, des Stadthistorischen Museums Mainz sowie von der Landeshauptstadt Mainz und der Jüdischen Kultusgemeinde Mainz-Rheinhessen. Mehr zu den Plänen für den Gedenkort Deportationsrampe lest Ihr hier bei Mainz&. Mehr zur Judenverfolgung in Mainz, zu Deportationen und Stolpersteinen in unserer Zeit lest Ihr auch hier bei Mainz&:

9. November 2017: Mainz gedenkt der Reichspogromnacht in neuer Synagoge – 17 neue Stolpersteine verlegt

 

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