Während Bundesländer wie Bayern und Nordrhein-Westfalen am Dienstag Großveranstaltungen von mehr als 1000 Besuchern komplett verbieten, sprach Rheinland-Pfalz am Dienstag nur eine Empfehlung aus: Man „empfehle, dass Veranstaltungen in einem geschlossenen Raum, zu denen mehr als 1.000 Teilnehmer erwartet werden, in der Regel – mindestens bis Ende April – nicht stattfinden sollten“, teilte die rheinland-pfälzische Landesregierung mit – Veranstalter sollten „unbedingt prüfen“, ob eine Veranstaltung zum gegenwärtigen Zeitpunkt zwingend notwendig sei, zuständig seien die Ordnungsämter und Gesundheitsämter in den Kommunen. Damit schiebt das Land den Schwarzen Peter für Entscheidungen weiter den Kommunen zu. Derweil schlagen Hotels im Land Alarm: Schon jetzt würden bis zu 60 Prozent von Veranstaltungen und Buchungen storniert, der Branche drohe immenser Schaden – das gilt auch für Schaustellerbetriebe.

Wirtschaftsminister Volker Wissing (FDP) beim Statement nach einem Krisentreffen zum Thema Coronavirus. - Foto: gik
Wirtschaftsminister Volker Wissing (FDP) beim Statement nach einem Krisentreffen zum Thema Coronavirus. – Foto: gik

Die Zahl der Infektionen stieg in Rheinland-Pfalz am Dienstag nach Angaben des Landes auf 25 bestätigte Coronavirus-Fälle, drei Fälle kamen neu hinzu, keiner davon in Mainz. Weltweit werden inzwischen mehr als 110.000 Infektionen mit dem neuen Virus gemeldet, mehr als 4000 Menschen starben. In Deutschland wurden allein am Dienstag Medienberichten zufolge 200 neue Infektionen gemeldet, die Zahl der Infizierten stieg damit hier auf über 1.300 – genaue Zahlen gab es dazu am Dienstag beim Robert-Koch-Institut nicht. Wir haben uns dem Liveticker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Coronavirus anvertraut.

Am Montag hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Absage aller Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Personen angemahnt und kritisierte, bislang werde noch immer viel zu zögerlich abgesagt – die dringendste Aufgabe sei jetzt, eine schnelle weitere Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen. Die Bundesländer Bayern, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein erließen daraufhin am Dienstag Verordnungen, alle Großveranstaltungen über 1000 Personen abzusagen, aus Baden-Württemberg meldete der Südwestrundfunk, das Land plane ebenfalls eine solche Verordnung. Rheinland-Pfalz tat das nicht: Hier hieß es lediglich, man „empfehle“ Absagen – und verwies die Zuständigkeit dafür weiter an Kommunen und Gesundheitsämter.

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Wirtschaftsminister Volker Wissing (FDP) verteidigte das am Abend: Jede Veranstaltung sei anders, es gebe regionale Unterschiede, sagte der Minister nach einem Treffen mit Wirtschaftsvertretern vor Journalisten. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) betonte zugleich, bei jeder größeren Veranstaltung müsse sorgfältig abgewogen werden, ob der Gesundheitsschutz gewährleistet werden könne. Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmenden in einem geschlossenen Raum sollten in der Regel bis Ende April nicht mehr stattfinden. Die Ministerpräsidentin sagte selbst ihren für den 14. März geplanten Bürgerempfang in der Staatskanzlei ab und kündigte eine Verschiebung auf September an.

Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen in geschlossenen Räumen sollen bis Ende April nicht mehr stattfinden - das dürfte auch die VDP-Weinbörse treffen. - Foto: gik
Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen in geschlossenen Räumen sollen bis Ende April nicht mehr stattfinden – das dürfte auch die VDP-Weinbörse treffen. – Foto: gik

Die Grenze von 1.000 Personen sei aber nicht starr, Schutzmaßnahmen könnten auch eine andere Bewertung zulassen, unterstrich Dreyer. Das gelte auch, wenn Teilnehmer aus Risikogebieten zu erwarten seien. Bei Veranstaltungen, an denen ältere Menschen, Personen mit Vorerkrankungen oder Immungeschwächte teilnehmen könnten, „sollten Veranstalter unbedingt prüfen, ob auch unterhalb der Grenze von 1000 Teilnehmenden diese zum gegenwärtigen Zeitpunkt zwingend erforderlich sind“, fügte Dreyer hinzu. Sollten Veranstalter an Events mit mehr als 1.000 Teilnehmern in einem geschlossenen Raum festhalten wollen, sei zwingend die Abstimmung mit dem örtlich zuständigen Gesundheitsamt vorzusehen.

Wissing hatte sich am Dienstag mit Vertretern von Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern sowie des Hotel- und Gaststättengewerbes getroffen – die Wirtschaft schlägt zunehmend Alarm. Bei einer Blitzumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) meldeten 47 Prozent der teilnehmenden Betriebe, sie rechneten mit einem Umsatzeinbruch als Folge der Coronavirus-Krise. Die erwarteten Umsatzeinbrüche lägen in mehr als jedem vierten Unternehmen über zehn Prozent, Gastgewerbe, Reisebranche und Messebetriebe melden gar befürchtete Umsatzrückgänge von mehr als 75 Prozent.

Leere Zimmer und hohe Stornierungen beschert das Coronavirus derzeit den Hotels in Rheinland-Pfalz. - Foto: gik
Leere Zimmer und hohe Stornierungen beschert das Coronavirus derzeit den Hotels in Rheinland-Pfalz, auch in Mainz – Foto: gik

Tatsächlich brechen derzeit Buchungen in der Tourismusbranche in hohem Umfang ein. „Die Lage ist verheerend und katastrophal“, sagte Gereon Haumann, Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, im Gespräch mit Mainz&. Schon jetzt gebe es landesweit Ausfälle in Höhe von rund 33 Millionen Euro, das hätten allein 385 Betriebe rückgemeldet. „Die Lage ist wirklich dramatisch“, sagte Haumann. Die Dehoga hatte Ende vergangener Woche eine Blitzumfrage gestartet, daran beteiligten sich Haumann zufolge allein 1200 Betriebe aus Rheinland-Pfalz. 90 Prozent rechneten mit stark negativen Auswirkungen in den kommenden Wochen, im Schnitt betragen die Verluste schon jetzt 85.000 Euro pro Betrieb. „In manchen Hotels sind die Stornierungen von 30 Prozent vergangene Woche auf jetzt 60 Prozent hochgeschnellt“, berichtete Haumann, die Erlebnislandschaft Montemare berichte von Ausfällen von bis zu 33 Prozent.

Vor allem Firmenveranstaltungen würden derzeit komplett gestrichen, die Versicherung Debeka mit Sitz in Koblenz werde in den kommenden Wochen sämtliche Betriebsseminare stornieren, berichtete Haumann. Das bedeute allein für einen Betrieb an der Mosel einen Einnahmeausfall von 100.000 Euro. „Jedes nicht belegte Hotelbett bedeutet auch einen leeren Platz im Restaurant“, bekräftigte Haumann zudem – auch den Gaststätten blieben zunehmend die Besucher weg. In Mainz können sie das bisher noch nicht bestätigen, in der Landeshauptstadt waren die Restaurants und Kinos am Wochenende gut gefüllt.

Hotels sind gebeutelt, Restaurants bleiben leer - am meisten Chancen haben derzeit noch Outdoor-Veranstaltungen wie der Mainzer Weinsalon. - Foto: gik
Hotels sind gebeutelt, Restaurants bleiben leer – am meisten Chancen haben derzeit noch Outdoor-Veranstaltungen wie der Mainzer Weinsalon. – Foto: gik

Doch besonders die Tagungshäuser melden bereits drastische Rückgänge: Vor 14 Tagen hätten die Stornierungen begonnen, „seither sind 40 Prozent unserer Veranstaltungen abgesagt worden“, sagte Lutz Frey, Hoteldirektor des Atriumhotels in Mainz-Finthen gegenüber Mainz&. Internationale Veranstaltungen seien so gut wie alle gestrichen – das mache aber einen Großteil des Geschäfts in dem Edel-Tagungshotels aus. Bei anderen Kollegen breche das Geschäft mit Kongressbesuchern weg, etwa weil in Frankfurt Messen abgesagt worden seien. Inzwischen würden sogar Veranstaltungen für Juni und Juli storniert.

Das Problem dabei: „Es findet praktisch kein Neugeschäft statt, das können Sie mit Null beziffern“, sagte Frey: „Das Geschäft, das ich heute verliere, kann ich nur ganz bedingt nachholen.“ Ein Autohändler könne im Herbst einfach drei Autos mehr verkaufen, „aber ich kann mein Hotelzimmer im Herbst ja nicht dreimal belegen“, erklärte Frey: „Der Schaden ist auf jeden Fall da, und er ist in dieser Branche immens.“

Das befürchtet auch die Dehoga, gerade viele kleinere Betriebe stünden vor erheblichen Liquiditätsproblemen: „Corona trifft uns zur völlig falschen Zeit“, sagte Haumann, die Betriebe hätten in der Regel vier schwache Wintermonate hinter sich, die Kontolinien seien vielfach ausgereizt. „Wir müssen vor allem die Liquidität der Betriebe sichern“, forderte der Dehoga-Chef deshalb, es brauche zinsfreie Darlehen, leichtetr Zugang zu Kurzarbeit und Stundungen von Steuervorauszahlungen.

Die Mainzer Schausteller hoffen noch, dass der Mainzer Rheinfrühling, die große Ostermesse, stattfinden kann. - Foto: gik
Die Mainzer Schausteller hoffen noch, dass der Mainzer Rheinfrühling, die große Ostermesse, stattfinden kann. – Foto: gik

Das gilt auch die Schaustellerbetriebe in Mainz und Umgebung: „Unsere letzte Einnahmequelle war am 23. Dezember“, sagte der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Mainzer Schausteller und Marktbeschicker, Marco Sottile Mainz&, die Betriebe hätten jetzt drei Monate lang keine Einnahmequelle gehabt. Gleichzeitig stünden aber Fahrgeschäfts-Überholungsarbeiten und teure TÜV-Prüfungen an: „Deutschland hat den besten Sicherheitsstandard bei Fahrgeschäften, das kostet richtig Geld“, betonte Sottile.

Nun aber müssen die Schausteller um die Frühjahrsmessen rund um Ostern fürchten. „Wenn die Situation so schlimm ist, geht die Gesundheit vor“, unterstrich Sottile, „aber wir müssen auch als Unternehmer denken: Wir brauchen diese Veranstaltung, um unsere Familien und Angestellten ernähren zu können.“ Fielen die Ostermärkte wegen des Coronavirus aus, werde das für viele Betriebe „existenbedrohend“ werden, sagte Sottile.

Wirtschaftsminister Wissing sagte am Dienstag nach dem Krisentreffen Hilfe zu: „Wir werden mit öffentlichen Bürgschaften Kredite absichern“, sagte der Minister, Unternehmen, die Liquditätsprobleme bekämen, weil ihnen Kunden durch das Coronavirus wegbrächen, solle geholfen werden. Eigenes Geld will das Land dafür aber nicht in die Hand nehmen, auch einen Härtefonds wie von Unternehmerseite gefordert, stellte Wissing nicht in Aussicht. Bürgschaftsprogramme für Liquiditätskredite stünden über die ISB und die Bürgschaftsbank zur Verfügung, die Abwicklung geschehe über die Hausbanken, sagte Wissing. Wer Liquiditätsprobleme befürchte, solle sich möglichst sofort an seine Hausbank wenden.

Noch sind die Restaurants in Mainz gut gefüllt, hier ein Symbolfoto von der langen Nacht der Weine - Foto:Halle 45
Noch sind die Restaurants in Mainz gut gefüllt, hier ein Symbolfoto von der langen Nacht der Weine – Foto:Halle 45

Das gelte auch für Kleinstunternehmen, betonte Wissing ausdrücklich auf Nachfrage von Mainz&, Kleinstunternehmen könnten sich auch an den Mittelstandslotsen des Landes wenden. Dazu habe er im Ministerium eine Stabsstelle zur Koordinierung der Programme eingerichtet. Steuerstundungen könnten mit den Finanzämtern besprochen werden. „Wir wollen hier in Rheinland-Pfalz keine einzige Insolvenz wegen Coronavirus erleben“, betonte der Minister.

Bei der Industrie- und Handelskammer forderte man indes mehr Klarheit: „Es gibt sehr viel Unsicherheit im Land, in den Betrieben gibt es eine gewisse Unsicherheit, was passiert, wenn eine Coronafall auftritt“, sagte Arne Rössel  von den rheinland-pfälzischen Industrie- und Handelskammern (IHK): „Wird dann der ganze Betrieb geschlossen oder nicht?“ Die Gesundheitsämter seien teilweise „überlastet und nicht erreichbar“, klagte Rössel, „man müsste den Unternehmen standardisierte Ableitungen an die Hand geben.“ Dehoga-Präsident Haumann zeigte sich nach dem Treffen zufrieden, alle drei Forderungen nach erleichtertem Kurzarbeitergeld, Steuerstundungen und Liquiditätshilfen seien erfüllt worden.

Die Dehoga fordert eine Umsatzsteuersenkung von 19 auf 7 Prozent für Essen im Restaurant. - Foto: DWI
Die Dehoga fordert eine Umsatzsteuersenkung von 19 auf 7 Prozent für Essen im Restaurant. – Foto: DWI

Zugleich forderte Haumann aber auch, Kurzarbeit müsse rückwirkend und nicht erst ab dem 1. April gewährt werden können. „Wir müssen der Branche mittelfristig Einnahmezusätze verschaffen“, betonte Haumann weiter – und forderte eine Umsatzsteuersenkung auf Essen von 19 auf 7 Prozent. „Alle Produkte im To Go und im Fast Food-Bereich kosten 7 Prozent während alle, die mit hohem Personaleinsatz erstellt werden, 19 Prozent kosten“, erklärte Haumann. Eine Angleichung könne der Branche helfen und würde diese Ungerechtigkeit beseitigen. Bayern habe bereits einen entsprechenden Vorstoß auf Bundesbene angekündigt, sagte Haumann.

Wissing mochte sich dem so konkret nicht anschließen, sagte aber: Deutschland drohe in der Tat ein wirtschaftlicher Abwärtstrend, dagegen müssten „in einer zweiten Phase konjunkturstabilisierende Maßnahmen“ des Staates folgen. „Steuerliche Fragen spielen da für mich ganz klar eine Rolle“, fügte Wissing hinzu. Haumann betonte, der Tourismussektor könne sich schnell erholen, Rheinland-Pfalz dann ein wichtiges Naherholungsgebiet für urlaubswillige Deutsche werden. „Ich glaube, dass Greta und Corona die Nachfrage nach inländischen Angeboten stärken werden“, sagte Haumann, „umso wichtiger ist es, dass wir auf dem Weg in den Sommer keinen Betrieb verlieren.“

Info& auf Mainz&: Mehr zur aktuellen Lage der Coronavirus-Epidemie, was die Virologen befürchten, und warum der Bund Absagen von Großveranstaltungen und mehr Solidarität in der Bevölkerung fordert, lest Ihr hier bei Mainz&. In Mainz gibt es noch keine Entscheidung über die Absage von Großveranstaltungen, mehr dazu lest Ihr hier. Mehr zu den Auswirkungen der Epidemie auf die Wirtschaft lest Ihr hier bei Mainz&.

Informationen zum Coronavirus sowie zu Vorsorgemaßnahmen findet Ihr hier beim Gesundheitsmisterium in Mainz und hier beim Robert-Koch-Institut. Einen sehr guten Artikel zum Unterschied zwischen Grippe/Influenza und dem neuen Coronavirus findet Ihr hier – der Artikel erklärt auch, warum das Coronavirus erheblich gefährlicher ist als die Influenza.

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