Der Vorgang bewegt seit gut einer Woche die Republik: Der Mainzer Fernsehsender ZDF stoppte vergangene Woche sehr kurzfristig den Auftritt des Rappers Danger Dan mit seinem neuen Song „Keine Angst“ aus der Kabarettsendung „Die Anstalt“ – nun verteidigt der Mainzer Kulturminister Sven Teuber (SPD) den Protestsong im Namen der Kunstfreiheit. Dabei ruft der Song explizit dazu auf, vermeintliche „Nazis“ zu stalken und zu denunzieren und grüßt explizit verurteilte linke Gewalttäter – Kritiker sprechen von einem Aufruf zur Selbstjustiz.

Der Social Media-Post von Igor Levitt (links) und Rapper Danger Dan zur Ausladung des ZDF wegen ihres Songs "Keine Angst". - Foto: Danger Dan, Screenshot: gik
Der Social Media-Post von Igor Levitt (links) und Rapper Danger Dan zur Ausladung des ZDF wegen ihres Songs „Keine Angst“. – Foto: Danger Dan, Screenshot: gik

Es war vor einer Woche, als der Rapper Danger Dan und der jüdische Pianist Igor Levit einen Post in den sozialen Netzwerken aus dem schönen München absetzten: Man habe gestern „einen wunderschönen freien Tag in München“ verlebt, „allerdings etwas unverhofft“ – man sei nämlich gerade vom ZDF ausgeladen worden, teilten die beiden Künstler am 16. Juli mit. Man sei eigentlich eingeladen gewesen, um in der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ ein antifaschistisches Lied zu spielen, „ganz kurz vor der Aufzeichnung hat allerdings die ZDF-Intendanz ihr Veto gegen unseren Auftritt eingelegt“, teilte Danger Dan mit.

Das Duo warf dem ZDF „Zensur“ vor und kritisierte, „dieser Eingriff in die Meinungs- und Kunstfreiheit ist skandalös.“ Es sei in diesen Zeiten“ notwendig, antifaschistische Lieder zu schreiben und zu spielen, „Lieder, die wehtun, Lieder, die aufrütteln, Lieder, die Ärger machen, Lieder, für die man dann eben auch Ärger bekommt“, heißt es weiter. Dass „eine ZDF-Intendanz autoritär in Sendungen eingreift, antifaschistisches Liedgut verbietet und eine Begründung verweigert, das erschüttert uns und das nennt man nicht Demokratie, das ist ein autoritärer Akt“, schimpften Dan und Levitt.

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Kulturminister Teuber verteidigt „Keine Angst“ als Kunstfreiheit

Das ZDF verteidigte sich umgehend: „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht, Danger Dan aus der ‚Anstalt‘ wieder auszuladen“, sagte Oliver Heidemann, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Show, und betonte: „Aber das Lied kann als Aufruf zu Gewalt verstanden werden“ – das stehe im Gegensatz zu den Programmrichtlinien. Es habe „eine intensive redaktionelle Bewertung“ gegeben, in die auch das Justitiariat des ZDF eingebunden gewesen sei, man habe keine Chance gesehen, das Lied in der Sendung angemessen einzuordnen.

Facebook-Post von Kulturminister Sven Teuber zu "keine Angst" - der Minister verteidigt das Lied als "Kunstfreiheit". - Screenshot: gik
Facebook-Post von Kulturminister Sven Teuber zu „keine Angst“ – der Minister verteidigt das Lied als „Kunstfreiheit“. – Screenshot: gik

Das Lied beinhalte „Passagen, die politischen Extremismus gutheißen, und als Aufruf zu illegalen Handlungen und Selbstjustiz verstanden werden können“, heißt es in einem redaktionellen Beitrag des ZDF zu dem Vorgang. Der Text klinge „wie ein Aufruf zur Bildung militanter Antifa-Gruppen“ und grüße am Ende verurteilte linksextremistische Gewalttäter. Den Unmut über die Kurzfristigkeit der Absage könne man nachvollziehen, die Ausladung sei aber zwei Tage vor der Aufzeichnung erfolgt – und ein Gesprächsangebot an Danger Dan zur Erläuterung der Entscheidung sei „bislang unbeantwortet“ geblieben.

Seither wird der Vorgang, aber auch der Liedtext von „Keine Angst“ im Internet ausführlich diskutiert, in diese Debatte schaltete sich einen Tag später auch der neue Mainzer Kulturminister Sven Teuber (SPD) ein. „Wenn Kunst nur noch erlaubt ist, solange sie niemanden stört – ist sie dann überhaupt noch frei?“, fragte Teuber rhetorisch in einem Post auf Facebook, und verwies auf die Kunstfreiheit: „Kunst muss nicht jedem gefallen. Sie darf irritieren, provozieren und Debatten auslösen. Gerade darin liegt ihr Wert.“ Der Minister schließt mit den Worten: „Haltung zählt! Überall.“

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„Keine Angst“: Aufruf zu Stalking, Denunziation und Verfolgung

Die Haltung, die der Minister verteidigt, liest sich allerdings im Originaltext so: „Ihr gründet eine Gruppe, die keinen Namen hat (…), Ihr habt keinen Bock auf Faschos und das hier ist eure Stadt./ Lasst euch nicht erwischen, schaut nach Überwachungskameras,/ Nie ohne Handschuh, nie ’nen Fingerabdruck hinterlassen./(…) Ihr dürft von Anfang an alles nur geheim kommunizier’n./ (…) Alles, was verboten sein könnte immer Face to Face.“

Protestplakat "Kein Platz für Nazis" vor ein paar Jahren auf einer Demo in Mainz gegen die AfD. - Foto: gik
Protestplakat „Kein Platz für Nazis“ vor ein paar Jahren auf einer Demo in Mainz gegen die AfD. – Foto: gik

Das Lied ruft explizit dazu auf, antifaschistische Gruppen zu bilden, Personen auszuspionieren, die man für „Nazischweine“ hält, „heimlich ihre Treffen und Demonstrationen zu fotografier’n“, sie mit Fake-Accounts in sozialen Netzwerken zu beobachten, und sie regelrecht zu stalken und zu verfolgen: „Dokumentiert alles, was Sie schreiben, alles was Sie sagen“, heißt es da: „Holt den Papiermüll ab, lauft Ihnen nach/ Zu Ihren Häusern, ihren Wohnungen, den Treffpunkten und Bars/ Meldet euch bei jeder Singlebörse an/ Irgendwie und irgendwann kommt man an jeden Nazi ran – Werdet dreist, delinquent, akribisch und kreativ.“

Damit aber nicht genug: Der Song ruft weiter dazu auf, diese Personen in ihrem Umfeld anzuschwärzen, mit Plakaten an den Pranger zu stellen und sogar mit Telefonanrufen „ihre Schulen, Unis, Arbeitgeber zu beraten: Man wünschte einen guten Tag und fragte dann wie passt so etwas in eure Firmenphilosophie“, heißt es wörtlich. Auf den Staat dürfe man sich dabei nicht verlassen, „es gibt so viele Faschos bei der Polizei“, heißt es, und weiter: „Das bedeutet: Parallel zum recherchier’n/ Müsst ihr eure Sicherheit selbst organisier’n.“

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Aufruf zu Selbstjustiz und Gewalt, Romantisierung linker Militanz

Und weiter heißt es: „Keine Angst, nehmt es selber in die Hand/ Die seh’n gefährlich aus aber wir legen sie lang./ Koordiniert euch, fangt an zu trainier’n, /Wenn ihr zusammen kämpft, dann kann es funktionier’n.“ Zu all diesen Aspekten äußerte sich Minister Teuber in seinem Statement übrigens nicht, Kritiker sehen in dem Liedtext hingegen einen klaren Aufruf zu Selbstjustiz und Gewalt, selbst die linke TAZ kommentierte, der Song sei „nicht nur politisch, sondern auch ästhetisch bedenklich“ – Levit und Danger Dan setzten „ein gefährliches Exempel“ und romantisierten linke Militanz.

Demo gegen Friedrich Merz im Februar 2025 in Berlin: Der öffentliche Pranger und die pauschale Diffamierung als "Nazi". - Screenshot: gik
Demo gegen Friedrich Merz im Februar 2025 in Berlin: Der öffentliche Pranger und die pauschale Diffamierung als „Nazi“. – Screenshot: gik

„Das systematische Sammeln und Veröffentlichen privater Daten einer Person ohne deren Zustimmung wird als Doxing bezeichnet und ist strafbar“, kommentiert Daniel Bax in der taz, und kritisiert: „Es mag Danger Dan und Igor Levit nicht gefallen, aber in einem Rechtsstaat haben auch Rechtsextreme ein Recht auf Privatsphäre.“ Das Lied sendet zudem am Ende „Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk“ – gegrüßt wird damit eine Gruppe von teils gerichtlich verurteilten Linksextremisten um Lina E., die als „Hammerbande“ bekannt wurde, weil sie lebensgefährliche Angriffen auf tatsächliche und vermeintliche Anhänger der rechten Szene in Sachsen und Thüringen verübte.

„Man kann ‚Keine Angst‘ getrost als völlig ironiefreie Handlungsanweisung lesen, die Dinge ’selber in die Hand‘ zu nehmen“, schreibt Bax, der Song sei aber „auch ein Zeitdokument: Er spiegelt die zunehmend paranoide und selbstgerechte Stimmung in einer Szene wider, die sich aus dem verständlichen Gefühl politischer Ohnmacht in fragwürdige Militanz-Fantasien flüchtet.“

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Juristen: Bedrohung, Hausfriedensbruch, falsche Verdächtigungen

Juristen sehen in dem Liedtext denn auch gleich eine ganze Reihe möglicher strafrechtlicher Tatbestände: In Frage kämen demnach Hausfriedensbruch wegen der Durchsuchungen von Papiermülltonnen, sowie Landfriedensbruch, womit das Gesetz unter Strafe stellt, „wer sich aus einer Menschenmenge heraus an Gewalttätigkeiten gegen Menschen/Sachen beteiligt oder aufwiegelnd auf die Menge einwirkt, um die öffentliche Sicherheit zu gefährden.“

Auch in Mainz gab es bereits wiederholt Demos mit Plakaten wie "Kein Fussbreit den Faschisten" - aber wer definiert, wer ein "Faschist" ist? - Foto: gik
Auch in Mainz gab es bereits wiederholt Demos mit Plakaten wie „Kein Fussbreit den Faschisten“ – aber wer definiert, wer ein „Faschist“ ist? – Foto: gik

Ferner kommen nach Einschätzungen von Juristen Bedrohungen und Gewalttätigkeiten gegen Menschen infrage, dazu Beleidigung, das Abhören von Personen, die Verletzung von Persönlichkeitsrechten durch Bildaufnahmen oder Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs sowie falsche Verdächtigungen – wie schnell das geht, zeigte schon die Debatte im Frühjahr 2025: Damals hatte der heutige Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) als Fraktionschef im Bundestag kurz vor der Bundestagswahl einen Antrag zur Migrationspolitik eingebracht, dem auch die AfD zustimmte.

Der Aufschrei von Links war gigantisch, es gab Demonstrationen, Mahnwachen und Proteste – dabei hatte es keinerlei Zusammenarbeit und nicht einmal Absprachen zwischen der CDU und der AfD gegeben. „Das, was in der Sache richtig ist, wird nicht falsch dadurch, dass die Falschen zustimmen“, verteidigte Merz sein Vorgehen – seine Anträge schickte er nicht der AfD, er schickte sie den Ex-Ampel-Parteien mit dem Angebot zur Zusammenarbeit.

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Beschimpfungen gegen CDUler: Wer ist ein „Nazischwein“?

Trotzdem verbreiteten SPD, Grüne und Linke das Narrativ, das sei „ein Tabubruch“, Merz öffne „Rechtsextremen Tür und Tor zur Macht“ – das rief prompt antifaschistische Gruppen auf den Plan, und das hatte Folgen: Bundesweit wurden CD-Parteibüros angegriffen und  beschmiert und unbescholtene CDU-Ehrenamtliche an Wahlkampfständen als „Nazis“ beschimpft – eine Mitarbeiterin der CDU-Parteizentrale in Mainz erhielt sogar Morddrohungen. Wer immer als „rechts“ identifiziert wurde, wurde sofort als „Fascho“ einsortiert – werde also entscheidet, wer von Antifa-Gruppen „geoutet“ wird?

"Demo gegen Rechts" im Februar 2025 vor der Parteizentrale der CDU Rheinland-Pfalz in Mainz. - Foto: Adrian Urban
„Demo gegen Rechts“ im Februar 2025 vor der Parteizentrale der CDU Rheinland-Pfalz in Mainz. – Foto: Adrian Urban

„Wenn ich zu dem Ergebnis komme, der Text überschreitet Grenzen, indem er Gewalt zumindest billigt, dann darf ich ihn als staatliche Organisation nicht mehr öffentlich machen“, sagte Fabian Wittreck, Professor für Öffentliches Recht an der Universität Münster, gegenüber dem ZDF. Kulturminister Teuber hingegen betont, eine offene Gesellschaft müsse „unterschiedliche Perspektiven aushalten“ und darüber diskutieren, „statt sie vorschnell aus dem Raum zu drängen: Wo ziehst du die Grenze zwischen Kunstfreiheit und Verantwortung?“

Die AfD im Mainzer Landtag warf Teuber denn auch vor, „linksextreme Gewaltphantasien und die Forderung nach Selbstjustiz“ zu verteidigen und sich „für den offenkundigen Linksextremisten Danger Dan und sein Machwerk“ einzusetzen – das zeige, „wie sehr Teuber mit „der Szene der radikalen Linken geistig verwoben“ sei, schimpfte der Kulturpolitische Sprecher der AfD, Joachim Paul – und rief Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) zum Eingreifen auf: „Wenn Schnieder nicht nur Benutzeroberfläche der Teuber-SPD sein will, muss er diesem Treiben Einhalt gebieten.“

Info& auf Mainz&: Den ganzen Text von „Keine Angst“ samt Kommentar dazu lest Ihr hier bei der taz. Eine Einordnung des ZDF zu dem gesamten Vorgang findet Ihr hier.