Wenn Ihr am Wochenende auf dem Mainzer Rhein-Frühling Karussell fahrt und die besondere Stimmung genießt, dann tut Ihr das auf besonders traditionsreichem Boden: Die Schaustellerkultur gehört jetzt nämlich zum UNESCO-Weltkulturerbe der Menschheit. Die UNESCO würdigte damit die seit über 1.200 Jahren gewachsene und gelebte Tradition der Volksfeste und vor allem die Kultur der Schausteller. Bei den Mainzern ist man denn auch gehörig stolz – und knüpft daran eine Forderung: Die Neuordnung des Mainzer Rheinufers drohe die traditionsreiche Kirmes zu verdrängen, das dürfe nicht sein.

Volksfeste und die Schaustellerkultur, die diese Feste trägt, sind nun Teil des immateriellen Weltkulturerbe der Menschheit - hier der Mainzer Rhein-Frühling. - Foto: gik
Volksfeste und die Schaustellerkultur, die diese Feste trägt, sind nun Teil des immateriellen Weltkulturerbe der Menschheit – hier der Mainzer Rhein-Frühling. – Foto: gik

Mit der Auszeichnung „immaterielles Weltkulturerbe“ würdigt die UNESCO weltweit besondere Traditionen und Handwerkskünste, dazu gehören etwa die Mainzer Dombauhütte und seit 2021 auch die deutsche Weinkultur, ebenso zum materiellen Erbe der Menschheit gehören ja außerdem die jüdischen Schum-Stätten aus dem Mittelalter in Mainz, Worms und Speyer. Nun kommt eine weitere Tradition hinzu: Die UNESCO hat die Schaustellerkultur auf Volksfesten in Deutschland in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Die UNESCO würdige damit die mehr als 1.200 Jahre alte gewachsene und gelebte Tradition der rund 5.600 Schaustellerfamilien in Deutschland sowie die Bedeutung der Volksfestkultur, freute sich der Deutsche Schaustellerbund auf seiner Homepage. Das sei „eine große Ehre, und damit ein starkes Signal für unseren Berufsstand“, betonte der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes, Albert Ritter. Die Auszeichnung zeige: „Volksfeste – aber auch unsere geliebten Weihnachtsmärkte – sind weit mehr als ein Freizeitangebot – sie sind ein zentraler Bestandteil unserer kulturellen Identität.“

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Sottile: „Schausteller ist eine Herzensangelegenheit“

Jedes Jahr begrüßten Schausteller auf rund 9.750 Volksfesten etwa 200 Millionen Gäste, teilte der Verband weiter mit: „Ob Kirmes, Kirchweih, Jahrmarkt, Schützenfest, Dult oder Kerwe – kein anderes Freizeitvergnügen erlebt vergleichbaren Zuspruch. Volksfeste laden die Menschen zum Miteinander ein – ungeachtet ihres gesellschaftlichen, ethnischen, religiösen oder finanziellen Hintergrundes – und bei freiem Eintritt. Sie schaffen Identität, einen die Menschen und geben Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen – ganz analog, von Angesicht zu Angesicht.“

Der Sprecher der Mainzer Schausteller, Marco Sottile, im Interview mit Mainz&: Freude über die Auszeichnung und Sorge über die Zukunft. - Foto: gik
Der Sprecher der Mainzer Schausteller, Marco Sottile, im Interview mit Mainz&: Freude über die Auszeichnung und Sorge über die Zukunft. – Foto: gik

Träger dieser Kultur seien eben die Schausteller, die ihr Wissen und ihre handwerklichen Fähigkeiten von Generation zu Generation weitergeben und ihre Angebote kontinuierlich weiter entwickelten – voller Tradition und Innovation, Vertrautem und Vielfalt. das sieht man auch in Mainz so: „Ich war richtig fassungslos, als ich es gehört habe, die Telefone und Whatsapp-Kanäle haben nicht mehr stillgestanden“, sagte Marco Sottile, Sprecher der Interessengemeinschaft Mainzer Schausteller im Interview mit der Internetzeitung Mainz&. Die Entscheidung mache die ganze Branche sehr glücklich, „das ist ein Riesenerfolg“, sagte Sottile.

„Schausteller ist nicht einfach ein Beruf, Schausteller ist eine Herzensangelegenheit“, betonte Sottile: „Der Arbeitsplatz der Eltern ist auch gleichzeitig der Spielplatz für die Kinder – man wird damit groß, und man hängt daran, über Generationen hinweg.“ Auch in Mainz haben Volksfeste und Schaustellerei eine lange Tradition, über 650 Jahre alt ist allein schon der Mainzer Rhein-Frühling, die traditionelle Frühjahrsmesse rund um Ostern, die gerade stattfindet.

Sottile: Rheinufer-Neugestaltung bedroht Kirmes am Rheinufer

Doch aus Sicht der Schausteller ist das große Volksfest bedroht – Grund ist der geplante Umbau des Mainzer Rheinufers: „Es ist traurig zu hören, dass man dann sagt, die Fläche am Rheinufer soll teilweise wegfallen“, sagt Sottile, und betont: „Wir sind nicht dagegen, dass das Rheinufer verschönert wird, aber wir sagen, das Ufer muss auch weiter funktional genutzt werden können.“ Das betreffe den Mainzer Rhein-Frühling, aber auch die Messe an der Johannisnacht. „Die Attraktivität kommt zu kurz, wenn wir nicht mehr die ganze Fläche haben“, sagt Sottile. Dann drohten Attraktionen wie etwa das Riesenrad wegzufallen.

Das größte transportable Riesenrad sowie das Kettenkarussell sind Markenzeichen des Mainzer Rhein-Frühlings, mit der Neugestaltung des Rheinufers nach jetzigen Plänen wäre für sie kein Platz mehr. - Foto: gik
Das größte transportable Riesenrad sowie das Kettenkarussell sind Markenzeichen des Mainzer Rhein-Frühlings, mit der Neugestaltung des Rheinufers nach jetzigen Plänen wäre für sie kein Platz mehr. – Foto: gik

„Es ist das größte transportable Riesenrad Europas“, erklärte Sottile, auf den anderen Flächen entlang des Rheinufers könne das nicht aufgestellt werden. Nach den derzeitigen Plänen drohe der Wegfall von einem Drittel der Fläche für die Kirmes, dort stehe jetzt neben dem Riesenrad auch das Kettenkarussell. „Da geht es um Existenzen, um Überleben und auch um den Erhalt der Attraktivität der Landeshauptstadt Mainz“, sagte Sottile, und kündigte an: „Wir werden das jetzt auch mit Nachdruck nachprüfen lassen, wie der Stand ist. Wir müssen die Fläche behalten und weiter bespielen können.“

Das gelte ganz besonders nach dieser Auszeichnung als Weltkulturerbe: „Das ist ein Meilenstein für unseren Berufsstand, und wir werden alle dafür kämpfen, dass wir diese Fläche behalten können.“ Volksfeste seien „das Anti-Depressivum für die Gesellschaft“, sagte Sottile noch, das müsse unbedingt erhalten bleiben.

 

Matz: Messen & Schausteller Teil unserer Historie, nicht wegzudenken

„Die Ehrung ist enorm wichtig, wir können das als Stadt nur begrüßen und unterstützten“, sagte auch die Mainzer Wirtschaftsdezernentin Manuela Matz (CDU) gegenüber Mainz&. Messen und Märkte hätten eine Jahrhunderte alte Tradition und seien heute noch genau so wichtig. Städte hätten über Jahrhunderte von den Marktrechten stark profitiert, das gelte auch heute noch.

„Man hat mit dem Rhein-Frühling eine Messe, die bereits 650 Jahre alt ist, und die Menschen immer noch begeistert“,  sagte Matz. Kirmes und Rummel seien Besuchermagnete und böten jetzt gerade über Ostern Entspannung und Freude, gerade auch für die Menschen, die nicht wegfahren könnten. Die Stadt profitiere davon, sagte Matz: „Aus unserer Kultur sind die Schausteller nicht wegzudenken.“

Info& auf Mainz&: Mehr zum Mainzer Rhein-Frühling 2026 und seinen Attraktionen lest Ihr hier auf Mainz&. das ganze Interview mit Marco Sottile findet Ihr hier auf unserem Mainz&-Facebook-Account.

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