Die Debatte um den Erweiterungsbau des Gutenberg-Museums läuft, und sie läuft heiß. „Potthässlich. Passt in keinster Weise. Verschandelung“ – so kommentierten Mainz&-User die Ergebnisse des Architektenwettbewerbs, andere empfahlen, sich mit den Entwürfen auseinander zu setzen – nicht jeder sei gegen die Siegerentwürfe. Die Bürgerinitiative zum Gutenberg-Museum bereitet unterdessen einen Einwohnerantrag im Stadtrat vor – und fordert die Stadträte auf, sich eine eigene Meinung zu bilden. ÖDP und Freie Wähler werfen unterdessen der Stadtspitze Arroganz „nach Gutsherren-Art“ vor: „Das ist die Stadt aller Mainzer, nicht nur die der Architekten“, betont die ÖDP.

Visualisierung Bücherturm Gutenberg Museum Foto gik
Wie groß wird der geplante Bücherturm auf dem Liebfrauenplatz wirklich? Die Stadt lehtn eine Visualisierung vorher ab

Die frisch formierte Bürgerinitiative zum Gutenberg-Museum ist ja in keinster Weise gegen die dringend notwendige Aufwertung des Weltmuseums des Druckkunst, doch sie fordert, die Mainzer in die Entscheidung über den Erweiterungsbau einzubeziehen. Die Bürger von Mainz sollten per Online-Voting nach ihrer Meinung gefragt werden, findet die BI. Doch Baudezernentin Marianne Grosse (SPD) lehnt das – unter anderem bei Mainz& – kategorisch ab.

Auch Visualisierung abgelehnt: „Dann ist das Kind in den Brunnen gefallen“

Inzwischen trafen sich die BI und Grosse zu einem Gespräch. „Wir sind ja echte Meenzer, wir reden miteinander – das finde ich sehr gut“, begrüßte BI-Sprecher Thomas Mann, dass die Dezernentin auf die BI zuging und sie zum Gespräch eingeladen hatte. „Selbstverständlich sind wir dialogbereit“, betonte Mann, das Gespräch habe in guter Atmosphäre stattgefunden. Gleichzeitig zeigte sich Mann von den Ergebnissen enttäuscht: Grosse habe erneut eine Bürgerbefragung als angeblich mit dem Wettbewerbsrecht nicht vereinbar abgelehnt. „Es gibt nur die Alternative, dass einer der drei Wettbewerbsgewinner umgesetzt wird“, berichtete Mann.

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Auch eine voherige Visualisierung der Entwürfe mithilfe von Stangen auf dem Liebfrauenplatz sei kategorisch abgelehnt worden. Grosse verweise darauf, dass es ein 3-D-Modell geben werde – nachdem die Entscheidung für einen der Entwürfe gefallen sei. „Dann ist das Kind aber in den Brunnen gefallen“, kritisierte Mann. Die Ablehnung sei für ihn unverständlich, „beim Berliner Stadtschloss ist ja auch visualisiert worden“, meint er. Und „bei so einem Projekt bei so einer Bedeutung im Zentrum der Stadt muss man den Leuten das vorher doch zeigen – auch was für ein Gesamteindruck da entsteht“, betont der BI-Sprecher.

3.000 Unterschriften für Erhalt des Liebfrauenplatzes

Dom vom Gutenbergmuseum aus - quer
Diese Blumenbeete neben dem Gutenberg-Museum müssten für den Neubau weichen – der Blick auf den Dom wohl auch – Foto: gik

Die BI bereitet deshalb derzeit einen Einwohnerantrag für den Stadtrat vor, dieser würde der BI die Möglichkeit geben, im Stadtrat ihre Argumente vorzutragen. Dafür müssten dann aber mindestens 2.000 Unterschriften gesammelt werden, Mann hält das für machbar. Tatsächlich sammelten Anwohner des Liebfrauenplatzes nach Angaben der Allgemeinen Zeitung binnen kürzester Zeit 3.000 Unterschriften für den Erhalt des Platzes.

Gegen eine Bebauung des Platzes direkt neben dem Gutenberg-Museum spricht sich inzwischen auch die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) aus: Der Liebfrauenplatz stehe in einer Folge nahezu quadratischer Plätze in Mainz, wie dem Gutenbergplatz, dem Höfchen und dem Markt, sagt ÖDP-Stadtratsmitglied Ingrid Pannhorst, übrigens ebenfalls eine Architektin. In seinem jetzigen Ausmaß gebe der Liebfrauenplatz „dem Dom den für die Größe des Bauwerks nötigen Raum.“ Mit einem Zubau des Platzes drohten „Sackgassen“ und „Hinterhofatmosphäre“, insbesondere beim 3. Siegerentwurf.

ÖDP: Stadt ignoriert Bedürfnisse der Mainzer beim Liebfrauenplatz

Dazu komme: An den Markttagen platze der Liebfrauenplatz aus allen Nähten, Menschentrauben scharten sich um die wenigen Sitzbänke und die zu Stehtischen umfunktionierten Typenblöcke vor dem Museum, gibt Pannhorst weiter zu bedenken. „Wer auch immer das Blumenbeet des Liebfrauenplatzes als „Baufeld F“ ausgewiesen hat, wollte sich nie mit den Wünschen und Bedürfnissen der Bürger und der Anwohner auseinandersetzen“, kritisiert sie.

Würfel Buchdruck auf dem Liebfrauenplatz
Die steinernen Würfel, Symbol für die beweglichen Buchdruck-Lettern Gutenbergs, müssten dem Neubau ebenfalls weichen – Foto: gik

Die Mainzer wünschten sich hier mehr Sitzgelegenheiten, mehr Bäume und keine „steinernde Nachverdichtung“, durch eine Befragung der Mainzer vor Beginn des Architektenwettbewerbs hätte die Stadt das auch wissen können, mein Pannhorst: „Jetzt reiben sich die Verantwortlichen in Verwaltung und Architektenschaft über den Unmut der Bürger verwundert die Augen.“

Moseler: Stadtvorstand setzt sich in Gutsherren-Manier über Mainzer hinweg

Verärgert äußert sich Pannhorst über die Ablehnung einer Bürgerbefragung durch Grosse: „Grosse will offensichtlich nichts dazulernen. Weder in Punkto Bürgerbeteiligung – zu der auch eine realistische, für jedermann anschauliche Visualisierung gehört –, noch in Punkto Vorausplanung bzw. Machbarkeit“, kritisiert sie. Und der Mainzer ÖDP-Chef Clausius Moseler spricht gar von einem „Beispiel, wie sich der Stadtvorstand in Gutsherren-Manier über die Mainzerinnen und Mainzer hinwegsetzt.“

Ein solcher Politikstil sei aber „nicht mehr zeitgemäß“, kritisierte Moseler und forderte „Transparenz und eine offene Diskussion ohne Denkverbote.“ Um das Projekte Erweiterung Gutenberg-Museum „nicht vor die Wand fahren zu lassen, ist es wichtig, berechtigte Bedenken konstruktiv aufzunehmen.“ Dazu zähle auch die Kritik an der Verengung zum Platz vor dem Museumseingang.

Denkmalschützer mahnen zu Rücksicht auf historisches Umfeld

Historisches Bild Liebfrauenplatz - Foto Rheinischer Verein für Denkmalpflege
Hiosatorische Ansicht des Liebfrauenplatzes vom Rhein aus – Foto: Rheinischer Verein für Denkmalpflege

Die haben nicht nur die ÖDP und die Anwohner, auch die ehemaligen leitenden Denkmalschützer von Mainz und Rheinland-Pfalz fürchten eine massive Veränderung des Liebfrauenplatzes zu seinen Ungunsten: Am Donnerstag lädt der Rheinische Verein für Denkmalpflege zur Veranstaltung mit dem Thema „Der Liebfrauenplatz und die Mainzer Stadtbautradition“. Der oberste Landeskonservator a.D. Joachim Glatz will dann über „Um- und Weiterbauen am Liebfrauenplatz im Wandel der Zeit“ informieren, der Denkmalrechtsexperte Ernst-Rainer Hönes wird sich zum Thema „Einfügen, Rücksicht nehmen und Eingriffe minimieren: Bauen im historischen Umfeld“ äußern.

Das könnte spannend werden, hatte doch Glatz in einem Interview in der Allgemeinen Zeitung vorab gefordert, die historischen Baugrenzen müssten eingehalten werden – und dass die Landesbauordnung eindeutig Rücksichtnahme auf historische Bauumgebungen fordere. Vortrag Nummer drei am Donenrstagabend hält niemand anderes als Hartmut Fischer, einst oberster Mainzer Denkmalschützer – und er will sich zu den Museumsbau-Typologien und dem „Geist des Ortes“ äußern.

BI: Erst planen, sonst droht Schließung des Schell-Baus

Die Bürgerinitiative wiederum will nun weitere Gespräche mit den Stadtratsfraktionen, insbesondere der Opposition, führen. Im Entwurf zum Einwohnerantrag heißt es zudem, es sei „kontraproduktiv, ein grobes Museumskonzept nur in Ausschüssen zu besprechen.“ Zudem müsse zuerst ein Museumskonzept erstellt, öffentlich vorgestellt und diskutiert werden, erst dann könne man doch den Flächenbedarf für das Museum festgelegen. Bislang besage das Museumskonzept lediglich, dass 8.500 Quadratmeter Nutzungsfläche vorgegeben seien, wie die aber erreicht würden, sei völlig unklar, kritisierte Mann: „Die wollen groß denken, haben aber nichts im Beutel.“

Eingang zum Gutenberg Museum am Markt
Eingang zum alten Schell-Bau des Gutenberg-Museums – wie marode ist dieser Bau? – Foto: gik

Auch die Finanzierung sieht Mann völlig ungesichert: Was tue die Stadt denn, wenn die vorgesehenen fünf Millionen Euro für den Erweiterungsbau nicht ausreichten? Weiteres Geld sei nicht in Sicht – und die Gebäudewirtschaft selbst schätze die Gesamtkosten für den Umbau des alten Gutenberg-Museums samt Schell-Bau auf runde 30 Millionen Euro. Bekomme die Stadt weitere Millionen nicht zusammen, „müsste schlimmstenfalls der Schell-Bau wegen der Brandschutzanforderungen geschlossen werden“, warnt Mann.

Die Stadtverwaltung müsse nun ein schlüssiges Finanzierungskonzept inklusive der Einwerbung von deutschen und europäischen Fördermitteln erstellen, erst danach könne der Stadtrat die Entscheidung fällen, welche bauliche Alternative die richtige und insgesamt bezahlbare sei, fordert die BI: „Jede andere Vorgehensweise ist Stückwerk und bei der prekären Kassenlage unserer Heimatstadt nicht verantwortbar.“

BI: Mitglieder der Ampel-Fraktionen bitte eigene Meinung bilden!

Darüber hinaus fordert die BI auch die Mitglieder der regierenden Ampel-Fraktionen von SPD, Grünen und FDP auf, „sich unabhängig von der Fraktionsdisziplin ihre eigene Meinung zu bilden und diese auch öffentlich zu vertreten.“ Das Vertrauen in die Entscheidungen der Stadtspitze bei Bauvorhaben sei jedenfalls spätestens seit dem missglückten Bau der Markthäuser „bei vielen Mainzer verspielt“, betont Mann.

Visualisierung Querbau Gutenberg Museum Platz 3 Foto gik
Dieser große Querbau kam auf Platz drei des Architektenwettbewerbs für die Erweiterung des Gutenberg-Museums – und stößt wegen seiner Größe auf dem Liebfrauenplatz auf scharfe Kritik

Die Mitglieder der Ampel-Fraktionen jedenfalls würden mit ihrer Mehrheit das Projekt geschlossen durchwinken, befürchtet ein Stadtratsmitglied der Opposition in einem Mainz&-Kommentar: „Fraktionsdisziplin geht über gesunden Menschenverstand. Das Interesse der Mainzer interessiert nur am Rande.“

Die Freien Wähler fordern nun in einem Antrag für den nächsten Stadtrat am 25. Mai die Veröffentlichung aller Entwürfe im Architektenwettbwerb in digitaler Form im Internet, eine Online-Abstimmung der Mainzer sowie die Ergebnisse des Votings dann auch im Vergabeprozess mit zu berücksichtigen. Bei künftigen öffentlichen Bauprojekten sollten die Bürger frühzeitig mit einbezogen werden, um so eine höhere Akzeptanz zu erreichen, heißt es weiter.

Ausstellung zum Wettbewerb erneut verlängert

Unterdessen hat das Gutenberg-Museum die Ausstellung zu den Entwürfen im Architekturwettbewerb erneut verlängert – bis Ende Mai sind die Entwürfe nun noch zu sehen. Offenbar ist das Interesse groß… „Ich möchte weiterhin alle Interessierten dazu ermuntern und einladen, die Ausstellung zu besuchen und das Angebot der öffentlich Führungen mit den Fachpreisrichtern aus der Jury des Wettbewerbsverfahrens zu nutzen“, sagt Grosse.

Die nächste öffentliche Führung ist gleich morgen, hier die Termine: Die nächsten öffentlichen Führungen finden statt am: Dienstag, 26. April 2016, 17.00 Uhr und Donnerstag, 28. April 2016, 18.15 Uhr mit Jürgen Hill, Architekt aus Mainz (Mitglied des Preisgerichts). Dienstag, 10. Mai 2016, 17.00 Uhr und Dienstag, 24. Mai 2016, 17.00 Uhr mit Prof. Wolfgang Lorch, Vorsitzender des Preisgerichts. Also: Geht hin und macht Euch selbst ein Bild!

Info& auf Mainz&: Mehr zur Gründungsversammlung der BI und ihren Argumenten findet Ihr in dem Mainz&-Artikel „Fragt die Mainzer!“, alles zum Architektenwettbweb und seinen Ergebnissen hier. Die Bürgerinitiative Gutenberg-Museum findet Ihr inzwischen auch im Internet – auf ihrer neuen Homepage. Am Donenrstag, den 28. April, lädt der Rheinische Verein für Denkmalpflege um 18.00 Uhr zur Veranstaltung „Der Liebfrauenplatz und die Mainzer Stadtbautradition“. Ort: Haus am Dom, der Eintritt ist frei.

 

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