Seit März 2020 gehört sie zu mit den meist diskutiertesten Fragen: Wie hoch ist die Corona-Infektionsgefahr im öffentlichen Nahverkehr? Seit Beginn der Corona-Pandemie meiden gerade Pendler Busse und Bahnen aus Angst vor Ansteckungen, die Zahl der Passagiere brach auf die Hälfte ein und erholte sich bis heute nicht wieder. Eine Studie kommt nun zu dem Ergebnis: In Bussen und Bahnen gibt es nicht mehr Ansteckungen als im Individualverkehr, es gibt kein erhöhtes Infektionsrisiko im ÖPNV. Fahrgäste könnten wieder mit einem besseren Gefühl in Busse und Bahnen einsteigen, heißt es nun – doch wie belastbar sind Studie und Zahlen? Mainz& hat nachgefragt.

Wie hoch ist die Infektionsgefahr in Bussen und Bahnen in der Coronazeit? - Foto: gik
Wie hoch ist die Infektionsgefahr in Bussen und Bahnen in der Coronazeit? – Foto: gik

Die Corona-Pendler-Studie wurde von der Berliner Charité Research Organisation (CRO) im Auftrag der Verkehrsminister der Länder und des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) durchgeführt, die RSO ist eine Tochtergesellschaft der Berliner Charité, an der Deutschlands bekanntester Virologe Christian Drosten wirkt, der aber an der Studie selbst nicht beteiligt war. Die Idee zur Studie entstand Ende 2020 im Zusammenspiel zwischen dem baden-württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) gemeinsam mit dem VDV, beuuaftragt und bezahlt wurde sie dann von den Verkehrsministern der Bundesländer, auch Rheinland-Pfalz war dabei.

Erstmals wurde dabei die Infektionsgefahr von Fahrgästen nicht unter Laborbedingungen oder auf Grundlage statistischer Berechnungen abgeschätzt, sondern real bei der täglichen Fahrt zur Arbeit, Ausbildung oder Schule untersucht, betont man beim VDV, der am Montag die Ergebnisse publik machte. „Ein solcher Ansatz ist im Rahmen von Covid-Untersuchungen im Mobilitätssektor bislang einzigartig“, heißt es beim VDV – tatsächlich gab es in Deutschland bislang ausgesprochen wenig Studien zur Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus, und das, obwohl die Pandemie bereits seit März 2020 tobt. Doch bisher heiß es auf Nachfragen in den Gesundheitsämtern stets: Wir wissen nicht, wo sich die Menschen anstecken – und nein, man wisse auch nicht, wie es mit der Infektionsgefahr in Bussen und Bahnen bestellt sei.

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Wer mit dem ÖPNV unterwegs ist, hat zumindest kein höheres Infektionsrisiko als beim Pendeln mit dem Auto, sagt nun eine Studie. - Foto: gik
Wer mit dem ÖPNV unterwegs ist, hat zumindest kein höheres Infektionsrisiko als beim Pendeln mit dem Auto, sagt nun eine Studie. – Foto: gik

Diese Frage beantwortet die neue Studie nun ebenfalls nicht, doch sie zieht einen interessanten Vergleich: Untersucht wurden 681 Teilnehmer, bei denen je die Hälfte entweder mit dem Öffentlichen Nahverkehr zur Arbeit fuhr – oder eben mit Auto, Motorrad oder Fahrrad. Insgesamt wurden für die Studie 736 freiwillige Probanden im Alter zwischen 16 und 65 Jahren ausgesucht, die zunächst auf eine durchgemachte oder akute Corona-Infektion untersucht wurden – übrig blieben danach 681 Teilnehmer.

Die eine Hälfte – genau 337 Teilnehmer – pendelte nun vier Wochen lang jeden Tag mit Bus oder Bahn zur Arbeit oder zur Schule, und zwar mindestens 15 Minuten und bis zu 30 Minuten in eine Richtung. Die zweite Gruppe, 328 Teilnehmer, fuhren entweder mit dem Auto, oder mit Motorrad oder Fahrrad, und zwar ebenfalls zwischen 15 und 30 Minuten pro Strecke. Während des Studienzeitraumes führten die Teilnehmer zudem ein digitales Tagebuch über ihr Mobilitätsverhalten, in dem auch Kontakte, Erkältungssymptome und die Einhaltung der Hygieneregeln im ÖPNV festgehalten wurden.

Die Corona-Pendler-Studie wurde im Rhein-Main-Gebiet im Bereich des RMV durchgeführt. - Foto: gik
Die Corona-Pendler-Studie wurde im Rhein-Main-Gebiet im Bereich des RMV durchgeführt. – Foto: gik

Die Studie fand im Rhein-Main-Gebiet statt, die Pendler waren mit dem Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) unterwegs, und zwar sowohl mit Bussen, als auch mit S-Bahn, Straßenbahn oder Regionalbahn. Die Teilnehmer wurden zu Beginn und zum Ende der Studie medizinisch mit PCR-Tests oder Antikörper-Tests untersucht, eine weitere Kontrolluntersuchung fand nach fünf Wochen statt.

Das Ergebnis: Binnen dieser vier Wochen infizierten sich 12 Personen aus der ÖPNV-Gruppe mit dem Coronavirus, aber 14 aus der Gruppe des Individualverkehrs. Das Charité Research Institut zieht daraus die Schlussfolgerung: Die regelmäßige Nutzung von Bussen und Bahnen führt nicht zu einer höheren Ansteckungsgefahr, ein erhöhtes Infektionsrisiko im ÖPNV besteht nicht. Tatsache ist auch: Die Probanden, die sich infizierten, konnten auf Nachfrage nicht genau angeben, wo sie sich infiziert hatten, eine Infektion in Bussen und Bahnen ist also nicht nachgewiesen. Die meisten Menschen, heißt es beim Gesundheitsamt Mainz-Bingen seit Monaten, wüssten aber nicht, wo genau sie sich infiziert hätten – zu vielfältig sind die Möglichkeiten.

Mehrfach musste der RMV Werbeaktionen für das Einhalten der Maskenpflicht in seinen Bussen und Bahnen starten. - Foto: RMV
Mehrfach musste der RMV Werbeaktionen für das Einhalten der Maskenpflicht in seinen Bussen und Bahnen starten. – Foto: RMV

Die Studie zeigt nun aber eben auch: das Infektionsrisiko steigt durch die Nutzung von Bussen und Bahnen offenbar nicht an – allerdings wurde die Studie auch im Februar und März 2021 durchgeführt, zu einem Zeitpunkt also, als bereits strenge Maskenpflicht in Bussen und Bahnen galt, und diese auch vom RMV im Gegensatz zum Beginn der Pandemie strikt durchgesetzt wurde. Auch galt zu diesem Zeitpunkt bereits ein ausgereiftes Hygienekonzept beim RMV mit regelmäßigem Reinigen und Lüften der Fahrzeuge, sowie mit Abstandsregeln und Desinfektionsmaßnahmen. Auch waren zum Zeitpunkt der Studie nur rund 47 Prozent der Fahrgäste unterwegs, die der RMV vor der Corona-Pandemie in seinen Fahrzeugen zählte.

Für den RMV ist die Studie eine Bestätigung, dass die Hygienekonzepte greifen und das Reisen in Bussen und Bahnen zumindest nicht unsicher machen: „Die Nutzung von Bus und Bahn ist so sicher wie die Fahrt mit dem eigenen Auto, das belegen die Ergebnisse der Charité-Studie eindeutig“, betonte RMV-Chef Knut Ringat. Der RMV sei mit rund 2,5 Millionen Fahrgästen pro Tag in einem Ballungsräum mit etwa fünf Millionen Menschen in Großstädten, Ballungsräumen und ländlicheren Gebieten für die Nahverkehrsnutzung in Deutschland durchaus repräsentativ. Von Seiten des VDBV heißt es zudem, die Randomisierung der Probanden – also die Zufallsauswahl – sowie die breite Altersspanne  und die fast gleich großen Gruppengrößen hätten zu einer guten Vergleichbarkeit der ÖPNV- und IV-Gruppen geführt, Fachleute sprächen von einer sogenannten Kohortenstudie.

Wenig Fahrgäste, viel Abstand, Maskenpflicht - Schlüsselelemente für einen sicheren ÖPNV. - Foto: gik
Wenig Fahrgäste, viel Abstand, Maskenpflicht – Schlüsselelemente für einen sicheren ÖPNV. – Foto: gik

Baden-Württembergs Verkehrsminister Hermann sprach sogar von einer „wissenschaftlichen Klarheit für die Fahrgäste, dass die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel im Verhältnis zu anderen Verkehrsmitteln nicht mit einem erhöhten Ansteckungsrisiko verbunden ist.“ Diese diffuse Sorge habe dazu beigetragen, dass die Fahrgastzahlen im ÖPNV teilweise deutlich eingebrochen seien und mittlerweile sogar Stammkunden ihre Abos kündigten. Auch die Mainzer Mobilität hatte schon im Juni 2020 einen drastischen Einbruch der Fahrgastzahlen auf etwa die Hälfte verkündet, und damit auch ein dickes Umsatzminus: „Das Mobilitätsverhalten hat sich verändert“, sagte Stadtwerke-Chef Daniel Gahr, „die Leute fahren mehr Fahrrad, aber eben leider auch wieder mehr Pkw.“

Die Verkehrsverbünde suchen deshalb nun nach Wegen, die Menschen wieder zur Rückkehr in Busse und Bahnen zu bewegen. Die Untersuchung der Charité sei „ein wichtiger Baustein zur Rückgewinnung der Fahrgäste“, sagte denn auch VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff, und betonte: „Unsere Branche sichert gerade in Zeiten von Pandemie und Lockdown die Mobilität von Millionen Menschen in systemrelevanten Berufen.“ Die Einnahmenverluste der Unternehmen seien aber immens, „solche Studienergebnisse sind ein wichtiger Baustein, um Vertrauen und damit Kundinnen und Kunden zurückzugewinnen.“

Die Ergebnisse seien „eine gute Nachricht für die Stammkunden im ÖPNV, aber auch für die vielen Fahrgäste, die in den letzten Monaten aufgrund eines Unbehagens auf die Nutzung von Bus und Bahn verzichtet haben“, sagte die derzeitige Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz, die Bremer Senatorin für Mobilität, Maike Schaefer. Gleichzeitig wolle sie aber nachdrücklich darauf hinweisen: Die Ergebnisse der Studie seien nur dann weiter gewährleistet, wie sich an Abstand, Maske und Durchlüften gehalten werde – und dass auch die geringere Auslastung des ÖPNV dazu beitrage.

Erst kürzlich hatte eine Aerosol-Studie der Berliner Charité gezeigt, dass Lüften auch in Bussen und Bahnen ein wesentlicher Baustein ist. Geöffnete Fenster sowie regelmäßige Türöffnungen reduzierten demnach die Aerosolkonzentration in den Fahrzeugen um bis zu 80 Prozent – mehr dazu hier im Internet.

Info& auf Mainz&: Mehr Informationen zu der Studie sowie zu anderen Untersuchungen zu Corona und ÖPNMV findet Ihr hier bei der Kampagne #besserweiter vom Verband der Verkehrsunternehmen im Internet. Mehr zur verheerenden Corona-Bilanz der Mainzer Mobilität könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen, Informationen zum Thema Aerosole und Innenräume findet Ihr hier bei Mainz&.

2 KOMMENTARE

  1. Auch wenn die Studie nicht absolut beweisend ist, gibt es dennoch Erkenntnisse. Da sich auch Autofahrer genau so oft angesteckt haben wie Fahrgäste, zeigt, dass der Schwerpunkt offenbar in privater Sorglosigkeit liegt. Inzwischen gibt man verschämt zu, dass Ballungen von der Sorte Großfamilie Verbreitungsquellen sind. Trotz meines Alters fahre ich angstfrei und sogar mehr als früher mit dem ÖPNV. Es stehen die Klappfenster auf und an jeder Haltestelle werden alle Türen zum Luftaustausch geöffnet. Wer macht das im privaten Bereich? Gedränge gibt es nicht, jedenfalls nicht zu meinen Fahrzeiten. An jeder Ladenkasse ist weitaus mehr los und beim Personal scheint es dennoch keine Häufung zu geben. Als begleitende Schutzmaßnahme sollte Zurückhaltung beim Sprechen eingeführt werden. Denn es ist immer wieder zu beobachten, dass gerade in Gruppen heftig palavert wird und zum besseren Verständnis werden oft die Masken gelüftet. Feuchte Aussprache ist der stärkste Übertragungsweg.

  2. Was den Sinngehalt derartiger Studien, ohne hinreichende Vergleichsgruppen und Randbedingungen betrifft:

    Die Neue Dr. Marlboro-Studie belegt, dass Rauchen nicht gesundheitsschädlich ist.
    Sie empfiehlt vor dem Hintergund der aktuellen Situation, dass Rauchen in ÖPNV wieder zugelassen werden sollte, da dann die Aerosolverteilung in den Fahrzeugen und Wägen auch vom Laien optisch registriert werden und angemessene Gegenmaßnahmen eingeleitet werden könnten.
    Mensch findet: Eine Gute Idee :-)=)

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