Am Mittwoch hatte die Stadt Mainz zur Bürgerversammlung in Sachen Gutenberg Museum geladen, unter dem Motto „Gemeinsam im Gespräch!“ wollte die Stadt offene Fragen zum Projekt beantworten – doch das Ergebnis ist ein anderes: Der Abend warf mehr Fragen auf, als er beantwortete. Warum wurden die Probleme mit dem Planungsbüro nicht viel früher  erkannt und gestoppt? Warum braucht die Archäologie ein ganzes Jahr Zeit? Und vor allem: Wird das künftige Museum dem Anspruch eines „Weltmuseums“ überhaupt noch gerecht? Derweil melden sich ehemalige Unterstützer und Kritiker des Bibelturms wieder zu Wort – auch mit deutlicher Kritik an Oberbürgermeister Nino Haase (parteilos).

Wie lange wird es am Liebfrauenplatz in Mainz eine "Baustelle Gutenberg Museum" geben - droht gar eine Bauruine? - Foto: gik
Wie lange wird es am Liebfrauenplatz in Mainz eine „Baustelle Gutenberg Museum“ geben – droht gar eine Bauruine? – Foto: gik

Das Thema „Wie weiter mit dem neuen Gutenberg Museum“ steht spätestens seit Mai dieses Jahres wieder auf der Agenda, als die Gutenberg Stiftung Alarm schlug: Der Neubau sei bis heute nicht komplett durchfinanziert, die künftige Trägerschaft weiter ungeklärt – dem Museumsprojekt drohe ein „finanzielles Risiko“, warnte die Stiftung Ende Mai. „Die bittere Wahrheit ist: Die Finanzierung der Innenausstattung und der Betrieb des Museums ab 2032 sind Stand heute nicht gesichert“, sagte Anfang Juni der Stiftungs-Vorsitzende Günter Jertz auf einer Pressekonferenz.

Und Jertz warnte öffentlich: „Wenn jetzt nicht gehandelt wird, riskieren wir, im Jahr 2032 ein repräsentatives Gebäude zu eröffnen, dem es an Mitteln für eine zeitgemäße Museumsdidaktik und den täglichen Betrieb fehlt. Das wäre fatal für das Gutenberg Erbe in Mainz.“ Jertz warf dabei zum einen der Landesregierung „Ignoranz“ gegenüber dem Projekt vor, kritisierte aber auch „ganz konkret den Oberbürgermeister“ Nino Haase (parteilos): Der habe in seinem OB-Wahlkampf das Gutenberg-Museum als „absolutes Aushängeschild“ angepriesen, jetzt dürfe er „das Aushängeschild nicht im Regen stehen lassen“, forderte Jertz maximalen Einsatz und entschiedenes Handeln.

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Streichliste: Was heißt „Optimierung“ Fassade und Innenausbau?

Tatsächlich werfen die Vorgänge der vergangenen Jahre Fragen auf: Erst jetzt teilte die Stadtspitze mit, dass es erhebliche Verzögerungen bei den technischen Planungen für das Neubauprojekt gebe – und dass man sich bereits 2025 von dem beauftragten Planungsbüro getrennt habe: Die Leistungen seien ungenügend gewesen. Prompt stellte sich die Frage: Warum hatte man das bei der Stadt nicht viel früher bemerkt – und wer hatte dem Büro denn überhaupt die Vorgaben gemacht?

So soll nach den neuesten Skizzen das neue Gutenberg Museum einmal von außen aussehen - oder doch nicht? - Grafik: h4a Gessert + Randecker Architekten
So soll nach den neuesten Skizzen das neue Gutenberg Museum einmal von außen aussehen – oder doch nicht? – Grafik: h4a Gessert + Randecker Architekten

Denn am Mittwoch präsentierte die Stadt nun erstmals öffentlich auch eine 18 Punkte umfassende Streichliste, mit deren Hilfe die Baukosten um rund 20 Millionen Euro gedrückt werden sollen. Der neue Baudezernent Ludwig Holle (CDU) verteidigte dabei vor allem das Streichen der Dachterrasse, die Verkleinerung des Veranstaltungs-Forums auf eine Kapazität von 199 Personen sowie den Verzicht auf eine Luxus-Sanierung der Altbauten „Römischer Kaiser“ und „Zum Schwan“.

Doch unter den 18 „Kostenoptimierungspotenzialen“ werfen weitere Punkte neue Fragen auf – etwa die Positionen „Optimierung Innenausbau-Qualitäten“ oder „Optimierung opake Fassade Neubau“. Bedeute dies wesentliche Veränderungen an der Qualität der Gestaltung des Museums im Inneren oder gar eine grundlegende Veränderung der Fassadengestaltung, für die der Siegerentwurf ausdrücklich gelobt und ausgewählt worden war?

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Entsprechen neue Pläne überhaupt noch einem Weltmuseum?

Wer an der Qualität spare, werde das womöglich im Nachhinein bitter bereuen, sagte ÖDP-Stadträtin Dagmar Wolf-Rammensee im Gespräch mit Mainz& nach der Veranstaltung. Tatsächlich zeigen neue Pläne für den Innenausbau des Museums nicht mehr die „schwebende Schatzkammer“ für die Gutenberg Bibeln, die eigentlich das  Highlight des Innenausbaus werden sollte. Stattdessen zeigen die Pläne jetzt plötzlich eine fest eingebaute Schatzkammer in einem Obergeschosse – diskutiert wurden diese Änderungen öffentlich nie.

Eine neue Visualisierung der geplanten "Schatzkammer" für die weltberühmten Gutenberg Bibeln war auf einmal in der Präsentation der Stadt Mainz am Mittwoch zu sehen - was wurde aus der "schwebenden Schatzkammer"? - Screenshot: gik
Eine neue Visualisierung der geplanten „Schatzkammer“ für die weltberühmten Gutenberg Bibeln war auf einmal in der Präsentation der Stadt Mainz am Mittwoch zu sehen – was wurde aus der „schwebenden Schatzkammer“? – Screenshot: gik

Die Veranstaltung habe viele Fragen aufgeworfen, sagte Wolf-Rammensee weiter, etwa warum die Archäologen ein geschlagenes Jahr für ihre Grabungsarbeiten bräuchten – schließlich ist die Grube vorausgeschachtet und auch nicht übermäßig groß. Auch dass die Zustimmung von Anwohnern für die weiteren Tiefbauarbeiten noch nicht erzielt seien, sorgte für Unruhe – warum sei das nicht längst geklärt? Und überhaupt müsse geklärt werden, ob die neuen Pläne überhaupt noch dem alten Entwurf für ein „Weltmuseum der Druckkunst“ entsprächen, sagte Wolf-Rammensee.

Die Sorge treibt auch andere um, auch die „Bürgerinitiative für Gutenberg“, die sich einst im Kampf für den Bibelturm engagierte, warnte ebenfalls vor einem abgespeckten Museum, und mahnte: „Ein erneutes Scheitern ist nicht erlaubt.“ Die Skepsis der früheren Bibelturm-Befürworter trifft sich nun mit den damaligen Bibelturm-Gegnern, die ihre Kritik an dem Projekt damals vor allem darauf gegründet hatten, dass es für den geplanten Bau kein Finanzkonzept gab, dass die Pläne höchst rudimentär und nicht durchkalkuliert waren, man dafür aber einen wichtigen Platz in Mainz opfern wollte.

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Kritik: „Ratlos vor einer riesigen Baulücke im Herzen von Mainz“?

Mainz drohe ein jahrelange Bauruine im Herzen von Mainz, warnten die Gegner damals – beim ersten Bürgerentscheid der Geschichte von Mainz gaben ihnen die Mainzer Recht: Das Projekt wurde mit satten 77,3 Prozent abgelehnt. Treibende Kraft war damals ein politischer Quereinsteiger namens Nino Haase, im OB-Wahlkampf von 2023 warb er massiv mit dem Projekt neues Gutenberg Museum – nun werfen ihm ehemalige Mitstreiter vor, das Projekt sträflich vernachlässigt zu haben.

Erst Abriss, dann Planung: "Ratlos vor einer riesigen Bauruine"? - Foto: Stadt Mainz
Erst Abriss, dann Planung: „Ratlos vor einer riesigen Bauruine“? – Foto: Stadt Mainz

„Ich bin verärgert und empfinde inzwischen dieselbe Enttäuschung wie damals die Bibelturm-Befürworter, die sich 2017 auf das Wort der Stadtspitze verlassen hatten“, schreibt Gregor Knapp, damals Mitorganisator des Bibelturms-Entscheids und Mitstreiter Haases, und kritisiert: Dass sechs bis sieben Jahre lang zu wenig passiert sei, könne man nicht allein auf die ausgeschiedene Dezernentin Marianne Grosse (SPD) abladen – das sei ein Versagen der gesamten Spitze, vor allem auch Haases.

„Der Oberbürgermeister ist seit über drei Jahren im Amt, war Mitglied der Arbeitswerkstatt, und verdankt seine politische Bekanntheit ausgerechnet diesem Bürgerentscheid“, schreibt Knapp in einem Leserbrief, den wir unten in voller Länge dokumentieren. Sein neuer Dezernent Holle habe seit Jahren im Stadtrat gesessen, die CDU sei in der Arbeitswerkstatt vertreten gewesen. „Wenn nun gesagt wird, in sechs bis sieben Jahren hätte ‚deutlich mehr passieren müssen‘, dann ist das ein Urteil über die gesamte Stadtspitze“, kritisiert Knapp: „Ein Projekt dieser Bedeutung ist Chefsache – auch dann, wenn formal ein anderes Dezernat zuständig ist.“

Kritik aus der Stadtgesellschaft gibt es auch daran, dass der alte Schellbau vor einem Jahr abgerissen wurde – obwohl weder die Entwurfsplanung abgeschlossen war, noch Fragen von Finanzierung und Trägerschaft geklärt waren. „Sie wissen gar nicht, wann Sie mit dem Neubau anfangen, und wann Sie fertig sind?“, wunderte sich denn auch ein Besucher der Veranstaltung am Mittwoch, ein Anlieger des Museums. Er sei gebürtiger Chinese, aber seit 26 Jahren in Deutschland, berichtete der Mann: „Ich habe immer gedacht: Deutschland hat immer eine Planung. Jetzt höre ich: Sie haben angefangen, haben aber gar keine Planung?“

Info& auf Mainz&: Mainz& hat zu diesen Fragen einen Fragenkatalog an die Stadt Mainz geschickt, die Antworten stehen noch aus – trotz Fristsetzung. Sobald wir weitere Informationen haben, werden wir natürlich berichten. Unseren Bericht von der Bürgerversammlung am Mittwoch samt weiterer Recherchen findet Ihr hier bei Mainz& zum Nachlesen. Nachfolgend dokumentieren wir zudem den Leserbrief von Gregor Knapp in voller Länge:

Leserbrief Gregor Knapp, ehemals BI Gutenberg-Museum

ich habe Ihre letzten Artikel, sowie den Bericht zur Bürgerversammlung vom 26. August gelesen, und möchte Ihnen meine Sicht dazu schicken – als jemand, der 2017/18 gegen den Bibelturm doch recht lautstark gestritten und die Arbeitswerkstatt für die Bürgerinitiative Gutenberg-Museum von der ersten Sitzung an begleitet hat.

Um diesen "Bibelturm" genannten Erweiterungsbau des Gutenberg-Museums wurde 2017-2018 lange und erbittert gestritten. - Grafik: Stadt Mainz
Um diesen „Bibelturm“ genannten Erweiterungsbau des Gutenberg-Museums wurde 2017-2018 lange und erbittert gestritten. – Grafik: Stadt Mainz

„Fragt doch die Mainzer!“ – so begann damals unser Streit um den Bibelturm. Mir und vielen anderen ging es dabei nie um Architektur, sondern um die Sorge, dass einer der schönsten Plätze der Stadt zur Dauerbaustelle wird und dafür in einer Nacht- und Nebelaktion schattenspendende Bäume fallen. Dass fünf Millionen Euro nie ausreichen würden, um das große Ziel zu erreichen, war doch eigentlich jedem klar, der die Grundrechenarten beherrscht. Eine solide Finanzplanung für das gesamte Projekt legte die Stadt zu keinem Zeitpunkt vor.

Der Bürgerentscheid wurde Mainzer Geschichte, und aus dem Konflikt entstand etwas wirklich Gutes: die Arbeitswerkstatt, eine umfangreiche Dokumentation und am Ende ein tragfähiger Konsens – ja sogar Begeisterung bei beiden Bürgerinitiativen für den Siegerentwurf.

Von der ersten Sitzung an war dabei die Trägerschaft Thema. Die damalige Direktorin Frau Dr. Ludwig wies von Beginn an auf die existenziellen Grenzen hin, die ein als städtisches „Amt“ geführtes Weltmuseum hat – egal, in welchen Neubau es einzieht. Die Arbeitswerkstatt hat deshalb ausdrücklich empfohlen, den Weg in eine Stiftung vorzubereiten und dafür wurde auch seinerzeit in einer ausgegliederten Arbeitsgruppe Expertise aufgebaut. Ich selbst habe an diesen Meetings teilgenommen.

Pressekonferenz der Arbeitswerkstatt Gutenberg-Museum mit der damaligen Baudezernentin Marianne Grosse (SPD, Mitte) und dem heutigen OB Nino Haase (parteilos, rechts). - Foto: gik
Pressekonferenz der Arbeitswerkstatt Gutenberg-Museum mit der damaligen Baudezernentin Marianne Grosse (SPD, Mitte) und dem heutigen OB Nino Haase (parteilos, rechts). – Foto: gik

Alle Teilnehmenden der Arbeitswerkstatt kannten diese Voraussetzung: die Vertreter der BIs, die Verwaltung, alle Fraktionen im Stadtrat. Wenn jetzt der Eindruck erweckt werden soll, erst der Personalwechsel im Baudezernat habe zu neuen Erkenntnissen und einem „Neustart“ geführt, dann muss ich dem widersprechen. Es dokumentiert nur, dass man in der Arbeitswerkstatt nicht richtig zugehört und in den Jahren danach nicht konsequent hingeschaut hat. Dass dort einiges im Argen lag, konnte man schon vor über zwei Jahren heraushören – wenn man es denn wollte.

Mir ist wichtig: Es ist mir jetzt zu einfach, alles auf die ausgeschiedene Dezernentin abzuladen. Der Oberbürgermeister ist seit über drei Jahren im Amt, war Mitglied der Arbeitswerkstatt, und verdankt seine politische Bekanntheit ausgerechnet diesem Bürgerentscheid. Sein neuer Dezernent saß jahrelang im Stadtrat, und seine Fraktion war in der Arbeitswerkstatt vertreten. Wenn nun gesagt wird, in sechs bis sieben Jahren hätte „deutlich mehr passieren müssen“, dann ist das ein Urteil über die gesamte Stadtspitze. Ein Projekt dieser Bedeutung ist Chefsache – auch die Trägerschaft, auch die Finanzierung, auch dann, wenn formal ein anderes Dezernat zuständig ist.

Damit bin ich bei dem Punkt, der mich am meisten beschäftigt: Das ist kein Gutenberg-Problem, sondern ein Mainzer Muster. Es fehlt an vielen Stellen dieser Stadt an belastbarem Projektmanagement und Teamwork in der Stadtspitze. Da wird auf Instagram viel gemeinsame Umtriebigkeit in einer selbstgeschaffenen Echokammer inszeniert, am Ende aber zu wenig gemeinsam an strategischen Projekte in Mainz gearbeitet. Wie sonst kann man so etwas erklären?

Fotos vom Abbruch des alten Schellbaus des Gutenberg-Museums ab Mai 2025. - Fotos: Stadt Mainz
Fotos vom Abbruch des alten Schellbaus des Gutenberg-Museums ab Mai 2025. – Fotos: Stadt Mainz

Ein Planungsbüro musste wegen unzureichender Leistungen gekündigt werden und ging bereits letztes Jahr in die Insolvenz – warum erfahren wir erst vor wenigen Wochen davon? Die Planung beginnt jetzt praktisch von vorn, man steht wieder am Ende von Leistungsphase 2 – vier Jahre nach dem Architektenwettbewerb. Was danach kommt, ist die bewährte Antwort auf jedes Problem: Streichlisten. Dachterrasse, kleineres Forum, Café statt Restaurant, keine echte Sanierung des „Römischen Kaisers“ etc. Statt Partner und Sponsoren zu gewinnen, wird gestrichen – und selbst daraus entsteht keine Perspektive. Erst recht keine Begeisterung für mögliche Partnerschaften – angeblich soll Microsoft sogar mal Interesse daran geäußert haben.

Ich bin verärgert und empfinde inzwischen dieselbe Enttäuschung wie damals die Bibelturm-Befürworter, die sich 2017 auf das Wort der Stadtspitze verlassen hatten. Der von der gesamten Arbeitswerkstatt unterstützte Entwurf hätte eine kleine Schatzkiste inmitten der Altstadt werden können. Wir haben jahrelang dafür heftigst gestritten – beim Bürgerentscheid, in mehreren Wahlkämpfen –, damit Gutenberg endlich ein Museum bekommt, das seinem Weltruhm entspricht. Ich habe tatsächlich an Besseres geglaubt. Insbesondere von einer Stadtspitze, die „Gutenberg als Weltmarke aufbauen“ ins Wahlprogramm schreibt. Gefühlt sind wir vom Aufbau weiter weg entfernt, als je zuvor und stehen ratlos vor einer riesigen Baulücke im Herzen von Mainz.“

Zukunft des Gutenberg Museums Mainz, OB Haase: Land Rheinland-Pfalz will gemeinsame Trägerschaft – Pläne abgespeckt