Wer in das Gebäude 605 auf dem Geländer der Mainzer Universitätsmedizin geht, kann rechterhand im Hauptgang zwischen zwei Snackautomaten über Besonderes staunen: Eine eiserne Lanzenklinge, Nadeln und Fibeln, fein verziertes römisches Geschirr – und ein Gesichtstopf. Es sind Funde, die einst beim Bau dieses Gebäude gefunden wurden: Wo heute die Mainzer Uniklinik steht, erhob sich einst das Legionslager von Mogontiacum. Und Ausgräber der Funde war der Gastroenterologe Klaus Ewe – der Vater des Ziegeleimuseums in Mainz-Bretzenheim. Unser Mainz&-Adventskalender-Türchen Nummer 19.

Der Torso eines Genius, Scherben von Alltagsgegenständen: Funde aus der TRON-Baugrube in der Mainzer Oberstadt. - Foto: gik
Der Torso eines Genius, Scherben von Alltagsgegenständen: Funde aus der TRON-Baugrube in der Mainzer Oberstadt. – Foto: gik

Es war im Juni 2024, als auf einmal Mauerreste in der Mainzer Oberstadt auftauchten, am Rande der großen Baugrube für das neue TRON-Forschungszentrum. Kenner der Materie waren sofort elektrisiert: Römische Mauern, so dicht unter der Erde – und dann an diesem Ort!! Die Vermutung wurde schnell Gewissheit: Gefunden worden waren Mauern der römischen Lagervorstadt, die sich einst um das Legionslager auf dem Kästrich erstreckte. Die Baugrube befand sich genau am südwestlichen Ende des Legionslagers, an der Schwelle zu der Vorstadt – was dort zutage trat, war eine kleine Sensation.

Denn erstmals wurden umfassende Überreste jener Cannabae aus dem Erdreich geholt, die Forscher stets erahnt, aber so gut wie nie gesehen hatten: Überreste einer antiken römischen Straße und eines Speicherbaus aus Stein, diverse Keller von Gebäuden, Reste einer Fußbodenheizung sowie von Fabriken und Schankwirtschaften, dazu mehr als 200 Ziegel mit Legionsstempeln, rund 300 Münzen sowie den Torso eines Genius.

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Quirlige Lagervorstadt mit Tavernen, Tempeln, Werkstätten

All das verschaffte zum ersten Mal seit Langem einen tiefen Einblick in das, was sich vor den Toren des großen Legionslagers von Mogontiacum abspielte: Eine lebendige, pulsierende Siedlung aus Tavernen und kleinen Tempeln, Werkstätten zur Reparatur der Rüstungen und Ausrüstungen der Soldaten, dazu Badehäuser und vor allem auch Wohnraum für die Familien der Legionäre. Über 500 Jahre lang sei das Areal bebaut gewesen, berichteten die Archäologen, angefangen von einfachen Holzbauwerken bis hin zu großen und stabilen Steinbauten, womöglich Lager, aber wer weiß das schon so genau.

Angenommener Lageplan des römischen Legionslagers von Mainz auf einem Plan von 1919, die rote Markierung zeigt das TRON-Gelände - Foto: Vahl, Bearbeitung: gik
Angenommener Lageplan des römischen Legionslagers von Mainz auf einem Plan von 1919, die rote Markierung zeigt das TRON-Gelände – Foto: Vahl, Bearbeitung: gik

Innenminister Michael Ebling (SPD) sprach bei der Vorstellung der Funde sogar von einer ersten Holzbauphase „so um 17 oder 16 vor Christus“ – ob der Minister wusste, was er da sagte? Denn das Römische Legionslager wurde frühestens 13 vor Christus gegründet, damit hätte es schon davor stabile Holzbauten auf dem Kästrich gegeben – und Mainz wäre womöglich älter als die Stadt, die als die älteste Deutschlands gilt: Trier, gegründet um 16 vor Christus.

Unlogisch wäre das nicht: Mainz gehörte zu den wichtigsten Legionslagern der Römer am Rhein, errichtet am strategisch wichtigen Punkt der Main-Mündung und später Hauptstadt der Provinz Germania superior. Ob Mainz oder Trier älteren Ursprungs sind – in der Wissenschaft ist das durchaus umstritten. Aber logisch wäre auch, dass die Römer eben den Rhein entlang die Gegenden links des Flusses eroberten – womöglich erreichten sie Mainz eben schon früher als bislang gedacht.

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Straßen und Keller, Gebäude und Kanäle der Cannabae

Tatsache ist: In der TRON-Baugrube fanden die Archäologen Dutzende von Fundamenten von Gebäuden, Brunnen und Gräben der Festung sowie von Abwasserkanälen und Straßenzügen, bilanzierte die Leiterin der Mainzer Archäologie Stefanie Metz, im April 2025 im Gespräch mit der Internetzeitung Mainz&. Die vielen gefundenen Häuser und Straßen müsse man allerdings noch „wie ein großes dreidimensionales Puzzle zusammensetzen“ – was genau die Funde bedeuten, wollten oder konnten die Forscher noch nicht verraten.

Mauerreste römischer Gebäude samt einer Straße in der TRON-Baugrube 2024. - Foto: gik
Mauerreste römischer Gebäude samt einer Straße in der TRON-Baugrube 2024. – Foto: gik

Dabei waren das beileibe nicht die einzigen Funde in dem Areal: 1901 und 1903 wurden auf dem heutigen TRON-Areal bei Arbeiten für Straßen und Kanäle auch schon Keller von Gebäuden der einstigen Canabae gefunden und dokumentiert. Sogar eine kleine Grabgruft, ganz ähnlich der 2024 gefundenen, wurde bereits 1925 bei Kanalarbeiten gefunden – gerade einmal 25 Meter entfernt. Eines ist damit klar: Das Areal in der Oberstadt war einst ausgesprochen dicht bebautes Siedlungsgebiet, und das über viele Jahrhunderte hinweg.

Das gilt im Übrigen auch für das Gelände der Mainzer Universitätsmedizin: Bei Ausgrabungen für die Neubauten auf dem Klinikgelände in den 1950er bis 1970er Jahren fand sich allerlei Römisches – einer, der in die Gruben stieg: Klaus Ewe. Der Professor für Innere Medizin und Gastroenterologie erforschte praktisch genau so gerne die Eingeweide der Erde. 1969 hatte er in Mainz habilitiert, 1973 wurde er ordentlicher Professor – und als sich die Baugruben vor seiner Nase auftaten, gab es kein Halten mehr. „Ich brauchte nur meine Augen aufzuhalten und die Baugruben durchforsten…“, bekannte Ewe einmal.

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Klaus Ewe: Mediziner, Hobby-Archäologe, Ziegelfan

Mit Zustimmung der Archäologen bar Ewe Funde aus der Römerzeit wie Gewandfibeln und Spielsteine, Öllämpchen und Geschirr, auch ein bronzener Pferdekopf war mal dabei – oder der große „Gesichtskrug“, den man heute in der Vitrine im Haus 605 sehen kann. Am 31. Januar 2019 wurde die Vitrine mit Gegenständen des Römischen Alltags eingeweiht. „Bemerkenswert ist, dass diese Funde einen weiten Bereich des römischen Lebens abdecken, und absolut besonders ist, dass sie in unmittelbarer Umgebung des jetzigen Standortes gefunden wurden“, unterstrich Ewe damals selbst.

Gesichtskrug, Öllämpchen, Teller und weitere Alltagsgegenstände, gefunden von Klaus Ewe, ausgestellt in der Vitrine im Gebäude 605 der Mainzer Uniklinik. - Foto: gik
Gesichtskrug, Öllämpchen, Teller und weitere Alltagsgegenstände, gefunden von Klaus Ewe, ausgestellt in der Vitrine im Gebäude 605 der Mainzer Uniklinik. – Foto: gik

Eine zweite Vitrine mit seinen Funden steht in der Mainzer Augenklinik, besonders angetan hatte es Ewe aber eine besondere Fundart: Ziegel. Der Baustoff der Antike war deshalb so interessant, weil die verschieden in Mainz stationierten Legionen diese Ziegel mit ihren Stempeln versahen. „Die Legionäre stellten die Ziegel, die sie für ihre rege Bautätigkeit benötigten, in Heeresziegeleien her“, schrieb Ewe einmal – und diese spezialisierten Abteilungen der Heeresziegeleien versahen manche Ziegel mit dem Stempel ihrer Legion – 12 verschiedene lagen über die Jahrhunderte hinweg in Mainz.

Gestempelt wurde mit hölzernen „Signacula“, eingebrannt wurden Truppenbezeichung gefolgt von der Nummer der Einheit und ihrem Beinamen oder Ehrennamen – alles in Kürzeln, begleitet wurde das von einem graphisch aufwändigen Bildfeld mit Blättern, Schuhsohlen oder Delphinen oder einem Capricorn – Tiere, die zu den jeweiligen Legionen gehörten. 1994, als Ewe als Mediziner und Professor in Pension ging, gründete er für seine Sammlung das Ziegelmuseum, das 2005 in die Alte Ziegelei umzog – und trug im Laufe seines Lebens beachtliche 900 Ausstellungsstücke aus einem Zeitraum von 4000 Jahren zusammen.

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Ziegelstempel als Chronisten der Vergangenheit

Und auch Ewe selbst berichtete einmal in einer Beschreibung seines Museums, die Ziegelerzeugnisse aus der römischen Epoche von Mainz stammten von einem Zeitraum  „zwischen 16 v. Chr. und dem 4. Jahrhundert n. Chr.“ – da war es wieder, das ältere Gründungsdatum von Mainz… Im Museumsbesitz seien Ziegelstempel von allen sieben in Mainz bekannten Legionen, vermeldete Ewe stolz: „Legionen mit kurzer Stationierungsdauer waren die 1., 4., 8. und 21. Legion. Ihnen stehen die 14. und 22. Legion mit langer Präsenz in Mainz gegenüber. Die 22. Legion, Legio Primigenia Pia Fidelis, ist über 300 Jahre in Mainz nachweisbar.“

Wer die Vitrine mit den antiken Funden aus der Römerzeit von Klaus Ewe sucht, hier findet er sie: Eingerahmt von modernen Snackautomaten... - Foto: gik
Wer die Vitrine mit den antiken Funden aus der Römerzeit von Klaus Ewe sucht, hier findet er sie: Eingerahmt von modernen Snackautomaten… – Foto: gik

Ewe selbst starb am 30. September 2023, das Ziegelmuseum zeigt bis heute die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit: Den Nachbau eines Hypokaustum, einer Fußbodenheizung, aus original römischen Ziegeln, gefunden im Wesentlichen im Mainzer Raum, dazu den Nachbau eines römischen Ziegelgrabes, eines Brandgrabes, gefunden in der Hechtsheimer Straße. Seine Besonderheit: Schminkkugeln aus hauchdünnem Glas, ähnlich unseren Christbaumkugeln, in die durch ein Loch an der Oberseite Schminke oder Parfüm eingefüllt wurde.

Viel weiß man heute also über die einstige Lagervorstadt und das Legionslager selbst. Nur wo die antike Wasserleitung, die einst über den Aquädukt von Zahlbach Wasser von den Finther Quellen ins Legionslager führte, ihren Ausgang auf dem Kästrich hatte – das wissen die Forscher bis heute noch immer nicht. Wer weiß, vielleicht endete die Leitung, die immerhin große Mengen Wasser transportiert haben muss, in einer öffentlichen Therme… Die Vitrine mit Ewes Funden aber steht heute ziemlich verloren auf dem Flur – zwischen einem Getränke und einem Snackautomat.

Info& auf Mainz&: Mehr zu den Funden aus der antiken Lagervorstadt von Mogontiacum lest Ihr hier bei Mainz&. Das Ziegelmuseum in der Alten Ziegelei ist leider erst wieder im Mai geöffnet, bis Oktober ist hier immer sonntags von 10.00 Uhr bis 13.00 Uhr Zutritt, der Eintritt ist frei. Dieser Adventskalender entsteht in Kooperation mit dem Verein „Rettet das Römische Mainz“, der Mainz& mit Informationen und Fotos unterstützt. Alle Türchen unseres Römischen Adventskalenders findet Ihr hier auf Mainz&.