Wie sieht das älteste Wohnhaus von Mainz von innen aus? Welchem Zweck dienten die unterirdischen Gänge unter der Zitadelle? Wo steckt die Mainzer Jupitersäule, und welches „Märchen“ wird am Drususstein erzählt? Um diese Fragen und viele mehr dreht sich am kommenden Sonntag der Tag des Offenen Denkmals. In Rheinland-Pfalz wird dabei die geschichtsträchtige Innenausstattung vieler Denkmäler in den Blickpunkt gerückt, passend dazu öffnet in Mainz das älteste Wohnhaus in der Mainzer Altstadt seine Türen: Der „Pulverhof“.

Immer am zweiten Septemberwochenende öffnen in Deutschland historische Denkmäler ihre Türen für die Allgemeinheit, am 14. September ist es wieder so weit: Meist zwischen 10.00 Uhr und 17.00 Uhr könnt Ihr allerlei Denkmäler besichtigen, ihren Geschichten lauschen und Entdeckungen machen. In Rheinland-Pfalz steht der Tag in diesem Jahr unter dem Motto „Wert-voll: unbezahlbar oder unersetzlich?“, ein passendes Motto: Unbezahlbar ist die Geschichtserkenntnis, die uns historische Denkmäler vermitteln, die Einblicke in frühere Zeiten, das Leben und Denken der Menschen damals.
Unersetzlich sind Denkmäler, weil wir ohne sie unser ganzes Wissen über unsere Geschichte und unsere Vorfahren verlören, einen Teil unserer Identität als Volk und als Staatsgebilde. Wenn Denkmäler verschwinden, verschwindet auch die Erzählung, die mit ihnen verbunden ist, die Erinnerung an einstige Größe, an den Alltag früherer Zeiten. Genau daran erinnerte Mitte August die Unsichtbare Römergarde bei ihrem Römischen Sommerfest im Mainzer Landesmuseum: Mitten im modernen Mainz drehte sich der Abend um die Lust der Römer am Anis-Gewürz, um den Klang römischer Musik und die Ausrüstung römischer Legionäre.
Große Mainzer Jupitersäule wird am Denkmaltag wieder sichtbar
Und so erklang nach 2000 Jahren wieder der antike Hymnus an den Sonnengott Helios auf einem antiken Cornu, einem Nachbau eines in Pompeii gefundenen Instruments, oder das lautmalerische „Tarantara“ des antiken Dichters Quintus Enius auf der Tuba – mit glasklarem Klang. Es ist der experimentelle Musikarchäologe Hagen Pätzold, der es versteht, die römische Klangwelt wieder zu beleben, basierend auf antiken Quellen und verbunden mit hoher Instrumentenkunst: Die damaligen Instrumente hatten keine Klappen oder Löcher, ihre Tonfolgen werden allein vom Musikus selbst geformt.

Das Wieder-Sichtbar-Machen der antiken Welt mit Klang, Geschmack und Farben ist eines der Ziele der „Unsichtbaren Römergarde“ (URG): Die „Garde“ verstehe sich „als eine offene Interessengemeinschaft von Menschen, die Freude daran haben, das römische Erbe unserer Stadt lebendig zu halten“, sagte die neue URG-Präsidentin Kathrin Dohle. Es gehe nicht um Strukturen, Ämter oder formale Vereinsarbeit, sondern darum, Geschichte erlebbar zu machen. „Wir zaubern die Römer zurück nach Mainz“, sagte Dohle schmunzelnd, „nicht mit Rauch und Spiegeln, sondern mit Musik, Geschichten, Wein und guter Laune. Unsichtbar fürs Auge vielleicht – aber sichtbar in unserer Lebensfreude, unserem Humor und unserer Lust, Geschichte lebendig werden zu lassen.“
Und sichtbar will die „Unsichtbare Römergarde“ am Tag des offenen Denkmals denn auch ein verschwundenes Denkmal machen: Um 13.00 Uhr lädt die URG-Präsidentin auf den Platz vor dem Mainzer Landtag an der großen Bleiche, an den Standort der Großen Mainzer Jupitersäule. Die älteste, größte und am reichsten verzierte antike Säule ihrer Art nördlich der Alpen ist indes seit zehn Jahren verschwunden, darauf machte Mitte Juli der Verein „Rettet das Römische Mainz“ aufmerksam.
„Märchen“ Drususstein: Gar kein Ehrengrabmal?
Die Siegessäule wurde 2015 zu Restaurationszwecken abgebaut, doch bis heute ist sie nicht zurückgekehrt, angeblich wegen statischer Probleme an der Säule und im Unterbau. Doch die Große Mainzer Jupitersäule gehörte zu den wichtigsten römischen Denkmälern, die in Mainz im Stadtbild zu sehen waren, der verein forderte deswegen ihre schnelle Rückkehr. Darauf will nun auch die Unsichtbare Römergarde hinweisen – und mit einer kreativen Aktion die Säule wieder in ihrer vollen Höhe von mehr als neun Metern sichtbar machen. Wie genau, wird noch nicht verraten – hingehen!

Im Anschluss an die Eröffnung der Installation wird es zudem einen Vortrag des Generalfeldmarschalls der URG und Vorsitzenden des Vereines „Rettet das Römische Mainz“ geben: Christian Vahl wird über „Die Macht der Texte und Bilder in der Römischen Antike: zur Bedeutung der Jupitersäule“ sprechen, Ort ist natürlich auch am Standort der Jupitersäule. Danach lädt Vahl zu einem zweiten Thema auf der Mainzer Zitadelle: Ab 16.00 Uhr geht es dort am antiken Drususstein um ein „Märchen“.
Der Vortrag dort trägt den Titel „Drususstein – zu schön, um wahr zu sein?“ und widmet sich brisanten Forschungserkenntnissen. Danach nämlich war das knapp 20 Meter hohe Steindenkmal womöglich gar kein Ehrengrabmal für den im Jahr 9 vor Christus in Mainz verstorbenen römischen Feldherrn Drusus – sondern ein deutlich später errichtetes Denkmal für den Sieg der Römer über die Kelten. Vahl hat diverse Quellen ausgewertet, sein Fazit: „Die Geschichte: Drusus ist gestorben, seine treuen Soldaten errichteten ihm ein Denkmal – das dürfte so nicht stimmen, auch die bisherige Datierung nicht.“
Wert-Volle Geschichte durch Erinnerungen und Geschichten
Auf der Zitadelle findet natürlich auch wieder das große Zitadellenfest statt, ab 11.00 Uhr gibt es dort Oldtimer und Familienrallye, Büchermarkt, Jazz und französisch-deutsche Gypsy-Jazz-Chanson-Musik. Die Légion de Mayence aus der Franzosenzeit gibt sich die Ehre, Führungen machen Wissenswertes über die Zitadelle, das Römische Bühnentheater und das Mainzer Garnisonsmuseum sichtbar, auch das Stadthistorische Museum ist natürlich geöffnet.

„‚Wert-voll'“ machten am Ende „die Erinnerungen, Erfahrungen und Geschichten, die die Denkmäler bergen, und die sich nicht in Geld beziffern lassen“, sagte denn auch Innenminister Michael Ebling (SPD) bei der Vorstellung des Denkmaltag-Programms am Montag in Ingelheim. Dazu gehören eben auch die Mythen und Identitäts-stiftenden Legenden, die von Denkmälern inspiriert wurden – und die oft ihre ganz eigenen Wege gehen. Rund 260 Denkmäler öffnen am Sonntag in ganz Rheinland-Pfalz ihre Türen, und vermitteln dabei spannende Einsichten.
Greifbar wird Alltagsgeschichte dann oft erst so richtig durch Möbel, Bilder oder Malereien, die Innenausstattung sei aber „oft ein unterschätzter Teil des kulturellen Erbes“, sagt Landeskonservator Markus Fritz-von Preuschen: „Ob historische Türblätter, liturgische Geräte oder technische Ausstattung – sie bestimmen wesentlich die Aussagekraft eines Denkmals. Möbel, Stuck, Malereien oder historische Tapeten machten die Einzigartigkeit eines Ortes erst so richtig spürbar, sagte GDKE-Generaldirektorin Heike Otto: „Auch sie sind ‚wert-voll‘ – und so unersetzlich wie schützenswert.“
„Zum Pulverhof“ öffnet Türen: Ältestes Wohnhaus von Mainz
In Mainz könnt Ihr das an einem ganz besonderen Objekt erleben: dem „Pulverhof“ in der Mainzer Altstadt. Das Gebäude ist tatsächlich das älteste Wohnhaus in Mainz – nicht zu verwechseln mit dem ältesten Wohngebäude, dem romanischen Turm „Zum Stein“ aus dem 12. Jahrhundert. Das Haus „Zum Pulverhof“ war Teil des Templerhofs, eine der wenigen Niederlassungen des Templerordens in Deutschland, informiert die GDKE: „Obwohl im 30-jährigen Krieg beschossen, eine Kanonenkugel steckte noch im Mauerwerk, überstand die Immobilie die Jahrhunderte nahezu unverändert durch seine von der Kapuzinerstraße nicht einsehbare Lage.“

Ab 2021 wurde das Anwesen grundlegend saniert, und zwar ökologisch mit Lehm und Holzfaserdämmung, heute finden sich hier möblierte Apartments. Am Tag des Offenen Denkmals könnt Ihr das Haus besichtigen: „Wir zeigen den Keller und die Allgemeinbereiche, wenn eine Wohnung frei sein sollte, können wir auch ein Apartment zeigen“, heißt es in der Vorankündigung. Es werde zudem vor Ort gegrillt und Kaffee und Kuchen geben, „sollte es sich ergeben, werden wir für Fragen rund um das Thema ökologische Sanierung mit Lehm und Holzfaserdämmung zur Verfügung stehen.“ Zeit: 11.00 bis 16.00 Uhr, Ort: Kapuzinerstraße 54 in Mainz.
Einblicke gewähren am Sonntag natürlich auch wieder der Alte Dom St. Johannis zu Mainz, die ehemalige Neutorschule oder eben auch die Zitadelle mit ihren unterirdischen Gängen – das ganze Mainzer Programm findet Ihr hier im Internet. In Wiesbaden öffnet unter anderem das Jagdschloss Platte seine Türen, zwischen 11.30 und 15.30 Uhr könnt Ihr das historische Gebäude kostenfrei besichtigen. Das Jagdschloss Platte blickt auf eine bewegte Geschichte zurück: Errichtet zwischen 1822 und 1826 diente es einst der herzoglichen Familie von Nassau als Sommer- und Jagdresidenz, wurde 1945 fast vollständig zerstört und blieb eine Ruine, bis die Stiftung Jagdschloss Platte e.V. den Wiederaufbau initiierte.
Info& auf Mainz&: Alle offenen Denkmäler am Sonntag, den 14. September 2025 findet Ihr hier auf der zentralen Seite des Denkmalstags im Internet. Die Generaldirektion Kulturelles Erbe hat eigens zum Denkmaltag eine Broschüre zum Thema „Innenausstattung“ erstellt, die kostenlos in Kulturdenkmälern, bei Denkmalbehörden und Tourist-Informationen ausgelegt wird, sowie hier digital als Flipbook heruntergeladen werden kann.







