Mainz&-Analyse: Die Landtagswahl in Baden-Württemberg hat für einen Paukenschlag gesorgt – und der schickt seine Töne geradewegs nach Mainz. Die Wahl im südlichen Nachbarland gilt als Gradmesser für die Wahl in Rheinland-Pfalz am 22. März 2026, für die Parteien sind es geradezu Warnungen, die da aus Stuttgart kommen. Denn: Die Grünen fangen mit einem charismatischen Kandidaten Cem Özdemir die CDU auf den letzten Metern noch ab. Der CDU-Kandidat wird als zu blass und mutlos gesehen – und die SPD könnte aus dem Landtag fallen. Was das für Mainz in zwei Wochen bedeutet – eine Mainz&-Analyse.

Die Landtagswahl in Baden-Württemberg am Sonntag hat durchaus für Überraschungen gesorgt, und sie setzt die Stimmung für die weiteren Wahlen im Wahljahr 2026. Das gilt insbesondere für Rheinland-Pfalz, wo in zwei Wochen ein neuer Landtag gewählt wird – in früheren Wahlen fanden die beiden Urnengänge im Südwesten immer zum gleichen Termin statt. Das ist in diesem Jahr anders, und so kann die Wahl in Baden-Württemberg denn auch als Stimmungstest für die Wahl in Rheinland-Pfalz dienen – sie schickt die eine oder andere Schockwelle nach Mainz.
Erkenntnis Nummer eins: Der Schlussspurt ist entscheidend – und am Ende gewinnt der Kandidat mit der überzeugenderen Persönlichkeit und Performance in den sozialen Netzwerken. Bei der Landtagswahl in BaWü zeichnet sich derzeit ein Sieg der Grünen ab: Auf den letzten Metern schaffen es die Grünen wohl noch, die seit Monaten führende CDU abzufangen und auf Platz 1 durchs Ziel zu gehen. Aktueller Stand der Hochrechnungen um 21.45 Uhr: Grüne mit 30,3 Prozent vor CDU mit 29,7 Prozent – wobei der Vorsprung zuletzt immer mehr schmolz.
Persönlichkeit mit Kante schlägt blassen Jungpolitiker
Der Sieg der Grünen – wenn es denn so kommt – liegt vor allem an einem: Cem Özdemir, Spitzenkandidat und Ex-Bundesminister. Özdemir konnte mit allem punkten, was die Wähler in BaWü lieben: Bodenständigkeit und Pragmatismus samt schwäbischem Einschlag, einen klaren Blick für die Bedürfnisse der Wirtschaft und gleichzeitig das Festhalten an eigenen Überzeugungen – in diesem Fall grüne Umweltthemen. Dass Özdemir der erste Ministerpräsident in Deutschland mit türkischem Migrationshintergrund wäre, interessierte weitaus weniger als die Frage: Wie hältst Du es mit dem Auto? Und Özdemir lieferte – mit einem klaren Bekenntnis pro Auto und gegen ein schnelles Verbrenner-Aus.

Im Wahlkampf grenzte sich Özdemir dabei so weit es irgend ging von seiner eigenen Partei ab: Das Wort „Grüne“ kam auf seinen Wahlplakaten gar nicht vor, Özdemir ging auf maximale Distanz zu stark grün-ideologischen Themen und betonte noch am Wahlabend, man stehe als Grüne in Baden-Württemberg „in der Mitte der Gesellschaft.“
Das war wohl der Schlüssel zum Erfolg: Die Baden-Württemberger wollten einen Nachfolger für ihren grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der ebenso pragmatisch-unideologisch sein würde – und entschieden sich für den „Typen“ Cem Özdemir. Der habe es „geschafft, sich von den Grünen zu entkoppeln, alles vermieden, was an die Grünen erinnern könnte“, klagte am Abend CDU-Kanzleramtschef Thorsten Frei. Merke: Erfolg als Grüner hat man, in dem man möglichst wenig „grün“ ist.
CDU-Kandidat Hagel: als blass, mutlos, unsouverän gesehen
„Cem Özedmir passt einfach besser zum Land“, urteilte denn auch die Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach am Abend im Fernsehsender Phoenix. Die Mehrheit der Wähler sei mit der Arbeit der Grünen zufrieden gewesen – und CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel habe „nicht gezogen, auch nicht in den eigenen Reihen.“ Der gerade 37 Jahre alte Hagel war forsch in den Wahlkampf gestartet und lag mit seiner CDU lange weit vor den Grünen, doch auf den letzten Metern büßte er stark ein. Grund war unter anderem eine Affäre um Hagels Aussagen über eine jungen Frau, die „Rehaugen-Affäre“, aber auch sein vielfach als unsouverän empfundener Umgang damit.

Manch ein Kommentator spekulierte denn ach am Wahlabend, ob Hagel nicht auch wegen seiner Jugend vielleicht ein Stück weit überfordert gewesen sei, andere kritisierten den Wahlkampf der CDU insgesamt: „Manuel Hagel war mutlos, er war ideenlos – und Kanzler Friedrich Merz zieht auch nicht so wie erhofft“, bilanzierte Michael Bröcker, erfahrener Politikjournalist aus Berlin und Chefredakteur von Table Media, im Phoenix-Studio. Ein Wahlkampf unter dem „Motto wegducken“ und ein netter Mensch sein, reiche eben nicht aus. „Du musst als CDU Profil zeigen, das hat Manuel Hagel zu wenig getan“, betonte Bröcker.
Das ist indes eine klare Botschaft auch an die CDU in Rheinland-Pfalz: Auch hier führte man lange in den Umfragen weit vor der regierenden SPD, auch hier startete die Regierungspartei zuletzt eine fulminante Aufholjagd – wie die ausgeht, ist derzeit noch unklar. Doch auch in Rheinland-Pfalz setzt die SPD stark auf das Thema Persönlichkeit. Der Wahlkampf ist stark zugeschnitten auf Ministerpräsident Alexander Schweitzer, über Themen wird kaum geredet – allerdings ist die Bilanz der SPD-Regierung auch deutlich schlechter als die der Grünen in Baden-Württemberg.
Korte: „Wer stellt in Kriegszeiten Zukunftssicherheit her?“
Mit der Regierungsarbeit der Ampel in Rheinland-Pfalz ist eine Mehrheit der Rheinland-Pfälzer unzufrieden, auch das ein Unterschied zu Baden-Württemberg. Doch in Zeiten von Krieg und der Krisen sei für Wähler oft die entscheidende Frage: „Wer stellt Zukunftssicherheit her? Da komme es dann auf die Person an“, analysierte der Politikwissenschaftler Rudolf Korte am Abend im ZDF, und konstatierte: „Der Persönlichkeitsfaktor ist immer stärker nach vorne gerutscht“ – im Gegensatz zu den übrigen Faktoren.

Auch das ist eine Warnung für Rheinland-Pfalz: CDU-Spitzenkandidat Gordon Schnieder ist noch immer vielen unbekannt, im direkten Vergleich mit Schweitzer schneidet er schlecht ab. 34 Prozent der Befragten wünschten sich zuletzt im RLP-Trend des SWR Schweitzer als Ministerpräsident, nur 17 Prozent hingegen Schnieder – allerdings konnte der bei der Beliebtheit zulegen, und auch für Schweitzer sind das nur mäßige Werte: Für Özdemir waren im Vorfeld der Wahl 42 Prozent der Wähler in BaWü, auch ein Fünftel der CDU-Wähler.
Und auch in Rheinland-Pfalz fährt die CDU eher einen Kuschelkurs im Wahlkampf, klare Botschaften dringend kaum durch – manch einer spricht auch hier von einem „mutlosen und ideenlosen“ Wahlkampf Schnieders. Auch der Eifelaner gilt als bodenständig und als „netter Mensch“, wofür genau er aber steht, dürfte vielen Wählern weiter unklar sein. Wahlen aber gewinnt inzwischen der, der als „Typ“ in Erinnerung bleibt, der mit markanten Aussagen punkten kann und bei dem die Wähler das Gefühl haben, auch in Krisenzeiten in guten Händen zu sein.
Der tiefe Absturz der SPD: Was ist das Elektrisierungsprofil?
CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann sagte es selbst am Wahlabend in BaWü: „Traue ich dem oder nicht – darauf kommt es an“, sagte Linnemann – aus seiner Sicht habe natürlich „Gordon Schnieder gute Voraussetzungen“. Schweitzer hingegen ist durchaus ein „Typ“, dazu tourt der Ministerpräsident nicht nur seit Wochen von Dorf zu Dorf, sondern lässt sich auch regelmäßig mit spontanen Arbeitseinsätzen überraschen – solche Events machen nahbar und kommen in sozialen Netzwerken ausgesprochen gut an.

Das Problem der SPD: Sie hat in BaWü am Sonntag das katastrophalste Ergebnis ihrer Geschichte überhaupt eingefahren. Die Sozialdemokraten, immerhin noch Regierungspartei in Berlin, kommen gerade noch auf Werte von um die 5,5 Prozent, und mussten zu Beginn des Wahlabends kurzfristig sogar darum bangen, überhaupt noch in den Stuttgarter Landtag einzuziehen. Die einst große stolze Arbeiterpartei – in BaWü gilt sie den Wählern inzwischen als weitgehend verzichtbar.
Für Rheinland-Pfalz bedeutet das alles andere als Rückenwind: Wer wählt schon eine Verliererpartei? Seit der Bundestagswahl 2025 ist die SPD stark angeschlagen, Parteichef Lars Klingbeil ist in der eigenen Partei hoch umstritten, und Arbeitsministerin Bärbel Bas legte sich jüngst mit den Arbeitgebern an. „Die SPD wirkt wie eine Sekte“, urteilte gar Korte im ZDF, und fragte in Richtung Sozialdemokratie: „Was ist das Elektrisierungsprofil? Was verbinden die Leute noch mit dieser Partei, die mal für Arbeiter gestanden hat?“
Grüne in RLP: hochgradig ideologisch und Fundi
BaWü zeigt: Der Absturz der Sozialdemokraten in der Wählergunst geht weiter, das dürfte in Berlin, aber auch in Mainz alle Alarmglocken läuten lassen. In Rheinland-Pfalz trüben aktuelle Skandale und schlechte Regierungs-Bilanzen bei Bildung und Kliniksterben die Laune der Wähler, auch die Flutkatastrophe im Ahrtal spielt in den Hinterköpfen noch ein Rolle – vor allem das Versagen der damaligen Spitzen von SPD und Grünen.

Apropos Grüne: Gibt der Özdemir-Erfolg ihnen jetzt Rückenwind für Rheinland-Pfalz? Wohl höchstens eingeschränkt, sind die Grünen in Rheinland-Pfalz doch völlig anders gepolt als der moderate Özdemir. In Rheinland-Pfalz gilt die Ökopartei als hochgradig ideologisch, Spitzenkandidatin und Klimaschutzministerin Katrin Eder orientiert sich an Fundi-Themen in Sachen Klimaschutz und hat damit die Wirtschaft großflächig verprellt. Dass sie Wahlkampf mit „bloß keine Zusammenarbeit mit der AfD“ macht, während gleichzeitig die eigene Abgeordnete im EU-Parlament mit der AfD gegen Mercosur stimmt, kommt bei der Mehrheit der Wähler gar nicht gut an.
30 Prozent wie in BaWü sind für die Grünen in Rheinland-Pfalz sowieso utopisch – 10 Prozent wären im eher konservativ-bodenständigen Land schon ein Erfolg. Für die Grünen lautet der Merksatz noch immer: Will man mehr als 10 Prozent holen, geht das nur mit unideologischer Politik der Mitte, aber ganz sicher nicht mit Frontalangriff gegen Autofahrer oder von der Wirtschaft als überzogen empfundenen Klimazielen.
Totenglocke für die Liberalen, AfD nicht so stark wie erwartet
Womit wir bei der FDP wären, deren Merksatz für die Wahl in zwei Wochen dürfte wohl lauten: Das war’s. Nicht einmal mehr im Stammland Baden-Württemberg können die Liberalen die Wähler davon überzeugen, dass sie gebraucht werden. Mit 4,5 Prozent (Stand 20.00 Uhr) wird die FDP wohl aus dem Landtag in Stuttgart fliegen, das ist bitter für die Liberalen – aber auch ein Fanal für die FDP in Rheinland-Pfalz.
Obwohl man hier Regierungspartei ist, dümpelt die FDP in Umfragen unter 3 Prozent dahin – und das Gestammel von Bundeschef Christian Dürr am Wahlabend war auch nicht angetan, potenzielle Wähler in Rheinland-Pfalz noch zu motivieren. „Es war klar, dass ein Erneuerungsprozess Zeit braucht, dass das ein Marathon wird“, sagte Dürr in die Fernsehkameras, und versprach: „Die FDP ist bereit, weiter an sich zu arbeiten.“ Es brauche doch auch „eine radikale Reformkraft“ in Deutschland, die „bereit ist, den Status Quo in Frage zu stellen“, versuchte Dürr es dann noch – die Kollegen in Rheinland-Pfalz dürften es eher mit Schrecken gehört haben: Die Linie der hiesigen FDP ist das nicht.
Bleiben AfD und Linke: Die AfD legte zwar gewaltig zu – mehr als 8 Prozent plus im Vergleich zu 2021 -, steigt aber eben nicht auf mehr als 20 Prozent. Ist der Höhenflug der Rechtsextremen also gestoppt? Vieles deutet darauf hin, dass gerade die Affären um Angestellten-Verhältnisse von Verwandten der AfD stark schadet – auch in Rheinland-Pfalz schwankte die Partei in jüngsten Umfragen bei um die 18 bis 19 Prozent.
Linke scheitert am Einzug in den Landtag – auch in RLP?
Die Linke wiederum sah auch in BaWü lange wie ein sicherer Einzugskandidat für den Landtag aus – am Wahlabend scheiterte sie dennoch mit rund 4,5 Prozent an der Fünf-prozent-Hürde. Ähnliches könnte den Kollegen in Rheinland-Pfalz widerfahren: Von 9 Prozent in den Umfragen kurz nach der Bundestagswahl sackte die Linke zuletzt wieder erst auf 6 Prozent und zuletzt auf 5 Prozent – ist also auch dieser Höhenflug gestoppt? Die Wortwahl von Linkenchef Jan van Aken am Sonntagabend, CDU-Kandidat Hagel sei ja „so eine Pfeife gewesen…“, dürfte viele Wähler in Rheinland-Pfalz nicht begeistert haben.
Fazit: Auch in zwei Wochen in Rheinland-Pfalz wird es spannend. Das derzeitige Kopf-an-Kopf-Rennen nützt vor allem den großen Parteien, die Kleinen verlieren dabei. Vor allem aber auch: Es kommt bei Wahlen tatsächlich auf jede Stimme an – also: Geht wählen!! Entscheidungshilfen gibt es kommende Woche reichlich: Am Dienstag, den 10. März, findet im SWR das Duell der Spitzenkandidaten Schweitzer-Schnieder statt (live um 20.15 Ur im SWR-TV), und am Donnerstag, den 12. März die Wahlarena mit Spitzenkandidaten (live 20.15 Uhr SWR-TV). Informiert Euch!
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