Na, das ist eine schöne Bescherung: Der Weihnachtsbaum steht, die Lieben sind darum herum versammelt – nur was fehlt, sind die Geschenke. Ein Alptraum? Nein, ganz reale Weihnachtswelt im Jahr 2017 in Mainz. Zumindest in diesem Haushalt, bei Mainz&. Denn statt unter dem Weihnachtsbaum zu liegen, befindet sich ein wichtiges Weihnachtsgeschenkepaket derzeit auf Irrfahrt durch Deutschland – und das gleich zweimal. Weil der Paketlieferdienst DHL nicht in der Lage ist, ein Haus zu finden, das bereits seit 150 Jahren am gleichen Fleck steht. Und weil Amazon nicht in der Lage ist, ein solches Problem zu lösen – sondern das Chaos noch größer macht. Uns interessiert: Geht es Euch auch so? Gibt es noch mehr Mainzer, deren Pakete gerade im Nirwana verschwinden?

Mit dem E-Scooter will DHL in die Zukunft – vielleicht sollte sich der Paketdienstleister mal besser um die Gegenwart kümmern, und Pakete einfach mal ausliefern…. – Foto: DHL

Ich war eigentlich relativ begeisterte Online-Shopperin und das aus der reinen Not heraus: Weil viele Geschäfte in der Mainzer Innenstadt ihr Sortiment verkleinert haben, die Verkäuferinnen unwillig oder unfähig zur Hilfe waren – und ich ständig dumme Antworten bekam wie „das gibt es nicht“, habe ich in den vergangenen zwei Jahren vermehrt online Waren bestellt. Was Ihr in der Mainz&-Kolumne „Wie mich der Handel zum Online-Shoppen brachte“ nachlesen könnt. Und eigentlich war ich damit sehr zufrieden: schnelle Lieferungen, tolle Preise, Riesenauswahl und meist hervorragender Service liefen den realen Geschäften oft tatsächlich den Rang ab.

Doch nun scheint sich das System selbst zu kannibalisieren, der Online-Bestellwahn die Grenzen des Möglichen zu sprengen. Denn inzwischen herrscht da draußen Chaos pur: Paketdienste am Rande der Leistungsfähigkeit, überforderte Aushilfen, gestresste Paketboten. Das Ergebnis: Päckchen werden nicht mehr ausgeliefert, sondern irgendwo abgegeben, Hauptsache los – und der Kunde wundert sich: Ich war doch den ganzen Tag zuhause? In Kassel richtete die DHL in diesen Wochen gar aus lauter Verzweiflung eine Halle ein, wo sich der Kunde sein Paket selbst abholen durfte. Der neue Volkssport lautet: Die Jagd nach dem verschwundenen Paket, denn klingeln, gar Treppen laufen und auch Benachrichtigungskarten sind in der schönen neuen Welt der Paketboten offenbar ersatzlos gestrichen.

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Um es deutlich zu sagen: Die Paketboten tun uns eigentlich nur noch Leid – sie sind diejenigen, die miese Bezahlung, unmögliche Arbeitszeiten und einen enormen Druck ausbaden müssen. Doch das kann keine Entschuldigung für ein solches Chaos sein, wie wir es gerade erleben: Ich hatte nämlich Geschenke bei Amazon bestellt, online und ausgesprochen rechtzeitig, Geschenke zudem, die nirgends sonst zu kriegen waren, leider. Am 10. Dezember gab ich die Bestellung auf und dachte: alles gut. Genug Zeit bis Weihnachten. Sollte man meinen.

Klasse – ich wohne offenbar in Graben, Deutschland… Irrfahrt eines Amazon-Pakets, ordentlich dokumentiert. – Foto: gik

Vier Tage später war das Paket immer noch nicht da. Fünf Tage später: Nichts. Kein Zettel im Briefkasten, kein Paket beim Nachbarn, gähnende Leere. Als am Samstag endlich Zeit war für Nachforschungen, bin ich beim Blick ins Amazon-Konto fast vom Stuhl gefallen: „Ihre Sendung wurde zugestellt“ stand da in fröhlichem Grün. Wie bitte? Ja: zugestellt – in Graben, Deutschland. Wo immer das ist – Mainz ist es jedenfalls nicht, und meins war auch nicht das dazugehörige Paket. Beim Durchforsten der Details dann der Zusatz: „14. Dezember, nicht zustellbar, Mainz.“

Nun ist es so, dass mein Haus seit gut 150 Jahren fest an derselben Stelle steht, unübersehbar schon von Weitem – es ist ein Eckhaus an einem offenen Platz. Ich wohne hier seit zwei Jahren und seltsam: ALLE anderen Paketdienste waren in den vergangenen Wochen problemlos in der Lage, Haus, Bewohnerin und Briefkasten zu finden. Der Name steht ordentlich an Klingel und Briefkasten, das Hoftor ist breit und deutlich zu sehen. Aber nein, für DHL ist das nicht zu machen. Es ist übrigens nicht das erstemal: Irgendwann im Sommer gab es einen Postboten, der offenbar ebenso wenig in der Lage war, mein Haus und mich zu finden – ich bin jetzt noch damit beschäftigt, den entsprechenden Mahnungen und zurückgesandten Briefen hinterher zu telefonieren.

Aber gut, sagte ich mir: Kann passieren. Sagst du eben Bescheid. Was ich umgehend noch am Samstagabend schriftlich bei Amazon, der Deutschen Post und DHL tat. Das Ergebnis: Eine nichtssagende Antwort von der Deutschen Post, von DHL kein Reaktion. Gar nichts. Von Amazon bekam ich aufgeregte Rück-Emails, sehr prompt – und dann brach das Chaos restlos aus. Die Sendung sei nämlich bereits einzeln an die verschiedenen Herkunftsadressen zurückgeschickt worden, das Geld mir zurück überwiesen. Nur: das wollte ich gar nicht. Mehr noch: Ich kann auf der Kreditkarte, mit der ich die Einkäufe tätigte, gar keinen Geldeingang bekommen. Nun irrt zusätzlich zu meinem Paket auch noch mein Geld im Nirwana herum.

Ich schrieb zurück, erklärte, bat – Ergebnis: Nein, helfen könne man mir nicht mit dem Geld, ich müsse warten, bis das nicht-zustellbare Geld von mir wieder bei Amazon eingegangen sei – und dann hieß es: „Bitte melden Sie sich, wenn wir das Geld zurückerhalten haben.“ Kein Witz – das wurde mir allen Ernstes genau so mitgeteilt. Inzwischen beeilte sich Amazon, den Inhalt des Pakets wenigstens in Teilen wieder auf den Weg zu mir zu bringen, das war am 18. Dezember. Heute ist der 22. Dezember und von meinem Paket fehlt erneut jede Spur. In meinem Account steht seit neuestem in fröhlichem Grün: „Ihre Sendung wurde zugestellt – in Graben, Deutschland.“

Ich bekomme nun ständig Nachrichten, dass mir Geld zurückerstattet werde – ins Nirwana natürlich – und man danke für meine Rücksendung. Am 24. Dezember werden zwei Menschen unter dem Weihnachtsbaum sehr traurig sein, weil ich mit leeren Händen ihnen gegenüber stehe. Ob ich die Geschenke jemals werde übergeben können, weiß ich auch nicht – in Geschäften sind die CDs und der Kalender nicht zu haben. Schöne Weihnachten. Dank Amazon und DHL. Wie schrieb eine frustrierte DHl-Kundin auf Facebook: „Wer erklärt meinen Kindern, wo ihre Geschenke geblieben sind???“

Info& auf Mainz&: Ihr habt auch schlechte Erfahrungen oder gar dieselben mit DHL und/oder Amazon gemacht? Dann schreibt uns unter info(ät)mainzund.de! Wir haben uns nämlich jetzt mal an die jeweiligen Pressestellen gewandt. Weil wir das jetzt wissen wollen: wie groß ist das Problem? Was tun die Unternehmen, um solcherart Chaos zu verhindern? Dass wir kein Einzelfall sind, wissen wir nämlich: Ein Blick auf die Facebookseite von DHL genügt… Reaktionen von DHL? Praktisch keine. Inzwischen weiß ich von mindestens einem weiteren Paket, das irgendwo durch Deutschland irrt. Danke DHL. Wir werden dran bleiben, denn wir wollen wissen: Gedenkt DHL das Chaos auch noch mal zu lösen?

 

 

 

1 KOMMENTAR

  1. Hi Gisela,

    ich kann deinen Frust verstehen. Und ja, bei DHL & Co. läuft gerade einiges schief. Das Problem dafür ist: Das System wurde von seinem eigenen Erfolg überrannt!

    Der E-Commerce boomt seit einigen Jahren, ein Ende scheint nicht in Sicht. Und das ist auch gut so, denn ich – wie auch sehr viele andere Menschen – genießen es, eine gigantische Auswahl vorzufinden. Zumal es viele Produkt gibt, für die man keine Beratung braucht. Und es macht oft auch keinen Sinn, wegen Kleinigkeiten, ins Auto oder in Bus und Bahn zu steigen. Somit: Ohne Onlineshopping geht es kaum noch.

    Aber die Anbieter wie auch die Lieferdienste müssen daran arbeiten, wie sie die Ware besser ausliefern können. Und das tun sie auch: Paketboxen, Lieferung in den Nachbarsgarten, Abholung im Laden nebenan, Auslieferung per Drohnen, etc. – Ideen gibt es viele, doch an der Umsetzung klemmt’s teilweise noch. Das finde ich aber eigentlich in Ordnung. Denn die Misslage zwingt uns als Kunden dazu, mal wieder mehr über unseren Shoppingwahn nachzudenken. Macht es wirklich Sinn, bei Zalando 20 Pakete zu bestellen und davon 19 wieder zurückzuschicken? Muss wirklich jeder Kleinkram in einzelnen Paketen bei Amazon bestellt werden? Ist es sinnvoll, am 22. Dezember noch Weihnachtsgeschenke online zu bestellen?

    Kurz: Ja, E-Commerce ist klasse. Aber bitte mit mehr Bedacht, liebe Kunden!

    Gruß
    Jürgen

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