Paukenschlag in der Mainzer Kulturszene: Das Mainzer Gutenberg-Museum verliert seine profilierte und streitbare Leiterin. Museumsdirektorin Annette Ludwig werde das Gutenberg-Museum voraussichtlich im Frühjahr 2022 verlassen, teilte die Stadt Mainz am Mittwoch mit. Ludwig wird Direktorin der 21 Weimarer Museen der renommierten Klassik Stiftung Weimar, die Kunsthistorikerin leitete 12 Jahre lang das Mainzer „Weltmuseum der Druckkunst“ und stellte maßgeblich die Weichen für seinen Neubau. Für Frust sorgten bei der rührigen Museumsdirektorin vor allem die Vorgänge rund um den Bibelturm.

Die Direktorin des Mainzer Gutenberg-Museums, Annette Ludwig, wechselt 2022 nach Weimar. - Foto: Klassik Stiftung Weimar
Die Direktorin des Mainzer Gutenberg-Museums, Annette Ludwig, wechselt 2022 nach Weimar. – Foto: Klassik Stiftung Weimar

Am Montag hatte der Stiftungsrat der renommierten Klassik-Stiftung Weimar die 58-jährige Kunsthistorikerin an die Spitze der 21 Museen der Stiftung berufen, Annette Ludwig wird damit wohl voraussichtlich im Frühjahr 2022 Mainz in Richtung Weimar verlassen. Dort tritt sie die Nachfolge von Wolfgang Holler an, der zum 1. Februar 2022 in den Ruhestand wechselt. Man freue sich auf eine erfahrene Museumsexpertin, mit der man sich eine kreative Entwicklung der Museumslandschaft verspreche, heißt es in der Pressemitteilung der Stiftung. Ludwig sei eine profilierte Museumsmanagerin, stehe sowohl für einen innovativen Modernisierungskurs für das Museum und habe als Kuratorin für das 19. bis 21. Jahrhundert international beachtete Sonderausstellungen zu Typografie, Buchkunst und Druckgrafik verantwortet.

Ludwig war 2010 als Nachfolgerin von Eva-Maria Hanebutt-Benz Direktorin des Mainzer Gutenberg-Museums geworden, zwölf Jahre lang leitete sie die Geschicke des Druckkunst-Museums in Gutenbergs Heimatstadt. Ludwig verschrieb dem Museum mit seinen vielfach angestaubten Präsentationen einen Modernisierungskurs, sie richtete viel beachtete Ausstellungen wie etwa die Moving Types 2011 aus und schuf vor allem die Verknüpfung vom Erbe Gutenbergs zur modernen digitalen Revolution – Ludwig holte damit den Revolutionär Gutenberg in die Gegenwart und verankerte seine Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern fest im heutigen Bewusstsein von Mainzern, Besuchern und überregionaler Wissenschaftslandschaft.

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Schwer in die Jahre gekommen und viel zu klein: Der Schellbau des Gutenberg-Museums. - Foto: gik
Schwer in die Jahre gekommen und viel zu klein: Der Schellbau des Gutenberg-Museums. – Foto: gik

Zwölf Jahre lang kämpfte Ludwig aber vor allem auch den Kampf um ein modernes Museumsgebäude: 2015 legte sie ihre Vision „Gutenberg 2020“ vor, es war nichts weniger als der Plan für ein runderneuertes Gutenberg-Museum. „Wir wollen ein lebendiges Museum werden, Maschinen zum Sprechen bringen, neue Elemente integrieren“, sagte Ludwig damals im Gespräch mit Mainz&: Aus einem „Haus stummer Bücher“ solle „ein Haus werden, das Geschichten erzählt.“ Mehr Partizipation und Interaktion mit den Besuchern, moderne Ausstellungsformen, auch mit Hilfe digitaler Technik, eine Neuausrichtung der Inhalte an Themengebieten wie Ästhetik, Zeitläufe, Ökonomie, Kommunikation und Technologie.

Doch was folgte war eine Dauerschleife aus Ausbremsen, Hinhalten und Verzögerung, als deren Ursache vor allem eines gilt: das Mainzer Gutenberg-Museum ist bis heute ein Museum in städtischer Trägerschaft, das „Weltmuseum“ chronisch unterfinanziert und mit viel zu wenig Personal ausgestattet. Dazu kommt ein maroder Altbau aus den 1960er Jahren mit undichtem Dach und ausgesprochen schwieriger Architektur – so sind etwa die verschiedenen Teilebenen des Museums nicht voneinander abgrenzbar, der völlig verschachtelte Bau führt meist eher zur Besucher-Verwirrung statt Besucher-Führung.

Die Idee eines Bibelturms auf dem Liebfrauenplatz als Erweiterungsbau des Gutenberg-Museums wurde ein Fiasko. - Foto: DFZ Architekten
Die Idee eines Bibelturms auf dem Liebfrauenplatz als Erweiterungsbau des Gutenberg-Museums wurde ein Fiasko. – Foto: DFZ Architekten

Ludwig kämpfte für ein neues und ein erweitertes Museum, im Februar 2016 stellten Stadt Mainz und Museum gemeinsam die Ergebnisse eines Architektenwettbewerbs vor – was folgte, gehört heute zur Mainzer Stadtgeschichte: der bronzefarbene Bibelturm auf dem Liebfrauenplatz wurde zum umstrittensten Projekt von Mainz und führte schließlich zum ersten Mainzer Bürgerentscheid in der Stadtgeschichte. Wochenlang wurde in zunehmend hitzigeren Debatten um den „Turmbau zu Mainz“ gerungen, und mit jeder Woche wurden die Kritiker mehr: ständig veränderte Planungen zum Erstentwurf ohne Fenster und mit deutlich geschrumpfter Ausstellungsfläche, mal mit Aussichtsplattform, mal mit üppigen Kellerräumen, das bis zum Schluss ausbleibende fundierte Finanzkonzept und die zu große Nähe zum Dom, schließlich der drohende Verlust der beliebten Grün-Oase Liebfrauenplatz – all das weckte immer mehr Zweifel an der Sinnhaftigkeit und schlüssigen Konzeption des Turms.

Die Befürworter des Projektes sprachen derweil von einem „Schatzhaus, einer modernen Wunderkammer“, einem „Leuchtturm“ und „Ausrufezeichen für Mainz“, ohne den dem Gutenberg-Museum jahrelanger Stillstand drohe – gleichzeitig wurden Kritiker des Projektes als „provinziell“ und rückständige Banausen beschimpft, die moderne Architektur nicht verstehen würden. Dabei hatten gerade die Kritiker des Projektes es geschafft, eine große Bürgerbewegung für eine Verbesserung des Gutenberg-Museums zu starten – noch nie interessierten sich so viele Mainzer für ihr Museum und ihren Gutenberg. Der Bürgerentscheid am 15. April 23018 wurde zum Desaster für die Stadtspitze: Mit 77 Prozent votierten die Mainzer klar gegen das Projekt, die Chefin des existierenden Museums machte danach aus ihrem Frust und ihrer Enttäuschung keinen Hehl – auch über mangelhafte Unterstützung von Seiten der Stadtspitze.

Gutenberg fest im Arm: Direktorin Annette Ludwig (rechts) bei der Gründung des Gutenberg-Freundeskreises. - Foto: gik
Gutenberg fest im Arm: Direktorin Annette Ludwig (rechts) bei der Gründung des Gutenberg-Freundeskreises. – Foto: gik

Schon damals wurde von einem Weggang Ludwigs gemunkelt, doch die Kämpferin blieb – und half maßgeblich mit, ein neues Konzept für einen zukunftsweisenden Neubau für ihr Museum auf den Weg zu bringen, der nun tatsächlich von einer breiten Bevölkerung getragen wird. Nun geht Ludwig doch: Sie freue sich „riesig auf eine singuläre Aufgabe“, sagte Ludwig nach ihrer Berufung in Weimar, sie freue sich auf Weimar, es sei ihr „ein Anliegen, Interdisziplinarität und Internationalisierung zu stärken, und an der Wirksamkeit der Museen als Schaufenster der Klassik Stiftung Weimar zu arbeiten.“

In Mainz hieß es nun am Mittwoch, Ludwigs Abgang sei ein herber Verlust für Mainz. Ihr Wechsel „erfüllt uns mit Wehmut als auch mit Stolz“, sagte Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD), sie „bedaure den Wechsel sehr, da uns mit Frau Ludwig eine kreative Impulsgeberin für das Weltmuseum verloren geht, die immer leidenschaftlich für ihr Haus gearbeitet hat.“ Ihre Berufung belege, welch hohe Reputation Ludwig in der Republik genieße, Mainz gehe „ein starker Charakter und ein inhaltlich prägendes Gesicht an der Spitze des Weltmuseums verloren.“

Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) gratulierte Ludwig und wünschte der „begeisterten Museumsmanagerin von Herzen viel Erfolg.“ Der personelle Wechsel werde aber „selbstverständlich keinen Einfluss auf die Planungen für den Neubau des Gutenberg-Museums“ habe, versicherte Ebling zugleich, die Pläne würden mit dem bewährten Team fortgeführt: „Mit dem Szenographie-Konzept, dem Ergebnis der Arbeitswerkstatt und der Machbarkeitsstudie liegen gute Grundlagen für die Aufgaben der kommenden Jahre vor“, sagte Ebling.

Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD, links) und Annette Ludwig (rechts) mit den ersten Modellen für einen Museumsneubau 2016. - Foto: gik
Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD, links) und Annette Ludwig (rechts) mit den ersten Modellen für einen Museumsneubau 2016. – Foto: gik

Auch die Mainzer Grünen bedauerten den Weggang Ludwigs als „Verlust für Mainz“, die Direktorin habe „mit großem Eifer für das Museum gearbeitet und uns mit ihrer Begeisterung auch immer mitreißen können“, sagte Fraktionschefin Sylvia Köbler-Gross. Die FDP sprach von einem „herben Verlust“ einer fachlich wie menschlich sehr geschätzten und angesehenen Persönlichkeit, „ihre Arbeit hinterlässt tiefe Spuren in Mainz“, sagte Cornelia Willius-Senzer für die FDP.

Die Mainzer SPD reagierte „überrascht und mit großem Bedauern“: Ludwig habe leidenschaftlich für ihre Visionen eines zukunftsfähigen Museumskonzeptes gekämpft, man habe „oftmals die gleichen Einschätzungen und Visionen geteilt“, sagten SPD-Fraktionschefin Alexandra Gill-Gers und Kulturexpertin Martina Kracht. Die „Abwerbung durch die renommierte Klassik-Stiftung, quasi von Gutenberg zu Goethe, ist da eigentlich nur der nächste logische Schritt“, sagten die SPD-Stadträtinnen, und mahnten zugleich: „Wir vertrauen nun aber auch darauf, dass zeitnah eine adäquate Nachfolge gefunden wird, die den begonnen Modernisierungsprozess des Gutenberg-Museums konsequent weiterführen wird.“

Gutenberg bleibt, das Museum wird neu gebaut, seine Direktorin geht - viel Wandel für das Gutenberg-Museum. - Foto: gik
Gutenberg bleibt, das Museum wird neu gebaut, seine Direktorin geht – viel Wandel für das Gutenberg-Museum. – Foto: gik

Ludwig schwärmte in der Mitteilung der Stadt Mainz, sie wechsele nun „von einer exzeptionellen Stelle auf eine singuläre Position nach Weimar, die ein Traum für jeden Kunsthistoriker und Museumsmacher ist“. Es gehe jetzt quasi „von Gutenberg zu Goethe“, der Dichter sei mehrfach in Mainz, der ’schönen Stadt‘, gewesen und wäre ohne Gutenberg ohnehin nicht möglich gewesen. „Ich habe hier seit 2010 nicht nur meinen Dienst mit großer Freude versehen, sondern ein Herzensprojekt auf den Weg gebracht, das nun, nach vielen Turbulenzen, vor der Umsetzung steht“, sagte Ludwig. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin könne nun „darauf aufbauen und die Ernte einfahren.“

Ihre neue Berufung sehe sie auch als Bestätigung ihrer Mainzer Amtszeit, als Direktorin der 21 Museen der Klassik Stiftung Weimar werde sie dem Gutenberg-Museum verbunden bleiben und mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn das gewünscht werde, versprach sie, und fügte hinzu: „Um den mit unserem Haus eng verbundenen Guddi Gutenberg zu zitieren: Es war mir eine Ehre.“

Info& auf Mainz&: Die Pressemitteilung der Stiftung Klassik Weimar findet Ihr hier im Internet, einen Bericht über die Vision „Gutenberg 2020“ von Annette Ludwig könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen. Einen ausführlichen Bericht über das Ringen um den Bibelturm findet Ihr hier bei Mainz&.

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