Mainz& exklusiv: Die deutsche Weinwirtschaft steckt in der Krise, eine Imagekampagne soll deshalb den Winzern helfen – mit Geldern vom Bund und dem Land Rheinland-Pfalz. Doch nun schlagen Winzer aus Rheinhessen Alarm: Der Bund wolle ausschließlich Werbung für Bio- und alkoholfreie Weine fördern, kritisiert die Initiative „Landwirtschaft verbindet“ in einem Protestbrief – das sei „ungefähr so, als wolle man die deutsche Autoindustrie mit Werbung für E-Roller und Fahrradklingeln retten.“ Fällt Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer auf falsche Fakten und eine Verteufelungskampagne rein? Die ganze Geschichte hier:

Weineinkauf a Weinregal: Der Absatz von Weinen in Deutschland ist erheblich gesunken. - Foto: DWI
Weineinkauf a Weinregal: Der Absatz von Weinen in Deutschland ist erheblich gesunken. – Foto: DWI

Seit gut zwei Jahren rutscht der Weinbau in Deutschland immer tiefer in die Krise: Der Weinkonsum sinkt weltweit, 2024 trank ein Deutscher über 16 Jahren im Schnitt nur noch 22,2 Liter Wein im Jahr – das waren 0,3 Liter weniger als in der Vorjahresperiode. Gründe dafür sind auch Preissteigerungen und Inflation, viele Verbraucher trinken wegen explodierter Preise in der Gastronomie weniger Wein, dazu kommen aber auch neue Trends wie „Dry January“ – und undifferenzierte Verteufelungskampagnen gegen Alkohol.

Seit die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ungeprüft Studien der Weltgesundheitsorganisation WHO übernahm, nach denen angeblich schon ein Tropfen Alkohol Krebs auslösen kann, ist auch Wein in den Negativstrudel geraten – dabei haben Wissenschaftler in Hunderten Studien nachgewiesen, dass gerade moderater Weinkonsum der Gesundheit ausgesprochen förderlich ist. Verbreitet werden die neuen Thesen dennoch, obwohl Experten von „Fake News“ und „Science Fiction“ sprechen – mehr dazu lest ihr hier bei Mainz&.

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Imagekampagne „Dein Moment. Dein Wein“ soll Absatz fördern helfen

Rheinland-Pfalz ist von diesen Entwicklung in herausragendem Maße betroffen, schließlich ist es mit gleich sechs Weinanbaugebieten das größte Weinbau treibende Bundesland in Deutschland – ein Großteil der Weinproduktion geschieht hier. Die Krise im Weinbau bedroht deshalb ganz konkret Existenzen rheinland-pfälzischer Winzer. Im Januar 2026, zum Start der heißen Wahlkampfphase vor der Landtagswahl, kündigte die rheinland-pfälzische Weinbauministerin Daniela Schmitt (FDP) Unterstützung an – in Form einer Werbekampagne.

Stellten gemeinsam im Januar auf der Grünen Woche die Werbekampagne für Deutsche Weine vor: Weinbauministerin Daniela Schmitt (FDP, links) und DWI-Geschäftsführerin Melanie Broyé-Engelkes. – Foto: DWI
Stellten gemeinsam im Januar auf der Grünen Woche die Werbekampagne für Deutsche Weine vor: Weinbauministerin Daniela Schmitt (FDP, links) und DWI-Geschäftsführerin Melanie Broyé-Engelkes. – Foto: DWI

Eine Million Euro wolle das Land Rheinland-Pfalz für eine neue Imagekampagne springen lassen – allerdings gemeinsam mit den Gebietsweinwerbungen der Anbaugebiete Rheinhessen, Pfalz und der Mosel. Die Kampagne läuft unter dem Titel „Dein Moment. Dein Wein“, entwickelt wurde sie beim Deutschen Weininstitut in Bodenheim, das Ziel: „Die Sichtbarkeit und Wertschätzung deutscher Weine stärken“, sagte DWI-Geschäftsführerin Melanie Broyé-Engelkes bei der Vorstellung auf der Weinmesse ProWein. Heimische Weine und Weinregionen sollten „als Teil eines modernen Lifestyles mit Erlebnischarakter“ positioniert werden.

Nach Angaben des DWI ist die Kampagne im Lebensmitteleinzelhandel bereits gestartet und soll zwischen September und November vor allem in Metropolregionen ausgespielt werden. Die Motive zeigen „junge Leute, die Genuss, Lebensfreude und Verbundenheit ausdrücken“, die Kampagne solle aber auch weinaffine Ältere ansprechen und Konsumenten „für Wein aus allen deutschen Weinbaugebieten begeistern.“

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Bund will nur Werbung für alkoholfreie und Bio-Weine finanzieren

Bereits Ende 2025 hatte auch Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) Unterstützung in Höhe von einer Million Euro für die Kampagne angekündigt, nun wurde die Unterstützung ausgezahlt – und die Ernüchterung folgte auf dem Fuße: „Gefördert werden sollen ausschließlich Bio- und alkoholfreie Weine“, kritisiert die Initiative „Landwirtschaft verbindet“ aus Rheinhessen. Damit sollten also genau jene zwei Marktsegmente gefördert werden, „die zusammen nur einen kleinen Bruchteil des gesamten deutschen Weinmarktes ausmachen“ – das sei „so glaubwürdig wie ein Eimer Wasser gegen einen Waldbrand.“

Messestand des Deutschen Weininstituts auf der ProWein 2026 mit den Bildern der neue Imagekampagne für Wein. - Foto: DWI
Messestand des Deutschen Weininstituts auf der ProWein 2026 mit den Bildern der neue Imagekampagne für Wein. – Foto: DWI

Die Initiative „Landwirtschaft verbindet“ gründete sich im Zuge der Bauernproteste im Januar 2024, weil man sich von den klassischen Landwirtschaftsverbänden nicht mehr gut vertreten fühlte, Mitglied sind in Rheinhessen viele Winzerbetriebe. Und die zeigen sich nun entsetzt: „Das ist ungefähr so, als wolle man die deutsche Autoindustrie retten, indem man ausschließlich E-Roller und Fahrradklingeln bewirbt“, schimpft LsV-Vorstand Thilo Ruzycki – „Oder die Landwirtschaft stärken, indem künftig nur noch Hafermilch und Schnittlauch staatlich unterstützt werden.“

Die Initiative wandte sich nun in einem offenen Protestbrief an Bundeslandwirtschaftsminister Rainer und warnt darin vor tiefer Enttäuschung gegenüber der Politik. Dabei habe man sich „zunächst bedanken wollen, wirklich“, schreibt Ruzycki weiter – denn mit der Ankündigung der „Informationsoffensive Wein“ sei bei vielen Winzern „erstmals seit Langem wieder ein wenig Hoffnung aufgekeimt.“ Hoffnung darauf, dass die Politik „die dramatische Lage des deutschen Weinbaus erkannt hat und bereit ist, dort anzusetzen, wo unsere eigentlichen Probleme liegen: nicht bei der Qualität unserer Weine, sondern bei deren Vermarktung“, so der Brief weiter.

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Protestbrief an Bund aus Rheinhessen: Vielfalt des Weinbaus ignoriert

Die eine Million Euro hätte zwar die Krise des deutschen Weinbaus nicht gelöst, „aber es wäre zumindest ein Signal gewesen“, so das Schreibern weiter: „Ein Signal an die tausenden Familienbetriebe, die seit Jahren mit steigenden Kosten, wachsender Bürokratie, Wetterextremen und rückläufigem Konsum kämpfen. Ein Signal dafür, dass die Politik verstanden hat.“ Die Winzer hätten natürlich gedacht, „nun werde endlich die gesamte Branche unterstützt – jene Betriebe also, die seit Generationen unsere Kulturlandschaften prägen, Arbeitsplätze sichern und trotz aller Herausforderungen jedes Jahr aufs Neue hervorragende Weine erzeugen.“

Die neue Imagekampagne "Dein Moment. Dein Wein" soll den Absatz von Weinen in Deutschland fördern helfen - aber bitte nur bio und alkoholfrei? - Fotos. DWI
Die neue Imagekampagne „Dein Moment. Dein Wein“ soll den Absatz von Weinen in Deutschland fördern helfen – aber bitte nur bio und alkoholfrei? – Fotos. DWI

Doch jetzt fühlten sich die Weinbaubetriebe enttäuscht und befremdet: „Familienbetriebe, die klassische deutsche Weine erzeugen — Riesling, Spätburgunder, Silvaner — und nun erfahren dürfen, dass sie offenbar nicht modern genug sind, um Teil einer nationalen Kampagne zu sein“, beschreibt Ruzycki die Enttäuschung: „Die Botschaft, die bei vielen ankommt, lautet leider: ‚Der deutsche Weinbau ist wichtig — aber bitte nur, wenn er bio und alkoholfrei ist'“ – das gehe an der Realität in den Betrieben schlicht vorbei.

„Natürlich haben Bio- und alkoholfreie Produkte ihre Berechtigung, niemand bestreitet das“, betont Ruzycki ausdrücklich: „Aber sie zur alleinigen Antwort auf die Krise des Weinbaus zu erklären, wirkt ungefähr so glaubwürdig wie ein Eimer Wasser gegen einen Waldbrand.“ Deutscher Wein lebe von seiner Vielfalt, die reiche von kleinen Familienweingütern bis hin zu Genossenschaften und umfasse traditionelle Betriebe ebenso wie innovative Konzepte.

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„Eine Branche rettet man nicht, indem man 80% Realität streicht“

„Eine Branche rettet man nicht, indem man 80 Prozent ihrer Realität einfach aus der Broschüre streicht“, kritisiert Ruzycki, und fordert den Minister auf: „Suchen Sie endlich das Gespräch mit der gesamten Branche, nicht nur mit ausgewählten Interessengruppen oder politischen Trendthemen. Sprechen Sie mit den Praktikern. Mit den Familienbetrieben. Mit den Winzerinnen und Winzern, die täglich draußen im Weinberg stehen.“ Die Winzer forderten „einen offenen Dialog darüber, wie eine Förderung aussehen kann, die tatsächlich die Breite der Branche unterstütze – und nicht nur „zwei kleinen Nischen“ und „politisch gut klingenden Marktsegmenten.“

So sah erfolgreiches Image-Marketing für Wein aus: Die Deutsche Weinkönigin 2024-2025, Charlotte Weihl, mit ihren beiden Deutschen Weinprinzessinnen Julia Lambrich und Katharina Gräff. - Foto: Deutsche Weinkönigin
So sah erfolgreiches Image-Marketing für Wein aus: Die Deutsche Weinkönigin 2024-2025, Charlotte Weihl, mit ihren beiden Deutschen Weinprinzessinnen Julia Lambrich und Katharina Gräff. – Foto: Deutsche Weinkönigin

Tatsächlich erfreuen sich Bio-Weine zwar zuletzt steigender Beliebtheit, doch ihre Anbaufläche machten Ende 2023 nur 15,3 Prozent der Gesamtrebfläche in Deutschland aus – und ihre Absatz bei den Konsumenten ganze 6 Prozent. Viele „traditionelle“ Winzer arbeiten zudem längst ebenfalls überwiegend mit ökologischen Mitteln, scheuen aber vor der Zertifizierung zurück, um besonders in feuchten Jahren Möglichkeiten zu haben, gegen Befall von feuchtem Mehltau oder andere Schädlinge vorzugehen. Bio-Winzer haben dann nur höchst eingeschränkte Möglichkeiten, zudem ist ihre Verwendung von Kupfer in den Weinbergen höchst umstritten, weil sich Kupfer im Boden und im menschliche  Körper anreichert.

Alkoholfreie Weine wiederum sind das derzeit am stärksten wachsende Marktsegment im Weinbau, Absatz und Umsatz legten laut Deutschem Weininstitut im Jahr 2025 um jeweils 25 Prozent zu – der Umsatzanteil am deutschen Weinmarkt liegt indes weiter nur bei zwei Prozent. Zudem gelten die entalkoholisierten Weine nicht wirklich als Spiegel deutscher Weinkultur, die wird weiter geprägt durch hochwertige Rieslingweine, tolle Spätburgunder und eine riesige Vielfalt an weißen und roten Rebsorten. Die Basis: eine 2.000 Jahre alte Weinkultur in Deutschland.

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Fällt Rainer auf Verteufelungskampagne der Guttempler rein?

Warum also will man beim Bundeslandwirtschaftsministerium auf einmal nicht mehr die großartige deutsche Weinkultur in Gänze, sondern lediglich die Nischenprodukte unterstützen? Nach Mainz&-Informationen gibt es hier wohl tatsächlich einen Zusammenhang mit eben jener Verteufelungskampagne, die auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung bis heute verbreitet. Dabei wird einfach behauptet, bereits „ein Tropfen Alkohol“ könne Krebs auslösen und generell tödlich sein – Experten kritisieren das als „Fake News“.

Guttempler-Unterstützung für Adolf Hitler und seine Rassenlehre, zitiert von dem Politikmagazin Panorama 1991 in einem Beitrag über Guttempler und Nationalsozialismus. – Screenshot: gik
Guttempler-Unterstützung für Adolf Hitler und seine Rassenlehre, zitiert von dem Politikmagazin Panorama 1991 in einem Beitrag über Guttempler und Nationalsozialismus. – Screenshot: gik

Denn die Einschätzung stammt ursprünglich von der Weltgesundheitsorganisation WHO, sie beruht jedoch auf Studien, die nicht etwa an realen Menschen durchgeführt wurden – sondern schlicht Bevölkerungsdaten übereinander legen. Diese Studien seien willkürlich unwissenschaftlich und schlicht „nicht aussagefähig“, kritisieren Experten wie der Münchner Professor für Ernährungswissenschaften Nicolai Worm. Mehr noch: Erstellt worden seien die Studien von dem Canadian Institute for Substance Use Research, dessen führende Köpfe und Gründer aber nachgewiesene Verbindungen zu Movendi International haben – die Organisation wurde 1851 in den USA als Guttempler-Orden gegründet, also einer Abstinenzler-Sekte.

Die Guttempler waren fanatische Vertreter unter anderem der Erbgesundheitslehre, wie sie auch die Nationalsozialisten im Dritten Reich verfolgten: Schwerer Alkoholismus galt als den Nationalsozialisten als Erbkrankheit, Alkoholiker wurden als „minderwertig“ in Lager und Irrenanstalten eingewiesen – sie konnten entmündigt und zwangssterilisiert werden. „Der Guttempler Orden unterstützte die Maßnahmen und bekannte sich rückhaltlos zu den Gesetzen“, berichtete 1991 das ARD-Politikmagazin Panorama – zwischen Guttemplern und NSDAP habe es enge Verbindungen gegeben, die Abstinenzler hätten sich als „Helfer des Führers“ gesehen.

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Studien zu Alkoholgefahr: konstruiert, unwissenschaftlich, unbrauchbar

Genau diese Organisation bestimmt mit ihren konstruierten Studien nun die Richtlinien deutscher Gesundheitspolitik, die zudem damit Jahrzehnte von wissenschaftliche Erkenntnissen über die positiven Wirkungen eines moderaten Weinkonsums ignoriert – stattdessen werden der Konsum harten Alkohols und der Genuss von Wein einfach gleichgesetzt, ein Unding, sagen Experten. Bei Alkohol mache es einen großen Unterschied, welchen man trinke, und ob man ihn nüchtern oder zum Essen genieße, betont Oekotrophologe Worm: „Wenn der Weinkonsum zu einem gesunden, mediterranen Essen passiert, findet sich gar kein Risiko für die Gesundheit.“

Der CDU-Landtagsabgeordnete und Weinexperte Johannes Schäfer (CDU) fordert: Ganze Weinbranche unterstützen! - Foto: CDU RLP
Der CDU-Landtagsabgeordnete und Weinexperte Johannes Schäfer (CDU) fordert: Ganze Weinbranche unterstützen! – Foto: CDU RLP

Der weinbaupolitische Experte der CDU-Landtagsfraktion, Johannes Schäfer, fordert deshalb, den traditionellen Weinbau nicht zu vergessen: „Eine bundesweite Werbeinitiative für Bio-Weine und entalkoholisierte Weine ist zwar grundsätzlich zu begrüßen“, sagte Schäfer gegenüber der Internetzeitung Mainz&. Denn dabei handele es sich noch „um kleine Sparten mit großem Wachstumspotenzial, bei denen eine Bewerbung große Erfolge für die Winzer bringen kann.“

Denn heimischer Wein sei „nahezu unschlagbar, was Qualität, Preis-Leistungsverhältnis, CO2-Abdruck und Nachvollziehbarkeit der Lieferkette angeht“, deshalb sei es wichtig, „diesen wertvollen Wirtschaftszweig, der maßgeblich für unsere regionale Kultur und unser Lebensgefühl ist“ in Gänze zu unterstützen.

Info& auf Mainz&: Mehr zur großen Absatzkrise im deutschen Weinbau lest Ihr hier bei Mainz&. Unsere große Recherche über die Guttempler, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und die Fakenews in Sachen Alkohol könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen:

Mainz& exklusiv: Verteufelungskampagne gegen Alkohol? Experte kritisiert Null-Promille-Diktat zu Weinkonsum: „Das ist Science Fiction“