Der Himmel so blau, die Luft so klar: In der Zeit des Corona-Shutdowns scheint die Luft in Deutschland vielerorts so sauber wie schon lange nicht mehr zu sein. Am Himmel trüben kaum noch Kondensstreifen durch den Luftverkehr den Blick, in den Städten gibt es weniger Luftschadstoffe – so zumindest das subjektive Gefühl. Doch der schöne Schein trügt: Real sanken die Luftschadstoffe an den viel belasteten Messstellen im Land keinesfalls parallel zu den Verkehrszahlen – Corona zeigt: die Konzentration von Schadstoffen in der Luft ist von viel mehr abhängig als allein vom Verkehrsaufkommen.

Die Luftmessstation des Landesumweltamtes in der Mainzer Parcusstraße. - Foto: gik
Die Luftmessstation des Landesumweltamtes in der Mainzer Parcusstraße. – Foto: gik

Am 13. März verkündete Deutschland den Shutdown zur Eindämmung der Coronakrise, in den darauffolgenden Tagen schlossen Schulen und Kitas, ein Gutteil der Arbeitnehmer arbeitete fortan im Homeoffice. Die Frage war: Würde sich das in den Luftschadstoffen abbilden, womöglich mit einem ebenso dramatischen Wandel wie ihn Satellitenbilder über China zeigten?

Der Blick in die Messdaten des Landesamtes für Umwelt zeigt: Einen dramatischen Wandel durch den Corona-Shutdown hat es nicht gegeben. 36 Prozent weniger Autoverkehr verzeichneten die Messstationen in der ersten Woche nach dem Shutdown in der Mainzer Parcusstraße – die Stickoxidwerte aber stiegen in derselben Woche um 13 Prozent auf 45,4 Mikrogramm in der Woche an. 39 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft wurden hier in der Parcusstraße in der ersten Märzwoche noch an Stickoxiden im Wochenschnitt gemessen – zu dieser Zeit passierten die Messstelle im Schnitt rund 22.000 Fahrzeuge pro Tag.

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Ab dem 13. März sank die Zahl der Fahrzeuge an der gleichen Stelle um 21 Prozent in der ersten Woche und um 36 Prozent in Woche zwei des Shutdown, vom 23. bis 27. März fuhren hier nur noch rund 12.800 Fahrzeuge pro Tag entlang. Die Stickoxidwerte machten indes nicht die gleiche Entwicklung mit: In der Woche vom 23. bis 27. März wurden hier zwar in der Tat nur noch 30 Mikrogramm NO2 im Wochenschnitt gemessen – aber eine Woche zuvor waren es sogar 45,4 Mikrogramm gewesen.

Die Entwicklung der Luftqualität in der Mainzer Parcusstraße während des Corona-Shutdown. - Grafik: UBA, Screenshot: gik
Die Entwicklung der Luftqualität in der Mainzer Parcusstraße während des Corona-Shutdown Ende März – trotz Shutdown gab es hohe Stickoxid- und Feinstaubwerte. – Grafik: UBA, Screenshot: gik

Damit stiegen die Stickoxide in der ersten Woche des Shutdowns trotz verringertem Autoverkehr im Vergleich zur Vorwoche sogar deutlich an. Das setzte sich auch im April fort: Immer wieder schossen in den morgendlichen Berufsverkehrszeiten, aber auch in den Nachtstunden zwischen 22.00 Uhr und 1.00 Uhr die Stickoxidwerte in der Mainzer Innenstadt auf Stundenwerte von 60 Mikrogramm und mehr hoch.

Beim Landesamt für Umwelt führt man die Schwankungen vor allem auf die Meteorologie zurück: Gerade im Februar und März gab es demnach eine günstige Wetterlage, damals wurde saubere Luft mit hohen Windgeschwindigkeiten aus polaren Regionen herantransportiert. Die NO2-Belastung habe deshalb in ganz Rheinland-Pfalz in den Monaten Februar und März auf einem niedrigeren Niveau als im Vorjahr gelegen, teilte das Landesamt auf Anfrage von Mainz& mit. Ende März habe sich das Wetter dann aber geändert, nun gab es weniger Wind, auch bildeten sich vielfach in den Nächten Inversionswetterlagen heraus – die Stickoxidwerte explodierten zu manchen Zeitphasen regelrecht nach oben.

Stickoxid-Emissionen in der Mainzer Rheinallee Mitte April während des Corona-Shutdown: Grafik: UBA, Screenshot: gik
Stickoxid-Emissionen in der Mainzer Rheinallee Mitte April während des Corona-Shutdown: Grafik: UBA, Screenshot: gik

Beim Landesamt für Umwelt heißt es trotzdem, die Einschränkungen durch den Shutdown wirkten sich insgesamt positiv auf die Schadstoffbelastung in der Luft aus. DSas sieht man auch in Hessen so: Das Landesumweltamt sprach jüngst in einer ersten Corona-Bilanz gar von einem Rückgang von 40 Prozent der Stickoxide im Mittel – das sei „allein der geringeren Verkehrsmenge“ zuzurechnen. An allen Luftmessstationen in Hessen seien deutlich niedrigere Werte des schädlichen Stickstoffdioxids (NO2) als noch in der ersten Märzhälfte verzeichnet worden.

Dass der Verkehr tatsächlich einen Effekt hat, zeigte der letzte Märzsonntag und auch gerade das vergangene Wochenende: In der Mainzer Parcusstraße wurden Ende März ganze 10 Mikrogramm Stickoxide gemessen, der niedrigste Wert seit dem Aufstellen der Station im Jahr 1986. An diesem Sonntag passierten ganze 4.400 Autos die Messstation in der Parcusstraße. Beim Umweltbundesamt (UBA) heißt es derweil, wie hoch die Entlastung durch den Corona-Effekt sei, das lasse sich seriös derzeit nicht quantifizieren. „Wir gehen davon aus, dass die Corona-Maßnahmen jetzt sich positiv auf die Luftqualität auswirken können“, sagte Ute Dauert, Leiterin des Fachgebiets Beurteilung der Luftqualität, gegenüber Mainz&: „Aber wir gehen auch davon aus, dass das ein Einmaleffekt ist.“

Auch an der Messstation auf der Mainzer Zitadelle wurden immer wieder deutlich erhöhte Feinstaubwerte gemessen - trotz Corona-Shutdown. - Foto: gik
Auch an der Messstation auf der Mainzer Zitadelle wurden immer wieder deutlich erhöhte Feinstaubwerte gemessen – trotz Corona-Shutdown. – Foto: gik

Tatsache sei nämlich auch, dass an manchen Verkehrshotspots sogar steigende Zahlen gemessen wurden – auch weil Arbeitnehmer, die noch zur Arbeit fuhren, mit dem Auto statt mit Bussen und Bahnen pendelten, aus Angst vor einem Ansteckungsrisiko im ÖPNV. Die Verkehre würden nach den Lockerungen wieder ansteigen, ein Verzicht auf Dieselfahrverbote wäre deshalb „fatal“, warnte Dautert denn auch: „Der Zusammenhang zwischen Verkehrsaufkommen und Schadstoffen ist da.“ Ob sich ein Corona-Effekt auf die Luftqualität wirklich valide nachweisen lasse, das sei derzeit nicht festzustellen, ist man auch beim Mainzer Landesamt für Umwelt vorsichtig: Es gebe verschiedene Emissionsfaktoren, schließlich werde auch mehr geheizt, weil die Menschen mehr zuhause seien. Die Reduzierungen würden in erster Linie stark vom Wetter beeinflusst.

Womöglich ist die Wetterlage aber auch nicht der einzige Faktor: An diesem Sonntag meldete die Messstation in der Parcusstraße ebenfalls ganze 12 bis 14 Mikrogramm NO2 in den Nachmittagsstunden – die Luftqualität in der Luft-App des Umweltbundesamtes wurde trotzdem nur mit „mäßig“ angegeben, was bereits eine Einschränkung der Luftqualität bedeutet. Der Grund: Die Feinstaubwerte PM10 lagen den ganzen Tag bei um die 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft – normalerweise bewegt sich dieser Wert in der Parcusstraße im Bereich zwischen 10 und 20 Mikrogramm. Woher diese Schwankungen kommen, dafür hat man bisher bei Landesumweltamt auch auf Nachfrage keine Erklärung.

Die Luftmessstation in Raunheim. - Foto: gik
Die Luftmessstation in Raunheim. – Foto: gik

In Hessen heißt es, eine stark erhöhte Feinstaubkonzentration an den hessischen Luftmessstationen Eden März – insbesondere im südhessischen Raum – sei auf ein Saharastaubereignis zurückzuführen, bei dem Staubpartikel über den südöstlichen Mittelmeerraum bis nach Hessen transportiert worden seien. Auch an diesem Wochenende waren Autos und Möbel im Freien stark von rötlichem Staub bedeckt.

Die hessischen Messstationen rund um den Flughafen brachten aber noch eine Erkennntnis: An der Luftmessstation in Raunheim würden derzeit rund 40 Prozent niedrigere Konzentrationen an ultrafeinen Partikeln als sonst bei gleichen Windbedingungen gemessen, teilte das Hessische Landesumweltamt auch mit. Hier mache sich „die Abnahme der Flugbewegungen beim so genannten Ultrafeinstaub bemerkbar“ – Hessen hatte bis vor Kurzem noch vehement bestritten, dass der Flugverkehr die Quelle für die Ultrafeinstaubwerte an der Messstation in Raunheim sein könnten.

Info& auf Mainz&: Die Luftqualität an den Messstationen in Mainz könnt Ihr selbst nachverfolgen: Auf der Seite des Umweltbundesamtes gibt es unter dem Button Daten – Luft – Aktuelle Luftdaten einen direkten Link zu den Messstationen in ganz Deutschland, wählt Ihr hier die Mainzer Parcusstraße oder Rheinallee an, könnt Ihr alle Werte selbst einsehen und Euch in Diagrammen anzeigen lassen – der direkte Link zum Luftqualitätsindex ist dieser hier. Wie das Umweltbundesamt den Corona-Effekt auf die Luftqualität einschätzt, könnt Ihr hier nachlesen. Mehr zum dramatischen Rückgang des Flugverkehrs in der Coronakrise lest Ihr hier bei Mainz&. Mehr zum Mainzer Dieselfahrverbot und der Debatte darüber gibt es hier bei Mainz& zu lesen.

1 KOMMENTAR

  1. Alles hat eine natürliche Erklärung. Vor allem lassen sich Naturgesetze weder politisch noch juristisch aushebeln. Es gibt viele sich wechselseitig beeinflussende Parameter. Stickoxide sind im Chemiebaukasten der Natur gar nicht vorgesehen und kommen allenfalls bei heftigen Waldbränden vor. Grundvoraussetzung ist, dass der reaktionsunwillige Luftstickstoff durch hohe Temperaturen und auch hohen Druck in eine instabile Verbindung geprügelt wird, genannt Stickoxide, also ähnlich der Ammoniaksynthese des Haber-Bosch-Verfahrens. Die Stickoxide zerfallen schnell von selbst und dann sind sie einfach weg, wenn auch unter Freisetzung Freier Radikaler, also einatomarer Sauerstoff., Auch diese Freien Radikale verschwinden durch die natürliche Paarbildung zu molekularem Sauerstoff O2. In Reinluftgebieten (Gebirge !) geht das langsamer als in dreckiger Luft. Die sauber gewordene Luft ist ein wesentlicher Faktor für die scheinbaren Anomalien. Vergessen wird der Schadstoffeintrag über den immer noch stattfindenden Luftverkehr, dessen Emissionen sich bis auf den Boden absenken. Und Flugzeugtriebwerke produzieren 20 mal mehr Stickoxide als ein Diesel E6. Aber das auszusprechen ist ein Sakrileg.

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