„Mainz& politisch“: Historische Nacht in den USA: Bei den „Midterms“, den Wahlen für Kongress und Senat am 03. November 2026 erleben die USA eine wahrhaft historische Wahl. Um 4.00 Uhr morgens deutscher Zeit ist klar: Die Demokraten erobern die Mehrheit im Kongress in Washington zurück. Um 05.40 Uhr steht fest: Sie kippen auch die Mehrheit im Senat zu ihren Gunsten. Es ist eine historische Klatsche für US-Präsident Donald Trump, seine Kandidaten werden reihenweise abgewählt. Und Texas, ausgerechnet Texas (!!), fällt an die Demokraten. Eine kolumnistische Analyse von Mainz&-Chefin und Amerikanistin Gisela Kirschstein, die selbst von 1989 bis 1990 in Austin, Texas lebte.

Texas, ausgerechnet Texas.

Ausgerechnet Texas, der größte Bundesstaat der USA, 38 Jahre lang fest in der Hand der Republikaner, ist bei den Midterms-Wahlen an die Demokraten gefallen. - Screenshot von der CBNN-Wahlnacht: gik
Ausgerechnet Texas, der größte Bundesstaat der USA, 38 Jahre lang fest in der Hand der Republikaner, ist bei den Midterms-Wahlen an die Demokraten gefallen. – Screenshot von der CBNN-Wahlnacht: gik

Seit 1988 ist der Staat im Süden der USA fest in der Hand der Republikaner. Mehr als fest: eine Festung des Konservativismus. Ein Hort all dessen, was vielen weißen Amerikanern als ur-amerikanisch gilt. Der alte Westen von John Wayne quasi kondensiert in einem Staat. Cowboyhut, Bier, Barbecue und Ölmagnate. Der weite, unbeschränkte Westen.

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Ich habe das 1989 selbst erlebt, als Austauschstudentin lebte und studierte ich ein Jahr in Austin, Texas, bis zum Herbst 1990 (ja, ich habe den Mauerfall im Fernen Texas erlebt…). Es war das wohl intensivste Jahr meines Lebens.

Texas, das ist unendliche Weiten. Das ist roter Sand und Hill Country mit Seen und grünen Hügeln. Das ist viel deutsches Erbe samt dem besten Bier der USA, damals. Aber eben auch das tiefste, konservativste Amerika, das man sich vorstellen kann: männlich dominiert, der Staat der Ölindustrie und der Viehbarone. In die Oper (!) trug man Cowboyhut und Cowboystiefel, die Longhorns (eine Rinderrasse) sind das Markenzeichen des Staates und des Footballteams der UT Texas („Go, Longhorns, Go!“).

Das Motto des Staates ist bis heute: „Bigger an‘ better.“ Texas ist das Bayern der USA – aber Hundertfach im Quadrat. Sein zweiter Slogan: „Don’t mess with Texas.“ Leg Dich nie mit Texas an.

Und ausgerechnet Texas ist jetzt gefallen.

Demokratin wird Gouverneurin von Texas, Talarico zieht in Senat ein

James Talarico wird der neue Vertreter von Texas im Senat in Washington. Er gewinnt Texas mit 59,5 % – das ist unerhört. Seit 1988 hat es das nicht mehr gegeben. Sein Gegner, der Republikaner Paxton, war der explizit gewünschte Kandidat von US-Präsident Donald Trump.
Und es wird noch besser: Gina Hinojosa wird neue Gouverneurin von Texas.
Eine Demokratin, eine Frau, eine Latina. Das ist nichts weniger als eine Revolution.
Der Demokrat James Talarico holt nach 38 Jahren erstmals wieder einen Senats-Sitz für die Demokraten in Texas. - Screenshot von der CNN-Wahlnacht: gik
Der Demokrat James Talarico holt nach 38 Jahren erstmals wieder einen Senats-Sitz für die Demokraten in Texas. – Screenshot von der CNN-Wahlnacht: gik

Als ich in Texas lebte, waren Latinos die Underdogs in Texas. Eine ethnische Minderheit, die vom Süden, also aus Mexiko, unaufhaltsam einsickerte, beäugt von den weißen Texanern wie – man muss es so sagen – Ungeziefer. Rassismus war omnipräsent. Mexican-Americans waren der „Bottom of Society“. Tacos und Corona-Bier und Margueritas hatten den Geruch des Irgendwie-Verbotenen.

Und jetzt wird eine Latina neue Gouverneurin von Texas? Das ist big. Das ist historisch. Das ist unglaublich.

„This is a Moment in History“, staunte CNN-Moderatorin Erin Burnett, die selbst aus Texas stammt: „A Latina Governor? I never thought, I see the day!“ Niemand kannte sie, sagt Burnett, die eines der bekannten Gesichter von CNN ist, Niemand habe ihr Geld geben wollen – und jetzt werde sie Gouverneurin.

Besonders bemerkenswert dabei: Texas ist auch der Staat, wo Elon Musk seine „Musk City“ baut, ein Gebiet in Texas, wo er seine Fabriken baut, wo sein Raumfahrtunternehmen steht. Musk habe 200 Mio Dollar in den Wahlkampf der Republikaner in Texas investiert, berichtet CNN. Doch Musk hat sich verrechnet, im wahrsten Sinne des Wortes, berichten die CNN-Journalisten: Das habe eigentlich nur „auf die Geschichte der Korruption“ der Republikaner und Donald Trumps persönlich eingezahlt.

„Blaue Welle“ rollt durch die USA, Musk und Trump abgestraft

Es ist wahrlich ein Abend für die Geschichtsbücher.

Um 4.00 Uhr morgens unserer Zeit steht fest: die Demokraten erobern die Mehrheit im Kongress in Washington.

Um 05.40 Uhr steht fest: sie holen auch die Mehrheit im Senat.

Die "blaue Welle": Die Demokraten i den USA erobern bei den Midterms die Mehrheit im Kongress und dem Senat in Washington. - Screenshot von der CNN-Wahlnacht: gik
Die „blaue Welle“: Die Demokraten i den USA erobern bei den Midterms die Mehrheit im Kongress und dem Senat in Washington. – Screenshot von der CNN-Wahlnacht: gik
Es ist ein Erdrutschsieg. Durch die USA rollt eine „blaue Welle“ – Blau ist die Farbe der Demokraten -, gestandene Demokraten haben Tränen in den Augen. Democracy strikes back – gegen einen Präsidenten, der zunehmend autoritär und geradezu wirr agiert. Der im Wahlkampf propagierte, er selbst (!) stehe auf dem Stimmzettel (was natürlich Humbug war), der selbst massiv Einfluss auf die Auswahl der republikanischen Kandidaten nahm – und der jetzt davon natürlich nichts mehr wissen wollte.

Die USA zeigen, was für eine großartige Demokratie sie sind: sie verabreichen dem orangenen Clown im Weißen Haus eine gewaltige Ohrfeige. „Es gab so viele Anzeichen, dass die Leute unzufrieden waren“, sagte ein CNN-Analyst in der Nacht, „Donald Trump hat sie alle ignoriert. Stattdessen redete er von einem golden Age.“

Stattdessen brachen ihm die horrend gestiegenen Lebenshaltungskosten und vor allem die explodierten Benzinpreise das Genick. „It‘s the Economy, stupid“, wusste schon Bill Clinton – Donald Trump hat genau da versagt.

Historischer Erdrutschsieg, Gründe: Benzinpreise und Kosten

„It’s a huge Moment“, staunte Caitlin Collins, eine der wichtigsten und besten Politikjournalistinnen von CNN: „It’s going to be a very different Washington.“ Und ein CNN-Kommentator, ein Demokrat, der einst für Barack Obama arbeitet, feierte: „Das ist wie Weihnachten und Geburtstag zusammen.“

Democracy strikes back. Donald Trump ist from now on „a lame duck.“

Was daraus wird? Unklar. Donald Trump könnte noch diktatorischer werden – oder zurücktreten. Beide Varianten wurden in der Nacht diskutiert.

CNN-Legende John White, Pionier des Datenjournalismus in Wahlnächten, mit einer Karte der Preissteigerungen bei den Benzinpreisen in Nebraska, USA. - Screenshot von der CNN Wahlnacht: gik
CNN-Legende John White, Pionier des Datenjournalismus in Wahlnächten, mit einer Karte der Preissteigerungen bei den Benzinpreisen in Nebraska, USA. – Screenshot von der CNN Wahlnacht: gik

Klar ist indes: Dies ist eine historische Niederlage für die Republikaner, denn Texas war nicht die einzige republikanische Hochburg, die heute Nacht gestürmt wurde. Kansas, Ohio, North Carolina, South Carolina – es sind die ländlichen Bastionen der Republikaner, die Donald Trump heute Nacht verloren hat. Das ist gar nicht unterzubewerten.

„America is back!“ rief Hakeem Jeffries am Abend. Jeffries ist der Führer der Demokraten im Kongress, er wird nun der neue Majority Leader werden, ein hochgradig einflussreicher Job – seine Vorgängerin war Nancy Pelosi. Jeffries ist der erste Schwarze, der erste African-American, der Sprecher der Mehrheitsfraktion im Senat werden wird. Auch das ist ein historischer Moment für Amerika.
Wie sagte John King, die Legende in Sachen Datenjournalismus am Abend bei CNN: 38 Jahre lang hielten die Republikaner den Senat in Texas, 36 Jahre die Sitze in Kongress. „If Texas Flips, This would be WOW History.“

It is.

„We just took back Texas“, sagte James Talarico am Abend: „Wir haben soeben bewiesen, dass Geld nicht alles ist. Sondern dass Liebe stärker ist. In diesem Land, in diesem Staat, gehört die Macht dem Volk – nicht dem großen Geld.“ Der reichste Mann der Welt, das gesamte Establishment von Washington war nicht genug, um die Demokraten aufzuhalten. „Heute Nacht haben wir den Löwen besiegt. Wir haben Euch gehört. Und heute Nacht hört Euch die ganze Welt.“

Info& auf Mainz&: Wer mehr wissen möchte, wie die USA im Jahr 2026 tickt, dem empfehlen wir eindringlich die Reportage von Markus Lanz „Amerika ungeschminkt – Was kommt nach Trump?“ in der ZDF Mediathek.