Die Hintere Bleiche in Mainz soll zur Fahrradstraße werden – und das schon nach den Sommerferien. Der Mainzer Stadtrat soll an diesem Mittwoch die Umwidmung bereits beschließen, die Umsetzung soll im Hauruck-Verfahren geschehen – die Hintere Bleiche wird damit künftig zur reinen Anliegerstraße und für den allgemeinen Autoverkehr gesperrt. Ausgenommen ist lediglich der Bereich zwischen Bahnhofstraße und Binger Straße.

Die Hintere Bleiche war schon länger als Fahrradstraße im Gespräch, tatsächlich bietet sich die kleine Straße im Bleichenviertel für eine Fahrradtangente zwischen Hauptbahnhof und dem Regierungsvierteil in Mainz geradezu an. Jahrelang tat sich nichts, nun soll es auf einmal ganz schnell gehen: „Die Umsetzung der Maßnahme einschließlich der erforderlichen Beschilderung und Markierung ist zum Ende der Sommerferien 2026 vorgesehen“, heißt es in der Beschlussfassung des Mainzer Stadtrats.
Dass das Mainzer Verkehrsdezernat gleichzeitig von einer „frühzeitigen“ Information der Anwohner spricht, die über die Sommerferien erfolgen soll, dürfte für Irritationen sorgen. Neben einer schriftlichen Bürgerinformation seien „offene Sprechstundenformate im Stadthaus Große Bleiche vorgesehen“, teilte das Verkehrsdezernat mit – was die Einrichtung als Fahrradstraße für die Parkplätze in der Hinteren Bleiche bedeutet, ist unklar – in der Vorlage ist lediglich von „Anpassungen bei Stellplätzen“ die Rede.
Anteil des Radverkehrs in Mainz seit 2008 verdreifacht
Argumentiert wird in der Vorlage von Verkehrsdezernentin Janina Steinkrüger (Grüne) und Oberbürgermeister Nino Haase (parteilos) vor allem mit einem stark gewachsenen Fahrradverkehr: Die Mobilitätsbefragung 2023 habe gezeigt, dass sich das Mobilitätsverhalten in Mainz in den vergangenen Jahren deutlich verändert habe, heißt es dort. Lag der Anteil des Radverkehrs im Jahr 2008 noch bei rund 12 Prozent, betrage er heute etwa 31 Prozent – das verdeutliche „die zunehmende Bedeutung des Radverkehrs im Alltagsverkehr“ in Mainz.

Daraus ergebe sich „die Notwendigkeit, die bestehende Infrastruktur und Verkehrsorganisation an die tatsächlichen Nutzungen und Anforderungen anzupassen“, betont Steinkrüger. Tatsächlich lässt das Radwegenetz in Mainz bis heute deutlich zu wünschen übrig, schon jetzt nutzen viele Radfahrer die Hintere Bleiche als Alternative zur Kaiserstraße oder zur Großen Bleiche mit ihrem weiterhin extrem engen Radweg. „Die bestehende Radverkehrsführung im Bereich der Kaiserstraße sowie der Großen Bleiche weist strukturelle Defizite auf“, heißt es denn auch in der Vorlage.
Die Straßenräume in den beiden Parallelstraße seien „durch eine hohe Nutzungsdichte, intensive Fußverkehrsströme, Linienbusverkehr, Lieferverkehre sowie begrenzte Flächenverfügbarkeiten geprägt.“ Auf der Kaiserstraße bestehe keine durchgängige und leistungsfähigen Radverkehrsanlage, das führe „zu Nutzungskonflikten sowie teilweise zu einem Ausweichen des Radverkehrs auf Gehwege.“ Tatsächlich haben die Bemühungen der Stadt, die Radfahrer auf der Kaiserstraße auf die Fahrbahn zu lenken, wenig gefruchtet: Die meisten Radler dürften sich hier höchst unsicher gefühlt haben, dazu kamen Konflikte mit Bussen.
Binger Straße wird nach Umbau zur Gefahrenzone für Radler
Nun soll also die Hintere Bleiche zur neuen Fahrradtangente werden – allerdings nur zwischen Gärtnergasse und Bauhofstraße. Dort weise die Straße „im Vergleich zu den benachbarten Hauptachsen eine geringere Belastung durch den motorisierten Verkehr auf und ermöglicht eine kontinuierliche Verkehrsführung mit vergleichsweise wenigen Konfliktpunkten“, so die Verwaltung. Durch die Bündelung des Radverkehrs auf der Hinteren Bleiche könne der Radverkehr „gezielt auf eine hierfür geeignete Verbindung geführt werden“, gleichzeitig würden Nutzungskonflikte auf den Hauptachsen reduziert und insbesondere der Fußverkehr entlastet.

Das gilt insbesondere auch für die Binger Straße, die nach ihrem Umbau eine große Haltestelle haben wird, und mit den neuen Gleisen neue Unfallpotenziale für Radfahrer birgt. Wie genau der Radverkehr künftig von der Alicenbrücke in die Hintere Bleiche geführt werden soll, bleibt aber noch unklar. Klar ist indes: Der obere Abschnitt der Hinteren Bleiche zwischen Bahnhofstraße und Binger Straße soll keine Fahrradstraße werden, auch die Querung der Bahnhofstraße bleibt wegen der zentralen Funktion als ÖPNV-Achse bestehen.
Damit müssen sich Autofahrer und Radfahrer im oberen Teil der Hinteren Bleiche weiter arrangieren, ein Linksabbiegen der Autos von der Bahnhofstraße in die Hintere Bleiche in Richtung Rhein soll künftig aber unterbunden werden. Überhaupt will die Stadt Autos aus der neuen Fahrradstraße offenbar verdrängen: Die Fahrradstraße werde mit dem Zusatzzeichen „Anlieger frei“ eingerichtet – damit dürfen künftig nur noch Anwohner, Lieferverkehre, Handwerksbetriebe, Dienstleistungen oder Besuchsverkehre in die Straße einfahren.
„Die Maßnahme führt somit nicht zu einer Sperrung des Quartiers für den motorisierten Individualverkehr“, behauptet man bei der Stadt – es gehe lediglich „um eine klarere Ordnung und Priorisierung der Verkehrsabläufe entsprechend der Funktion des Straßenraums.“ Die Auswirkungen der neuen Fahrradstraße sollen nach ihrer Umsetzung beobachtet und evaluiert werden – vor allem mit Blick auf Verkehrsabläufe und die Entwicklung möglicher Nutzungskonflikte.
Info& auf Mainz&: Mehr dazu, wie die Hindenburgstraße in Mainz über Nacht zur Fahrradstraße wurde könnt Ihr noch einmal hier bei Mainz& nachlesen:






