Die Stadt Mainz verteidigt trotz vehementer Kritik die Entscheidung, die Flamingos im Stadtpark abzuschaffen: „Wir haben uns die Entscheidung nicht leichtgemacht und sorgfältig geprüft“, stellte Umweltdezernentin Janina Steinkrüger (Grüne) inzwischen klar, und betonte: „Tier- und Artenschutz können und wollen wir nicht ignorieren“, Tiere mit gestutzten Flügeln lehne man ab. Dabei gibt es Studien, die kein negativen Auswirkungen auf die Tiere feststellen konnten, auch ist das Tierschutzgesetz durchaus flexibel. Der Verein „Schräge Vögel“ zeigt sich derweil zutiefst frustriert: Die Dezernentin habe dem Verein überhaupt nicht zugehört, an einem Kompromiss sei man überhaupt nicht interessiert.

Mitte Juni hatte Umweltdezernentin Janina Steinkrüger (Grüne) völlig überraschend die Entscheidung verkündet, die Flamingos im Mainzer Stadtpark abzuschaffen. Die noch verbliebenen vier Kuba-Flamingos und zwei Rosaflamingos sollten „zum Herbst diesen Jahres in geeignete Einrichtungen umgesiedelt werden, die ihren Bedürfnissen noch besser gerecht werden können“, teilte die Dezernentin mit. Auch Oberbürgermeister Nino Haase (parteilos) betonte, man habe sich „aus Gründen des Tierschutzes dazu entschieden“
Die Nachricht löste umgehend Entsetzen vor allem unter alteingesessenen Mainzern aus, schließlich gibt es seit dem Jahr 1962 Flamingos im Mainzer Stadtpark: Das sei eine alte und sehr liebe Tradition, ein Anziehungspunkt für Familien, Kindergartengruppen und Spaziergänger, klagten Kritiker. Eine im Internet gestartete Petition gegen die Abschaffung der Flamingos und für die Suche nach einer Tierschutz-gerechten Lösung hat inzwischen mehr als 1.300 Unterschriften. Dort wird die Stadt aufgefordert, in einen konstruktiven Dialog mit dem Förderverein „Schräge Vögel“ zu gehen, und „gemeinsam mit engagierten Bürgern und Fachleuten Alternativen zum Verbleib der Flamingos im Stadtpark zu erarbeiten.“
„Schräger Vögel“: Steinkrüger war an Kompromiss nicht interessiert
Dabei solle geprüft werden, wie eine artgerechte Haltung der Flamingos vor Ort weiter möglich sei – „etwa durch Vergrößerung der Gruppe, den Bau einer denkmalschutzgerechten Voliere oder andere kreative Lösungen.“ Doch das lehnte Dezernentin Steinkrüger inzwischen pauschal ab: Sie „schätze die tatkräftige Unterstützung des Vereins ‚Schräge Vögel‘ für die Tiere im Stadtpark sehr“, teilte Steinkrüger Ende vergangener Woche mit, deshalb habe es „vor der Bekanntgabe der Entscheidung ein ausführliches Gespräch mit dem Verein“ gegeben.

„Wir hatten gehofft, dass die guten Gründe für eine Umsiedlung der Flamingos im Stadtpark in Einrichtungen, in der die Vögel artgerecht und in ausreichend großen Gruppen ihren Lebensabend verbringen können, allen einleuchten“, sagte Steinkrüger weiter. Sie „bedauere es sehr, dass der Verein die Entscheidung der Stadt zugunsten des Tierschutzes nicht mittragen wolle.“
Doch der Verein widerspricht vehement: Die Entscheidung der Stadt sei im Alleingang gefallen, „ich wollte immer ein Gespräch, um eine Kompromisslösung zu finden“, betont der Vorsitzende der „Schrägen Vögel“, Hans-Günter Mann, im Gespräch mit Mainz&. Doch eine Kompromisslösung sei überhaupt nicht gewollt gewesen: „Just vor der Pressekonferenz wurde ich zur Dezernentin gebeten“, berichtete Mann weiter: „In dem Gespräch hat sie mir die unumstößliche Entscheidung der Stadt Mainz mitgeteilt.“
„Schräge Vögel“: Waren bereit, neue Flamingos zu kaufen
Mann zeigte sich von dem Verlauf zutiefst frustriert: Der Verein habe über all die Jahre mehr als 250.000 Euro in die Tiergehege im Stadtpark investiert, für das Vogelhaus, das Ziegenhaus und 2017 für den Bau des Flamingohauses. „Wir haben das für die Mainzer investiert“, betonte Mann, „wir waren auch bereit, neue Flamingos zu kaufen.“ Der Verein und er selbst teilten die Gründe der Stadt Mainz zur Abschaffung der Flamingos nicht, unterstrich Mann zudem. Es sei sehr wohl möglich, „dass Mainz seinen Flamingos ein gutes, artgerechtes, tierwohlorientiertes Zuhause hier bieten kann“, heißt es in der Petition.

Zudem stellt sich die Frager, wie stichhaltig die Begründung der Stadt überhaupt trägt. Argumentiert wird da vor allem mit dem Tierschutz, Steinkrüger hatte laut SWR auch „auf ein neues Tierschutzgesetz“ verwiesen. Für eine artgerechte Haltung brauche es eine Gruppe „von mindestens zehn Vögeln jeder Art“, hatte Steinkrüger auch in der Pressekonferenz Mitte Juni betont – damit brauche es mindestens 20 Flamingos, da in Mainz zwei Arten zuhause sind: die Kuba-Flamingos und die Rose-Flamingos. Das aber sei im Stadtpark nicht umsetzbar.
Aber stimmen diese Angaben überhaupt? Ein neues Tierschutzgesetz in Deutschland konnten wie bei unseren Recherchen im Internet nicht ausmachen, wohl aber eine Rechtsvorschrift für die 2. Tierhaltungsverordnung mit einer Neufassung vom 15. Dezember 2024. Und in dieser „Verordnung der Bundesministerin für Gesundheit über die Haltung von Wirbeltieren und Wildtieren“ heißt es zum Thema Flamingos: „Flamingos sind in Gruppen von mindestens 5 Paaren zu halten.“ Die Verordnung schreibt allerdings NICHT vor, dass dies fünf Paare derselben Art sein müssen – von einer einzigen Art ist nicht die Rede, was Ihr gerne hier nachprüfen könnt (Achtung: es öffnet sich ein pdf!).
Verordnung zur Haltung von Flamingos: Keine Vorschrift pro Art
Zur Haltung von Flamingos heißt es in der Vorschrift weiter: „Die Haltung muss in Freianlagen mit offenem, flachen Landteil mit Naturboden, Sand oder Gras, und weitläufigem Wasserteil mit flachen und tiefen Zonen von 0-1 Meter erfolgen. Für den Nestbau (Bruthügel) ist mit Lehm durchsetzter Sand, Schlamm oder Mergel zur Verfügung zu stellen. In den Wintermonaten muss eine beheizte Innenanlage zur Verfügung stehen. Einige Arten wie zum Beispiel Rosa Flamingos dürfen ganzjährig in der Außenanlage gehalten werden, sofern die Wasserflächen eisfrei gehalten werden.“

Als Mindestmaße für die Außenanlage sieht die Vorschrift für 10 Flamingos eine Größe von 100 Quadratmetern vor, für jedes weitere Tier mindestens 2,5 Quadratmeter. Davon – nicht zusätzlich! – muss innerhalb dieser Anlage ein Wasserbecken von mindestens 20 Quadratmetern Fläche für 10 Flamingos zur Verfügung stehen, für jedes weitere Tier muss ein weiterer Quadratmeter Wasserfläche hinzukommen. Davon, dass jede Art von Flamingo mindestens zehn Tiere benötigt, schreibt die Verordnung nicht vor – die Mainzer Flamingos leben bereist seit Jahren in der gemischten Gruppe, offenbar ohne jede Probleme.
Tatsache ist auch: Das dauerhafte Flugunfähigmachen der Vögel durch das sogenannte „Kupieren“ der Flügel ist verboten – das ist allerdings nichts Neues. Erlaubt ist hingegen eine „Einschränken der Flugfähigkeit durch regelmäßiges Kürzen der Schwungfedern der Handschwingen“. Die Mainzer Flamingos waren bereits kupiert in den Stadtpark gekommen, denn es handelt sich durchweg um ältere Tiere – Flamingos können 45 Jahre und älter werden. Dazu berichtet eine Studie des Zoos der Stadt Nürnberg aus dem Jahr 2020, dass das Flugunfähigmachen der Vögel keinerlei Einfluss auf ihren Stresslevel hat.
Studie: Flugunfähige Flamingos nicht gestresster als flugfähige
Die Studie entstand im Tiergarten der Stadt Nürnberg als Doktorarbeit, dabei erforschte der Tierarzt Lukas Reese „die Auswirkungen des Flugunfähigmachen von Zoovögeln am Beispiel von Rosaflamingos.“ Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Animals, Ausgabe 10/2020 veröffentlicht. In der Studie wurde der mögliche Stresslevel der Vögel anhand des Stresshormons Corticosteron untersucht, und zwar von flugfähigen Tieren in Volierenhaltung mit beschnittenen wie auch mit kupierten Tieren in insgesamt zwölf verschiedenen deutschen Zoos.

„Corticosteron wird in Stresssituationen exzessiv ausgeschüttet, um den Körper auf die damit einhergehenden erhöhten Anforderungen vorzubereiten“, heißt es in der Studie: „Während des Federwachstums wird dieses im Blutkreislauf zirkulierende Hormon auch in die Feder eingebaut.“ Mittels Laboranalysen und Beobachtungen über einen längeren Zeitraum stellten die Forscher fest: „Erstaunlicherweise hatte der Flugfähigkeitsstatus keinerlei Einfluss auf die Federcorticosteronkonzentration.“ Der Flugfähigkeitsstatus habe also den Stresspegel weder erhöht noch verringert, dies sei die erste wissenschaftliche Untersuchung gewesen, die sich mit den Auswirkungen der Flugfähigkeit auf das Wohlbefinden der betroffenen Vögel beschäftigt habe.
Ein regelmäßiges Beschneiden der Flügel neuer Flamingos wäre also weder gegen das Gesetz noch gegen den Tierschutz gewesen – zumal die Tierpflegerin der Stadt Mainz auf der Pressekonferenz selbst betont hatte. „Die Tiere hatten es gut bei uns.“ Steinkrüger selbst ging immer nur auf das dauerhafte – und verbotene – Kupieren der Flügel ein, zu der anderen Alternative äußerte sie sich nicht. Die Stadt könnte nun sehr schnell Fakten schaffen: Nach Mainz&-Informationen könnten die Flamingos noch diesen Monat aus dem Stadtpark verschwinden. Die Petition zum erhalt der Flamingos wurde bislang der Stadt noch nicht einmal übergeben – offenbar will man sie dort ignorieren.
Info& auf Mainz&: Mehr zur Petition gegen die Abschaffung der Flamingos könnt Ihr hier bei Mainz& lesen, mehr zur Argumentation der Stadt Mainz ausführlich hier in diesem Artikel.







