In knapp drei Wochen jährt sich die Flutkatastrophe im Ahrtal zum fünften Mal, nun räumt ein Vertreter der Landesregierung in Mainz in ungewohnter Offenheit ein: Die Menschen im Ahrtal stehen weiter vor „großen Herausforderungen“, viele Wohnhäuser, Betriebe und Infrastruktureinrichtungen seien noch nicht wiederhergestellt – und das Leid der Menschen noch deutlich spürbar. Das sagte jetzt Opferbeauftragte der Landesregierung, der Detlef Placzek, und forderte: „Wir dürfen die Menschen nicht alleine lassen.“

Ahrtal-Helfer nach der Flutkatastrophe im Ahrtal vor Schlamm und Trümmern der zerstörten Häuser. - Foto: Flutmuseum Michael Lang
Ahrtal-Helfer nach der Flutkatastrophe im Ahrtal vor Schlamm und Trümmern der zerstörten Häuser. – Foto: Flutmuseum Michael Lang

Vor fünf Jahren rollte in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 eine gigantische Flutwelle durch das Ahrtal, die bis zu zehn Meter hohen Fluten verwüsteten das gesamte Tal von Schuld bis zur Mündung in den Rhein bei Sinzig – es wurde eine veritable Apokalypse. 17.000 Menschen verloren alles. Über 9.000 Gebäude wurden zerstört oder schwer beschädigt. Mehr als 100 Brücken wurden weggerissen, wochenlang danach gab es keinen Strom, kein Trinkwasser, kein Telefon.

Das Schlimmste dabei: Menschen wurden in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, viele ertranken in ihren eigenen Häusern – 136 Menschen verloren in der Flutnacht alleine im Ahrtal ihr Leben, eine Person davon wird bis heute vermisst. Der Tag danach offenbarte Bilder, die sich tief in das Gedächtnis einbrannten: Straßenzüge standen meterhoch unter Schlamm und Öl, ein bestialischer Gestank lastete auf dem Tal, und eine unheimliche Stille.

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Warten auf Finanzhilfen: Bis heute erst 3,6 Milliarden Euro bewilligt

Der Gesamtschaden: bis zu 40 Milliarden Euro. Doch die Bewältigung der Flutkatastrophe und der Wiederaufbau danach, er gelang nur schleppend. „Schnelle und unbürokratische Hilfe“ hatte die Politik direkt nach der Katastrophe versprochen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte den Satz, Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) auch. Der Bund stellte einen rund 30 Milliarden Euro schweren Hilfsfonds für die betroffenen Länder Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zur Verfügung, allein 17 Milliarden stehen für Rheinland-Pfalz parat.

Bis heute gibt es regelrechte "Lost Places" im Ahrtal, wie dieses Hotel in Altenahr, das noch im Sommer 2025 so aussah, wie kurz nach der Flut. - Foto: gik
Bis heute gibt es regelrechte „Lost Places“ im Ahrtal, wie dieses Hotel in Altenahr, das noch im Sommer 2025 so aussah, wie kurz nach der Flut. – Foto: gik

Knapp fünf Jahre danach waren bis Ende April 2026 gerade einmal rund 3,6 Milliarden Euro bewilligt, fast 450 Anträge von Privatpersonen sind bei der landeseigenen ISB-Bank noch immer nicht abgearbeitet. Bislang galt unter der SPD-geführten Landesregierung eher die Devise Abwiegeln, doch seit Mai hat Rheinland-Pfalz eine neue Landesregierung unter CDU-Führung, und Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) forderte im Interview mit Mainz&, in den Wiederaufbau müsse mehr Tempo reinkommen: „Wir müssen uns diese (problematischen) Fälle noch einmal genau ansehen und schauen, wie sie gelöst werden können“, forderte der Ministerpräsident dabei.

Nun äußert sich ein anderer Vertreter der Landesregierung in ungewohnter Offenheit zu dem Thema: Auch fünf Jahre nach der Flut gebe es weiter „Handlungsbedarf, viele Wohnhäuser, Betriebe und Infrastruktureinrichtungen sind noch nicht endgültig wiederhergestellt“, sagte Detlef Placzek, alter und neuer Opferbeauftragter der Landesregierung – und räumte ein: „Zahlreiche Betroffene sehen sich weiterhin mit komplexen Verfahren, finanziellen Belastungen und den Anforderungen des Wiederaufbaus konfrontiert.“

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Opferbeauftragter Placzek: „Dürfen Menschen nicht alleine lassen“

Auch fünf Jahre nach der verheerenden Flutkatastrophe seien „die Folgen für viele Betroffenen noch immer spürbar“, sagte Placzek weiter: In Gesprächen, die er mit den Menschen führe, werden noch immer das große Leid deutlich, das die Ereignisse des Sommers 2021 verursacht hätten. „Fünf Jahre nach der Flut dürfen wir die Menschen nicht alleine lassen“, betonte Placzek: „Viele haben Enormes geleistet, stehen aber weiterhin vor großen Herausforderungen.“

Der Bahnhof von Mayschoß durch die zerstörten Räume der Winzergenossenschaft Mayschoß im Juli 2022. - Foto: gik
Der Bahnhof von Mayschoß durch die zerstörten Räume der Winzergenossenschaft Mayschoß im Juli 2022. – Foto: gik

Die Worte dürften einigen im Ahrtal wie Hohn vorkommen, vor allem jenen, die seit fünf Jahren für eine Rückkehr in ein normales Leben kämpfen, sich aber mit enormen Hürden und völlig überzogener Bürokratie konfrontiert sehen – die Bürokratie nach der Flut war die zweite Katastrophe, und sie hat viele Menschen im Tal zermürbt und schier in den Wahnsinn getrieben. „Ich habe keine Lust mehr, dass wir hingehalten, ausgebremst und verschaukelt werden“, sagte etwa Thorsten Rech, Betreiber des Restaurants „Bahnsteig 1“ in Mayschoß wenige Tage vor dem vierten Jahrestag der Ahrflut, dem Magazin Focus.

Rech hat inzwischen  eine Bürgerinitiative gegründet, in der allein rund 50 Betroffene zusammengeschlossen sind, die mit der unendlichen Bürokratie kämpfen, und die noch immer auf das ihnen versprochene Geld warten. „Es ist wichtig, dass alle verfügbaren Hilfen genutzt werden und niemand mit seinen Sorgen und Problemen allein bleibt“, sagte Placzek nun, und bot erneut an: Er stehe den von der Flut betroffenen Menschen auch weiter als Ansprechpartner zur Seite und wolle auch „in sehr schwierigen, ins Stocken geratenen Fällen des Wiederaufbaus“ unterstützen.

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Antragsfrist für Wiederaufbaugelder läuft am 30. Juni 2926 aus

Placzek wies auch noch einmal darauf hin, dass die Frist zur Beantragung von Wiederaufbauhilfen nun endgültig ausläuft: Betroffene können nur noch bis zum 30. Juni 2026 Anträge einreichen. „Alle Betroffenen, die bislang keinen Antrag eingereicht haben oder Unterstützung bei der Antragstellung benötigen, werden dringend gebeten, die verbleibende Zeit zu nutzen und die verfügbaren Hilfen in Anspruch zu nehmen“, sagte Placzek. Hilfsangebote und Kontaktadressen dazu findet Ihr hier im Internet.

Altenahr am 14. Juli 2025: Stilles Gedenken auf den Treppenstufen der Kirche in Altenahr. - Foto: gik
Altenahr am 14. Juli 2025: Stilles Gedenken auf den Treppenstufen der Kirche in Altenahr. – Foto: gik

Vergangenes Jahr ließ sich zum vierten Jahrestag der Flutkatastrophe kaum ein Landespolitiker bei den Gedenkveranstaltungen im Ahrtal blicken, neben dem damaligen Ministerpräsidenten Alexander Schweitzer (SPD) und der damaligen Umweltministerin Katrin Eder (Grüne) war kein einziger Minister vertreten – und lediglich ein einziger Landtagsabgeordneter bei der offiziellen Gedenkveranstaltung im Kurpark von Bad Neuenahr.

Das dürfte dieses Jahr anders werden, auch weil Ministerpräsident Schnieder angekündigt hat, die Landesregierung werde rund um den Jahrestag sehr präsent sein im Ahrtal. Und womöglich gibt es dann auch die längst überfällige offizielle Entschuldigung der Regierung für Fehler und Versäumnisse in der Flutnacht – Schnieder verspricht bis heute. Die Entschuldigung werde kommen – „zu gegebener Zeit“.

Info& auf Mainz&: Alle Artikel rund um die Flutkatastrophe im Ahrtal und die Folgen danach findet Ihr hier in unserem großen Mainz&-Dossier. Mehr zum Frust der Menschen im Ahrtal fünf Jahre nach der Flutkatastrophe sowie den Schwierigkeiten des Wiederaufbaus haben wir ausführlich hier auf Mainz& berichtet:

Mainz& politisch: Die Flutkatastrophe im Ahrtal und die Landtagswahl – Verhallt der Aufschrei der Gefrusteten ungehört?