Es ist eine der großen Lücken, die durch die Flutkatstrophe im Ahrtal schonungslos sichtbar gemacht wurde: Die rheinland-pfälzische Polizei besitzt keine Hubschrauber mit Seilwinden zur Rettung von Personen aus der Luft. Das soll sich nun endlich ändern: Das Mainzer Innenministerium brachte nun die Bestellung für zwei neue Polizeihubschrauber auf den Weg: Es handele sich um hochmoderne Hubschrauber vom Typ H145 der Firma Airbus Helicopters, ausgestattet unter anderem mit Rettungswinden. Der Haken: Die Hubschrauber werden erst 2024 erwartet.

Bei der Flutkatastrophe im Ahrtal war Rettung in den ersten Stunden nur noch aus der Luft möglich. – Screenshot: gik
Bei der Flutkatastrophe im Ahrtal war Rettung in den ersten Stunden nur noch aus der Luft möglich. – Screenshot: gik

In der Flutnacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 waren Hunderte Menschen von der bis zu zehn Meter hohen Flutwelle auf Häuserdächer geflüchtet, viele mussten bis weit in den Morgen des 15. Juli hinein ausharren, bis Rettung kam. In der Nacht zuvor hatte es auch deswegen viele Tote im Tal gegeben, weil Hubschrauber viel zu spät zum Einsatz kamen. Ein Grund dafür: Das Land Rheinland-Pfalz besitzt selbst keine Hubschrauber mit Rettungswinden.

Dabei war das Problem seit Jahren bekannt: Viele Katastrophenschützer berichteten dem Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der Flutkatastrophe im Ahrtal, das Fehlen solcher Rettungshubschrauber mit Seilwinde sei bereits beim großen Hochwasser 2016 ein Problem gewesen – doch geändert habe sich nichts. Am 14. Juli 2021 erreichten die Leitstelle in Koblenz bereits kurz nach 17.00 Uhr die ersten Notrufe, es würden Personen auf Dächern stehen, die sich nicht selbst retten könnten – so berichtete es Markus Obel, Branddirektor der Koblenzer Feuerwehr, vor dem Untersuchungsausschuss.

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Obel wies bei seiner Vernehmung auch darauf hin, dass das Problem kein Neues war, und das zudem die Ausstattung mit Hubschraubern generell hakte: “Schon 2016 war nur eine einzige Maschine flugfähig”, berichtete er trocken, “für mich war bedauerlich, dass sich die Lage seither nicht gebessert hat.”

Berichtete von seinem dramatischen Einsatz in der Flutnacht im Ahrtal: der hessische Polizeibeamte Tobias Frischholz. – Foto: gik
Berichtete von seinem dramatischen Einsatz in der Flutnacht im Ahrtal: der hessische Polizeibeamte Tobias Frischholz. – Foto: gik

Beim Land Rheinland-Pfalz verweist man indes darauf: Es gebe ja Kooperationen, vor allem mit dem Nachbarland Hessen. Dort besitzt man eine Polizei-Fliegerstaffel, die auch mit zwei Helikoptern mit Seilwinden ausgerüstet ist – nach der Flutkatastrophe im Ahrtal bestellten die Hessen umgehend einen dritten Helikopter samt Windenausrüstung. Vor dem Untersuchungsausschuss hatte jüngst der hessische Polizeibeamte Tobias Frischholz berichtet, wie der Einsatz in der Flutnacht ablief – und wie lange es für die Hessen dauerte, bis sie vor Ort sein konnten.

Nach Frischholz Bericht bekam die hessische Fliegerstaffel um 17.42 Uhr eine Anforderung aus Rheinland-Pfalz, einen Windenhubschrauber für Personenrettung auf dem Campingplatz Stahlhütte in Dorsel zu stellen. Die Hessen bereiten sich sofort auf den Einsatz vor – doch was nicht kommt, ist die konkrete Einsatzaufforderung aus Rheinland-Pfalz. Stattdessen werden die Hessen hingehalten, von einem Einsatz der Bundeswehr ist plötzlich die Rede – dann hören sie nichts mehr.

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Gegen 18.45 Uhr oder 18.50 Uhr wird den Hessen das Warten zu bunt, immerhin ist bereits eine ganze Stunde vergangen – sie fliegen eigenmächtig los in Richtung Ahrtal. Um 20.14 Uhr landen sie in Dorsel – zweieinhalb Stunden nach dem ersten Alarm. Ihr Einsatz kommt zu spät, der Campingplatz ist längst geflutet, und in den Fluten sind sechs Menschen sowie die junge Feuerwehrfrau Katharina Kraatz ertrunken. Trotzdem rettet die Crew aus Hessen in jener Nacht noch fünf Menschen von Dächern, Autos und aus Bäumen, schlechtes Wetter und Dunkelheit machen ihrem Einsatz ein Ende.

Hubschrauber über dem schwer zerstörten Ort Dernau am 20. Juli 2021. - Foto: gik
Hubschrauber über dem schwer zerstörten Ort Dernau am 20. Juli 2021. – Foto: gik

Auch am nächsten Morgen fehlen Hubschrauber zur Menschenrettung im Tal, wie der Bundeswehr-Arzt Dennis Ritter im Ausschuss berichtete: Gegen 7.00 Uhr morgens forderte Ritter am 15. Juli mehr Hubschrauber speziell für den völlig überfluteten Ort Dernau an, den ersten Hubschrauber habe er aber erst gegen 12.00 Uhr mittags über Dernau gesehen.

Ein Jahr nach der Katastrophe zieht das Mainzer Innenministerium nun eine erste Konsequenz aus der katastrophalen Flutnacht: Die Polizei Rheinland-Pfalz werde mit zwei neuen, hochmodernen Hubschraubern vom Typ H145 der Firma Airbus Helicopters ausgerüstet, teilte Innenminister Roger Lewentz (SPD) am Donnerstag mit. Die neuen Helis sollen dann die beiden aktuell genutzten Hubschraubermodelle EC 135 ersetzen. Für die Anschaffung sei im Januar 2022 ein europaweites Vergabeverfahren gestartet worden, das nun mit der Auftragsvergabe an Airbus Helicopters zum Abschluss gebracht worden sei.

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“Das Einsatzgebiet der beiden Hubschrauber wird sich in erster Linie an den polizeilichen Aufgaben orientieren”, sagte Lewentz weiter. Die Hubschrauber würden wie bisher auch für die Brandbekämpfung, zusätzlich aber auch für die Personenrettung mittels Rettungswinde einsetzbar sein. Für die Beschaffung sind im Landeshaushalt 32,5 Millionen Euro vorgesehen. Doch für Fluten im Jahr 2022 oder 2023 bleibt man damit weiter unterausgestattet: Die neuen Hubschrauber würden nach derzeitiger Planung im ersten Halbjahr 2024 zur Verfügung stehen, teilte der Minister weiter mit.

Die Polizei Rheinland-Pfalz bekommt zwei neue, moderne Hubschrauber - mit Seilwinden zur Luftrettung. - Foto: gik
Die Polizei Rheinland-Pfalz bekommt zwei neue, moderne Hubschrauber – mit Seilwinden zur Luftrettung. – Foto: gik

Im Mainzer Innenministerium heißt es dazu auf Mainz&-Anfrage: Es gebe einen Intensivtransporthubschrauber der ADAC Luftrettung in Imsweiler in der Pfalz, dieser solle mit einer Winde ausgestattet werden. “Wir gehen derzeit davon aus, dass noch in diesem Jahr die erforderlichen Einweisungen und Trainings abgeschlossen sein werden, und dass der Hubschrauber dann für den Einsatz mit Winde zur Verfügung steht”, teilte eine Pressesprecherin des Innenministers mit.

Bis zu diesem Zeitpunkt könne es es – je nach Besatzung und Ausbildungsstand – “auch bereits früher vereinzelt zu Windeneinsätzen kommen.” Allerdings bestehe dazu dann “noch keine Verpflichtung des Leistungserbringers”, so das Ministerium weiter: Die Kosten für die Rettungshubschrauber und Intensivtransporthubschrauber werden von den Krankenkassen getragen.

Info& auf Mainz&: Alle Mainz&-Berichte zur Flutkatstrophe im Ahrtal findet Ihr übrigens hier in unserem großen Mainz&-Dossier. Die ausführlichen Berichte zu den Einsätzen der Hubschrauberpiloten und anderer Helden der Rettungskräfte in der Flutnacht im Ahrtal lest Ihr ausführlich hier bei Mainz&.

 

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