Droht den Geschäften in Mainz schon kurz nach ihrer Wiederöffnung die erneute Schließung? Erst am Montag hatten die Läden in der Mainzer Innenstadt ihre Tore wieder geöffnet, Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) begründete die Lockerungen mit der landesweit niedrigen Inzidenz bei den Corona-Neuinfektionen. Doch nun schnellen die Infektionszahlen wieder hoch: Am Mittwoch sprang die Sieben-Tages-Inzidenz in Mainz auf 48 – Mainz liegt damit nur noch dicht unter der 50er-Marke. In Rheinland-Pfalz sprang die Landesinzidenz am Donnertags wieder auf über 50. Grund für den starken Anstieg dürfte die Verbreitung der neuen Virus-Mutationen sein, aber auch Schulöffnungen und das warme Frühlingswetter – kippen damit die Öffnungen schnell wieder?

Lange Schlangen vor dem H&M am Mainzer Einkaufszentrum Brand an Tag eins der Landeöffnung im März 2021. - Foto: gik
Lange Schlangen vor dem H&M am Mainzer Einkaufszentrum Brand an Tag eins der Landeöffnung im März 2021. – Foto: gik

Am Montag war die Erleichterung in der Mainzer Innenstadt bei vielen groß: „Endlich wieder arbeiten“, sagt eine Verkäuferin geschäftig, „endlich nicht mehr Zuhause sitzen.“ Schon am Vormittag bildeten sich vor manchen Geschäften in der Mainzer Innenstadt lange Schlangen, am Brand-Einkaufszentrum wand sich eine Warteschlange vor H&M quer über den Platz, für viele kann das Shoppen offenbar keine Minute länger warten. „Ich brauche Klamotten“, sagt eine Teenagerin, die mit ihrer Freundin in der Schlange steht, „ich habe lange genug gewartet, zwei Monate…“

Die Landesregierung hatte sich entschieden, eine Woche vor der Landtagswahl die Geschäfte wieder zu öffnen, Ministerpräsidentin Dreyer begründete das mit der landesweiten Inzidenz unter 50: „Der Perspektivplan lässt es zu, deshalb ist es nicht zu erklären, warum man das jetzt nicht macht“, sagte Dreyer: „Es ist ein Schritt, den der Handel herbeisehnt.“ In den Geschäften gelten weiter strenge Hygienekonzepte, Abstandsregeln und Maskenpflicht sowie die bislang schon bekannten Personenbegrenzungen pro Quadratmeter in Abhängigkeit von der Größe.

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Einkaufsbummel am Tag 1 nach dem Lockdown: Mainz am 8. März 2021. - Foto: gik
Einkaufsbummel am Tag 1 nach dem Lockdown: Mainz am 8. März 2021. – Foto: gik

Viele schreckt das nicht ab, die Innenstadt ist am Montag nach langen Wochen der Öde wieder gut gefüllt. Senioren bummeln paarweise durch die Fußgängerzone, Mütter sind mit Kinderwägen unterwegs, Teenager meist in Gruppen von vier, fünf Personen – Kontaktbeschränkungen, war da was? Besonders auffällig: Die gut 200 Meter lange Schlange vor dem C&A reicht am Nachmittag bis zur Römerpassage, in der Schlange stehen fast ausschließlich Familien mit Migrationshintergrund – der Textiler lockt mit Preisnachlässen von bis zu 70 Prozent.

„Endlich wieder Geld verdienen können“

Der Einzelhandel hofft auf einen Nachholeffekt bei den Kunden, doch nicht jedes Geschäft hat am Tag eins gleich wieder offen. Die Öffnung sei schon sehr plötzlich gekommen, sagt Jan Sebastian, Präsident des Handelsverbandes Rheinland-Pfalz Mitte, und Inhaber des Mainzer Juweliergeschäfts Willenberg. Manch ein kleinerer Laden wartete noch mit der Öffnung – und in jedem Block gibt es ein, zwei Geschäfte, die nie wieder öffnen werden. Bei Esprit ist verhaltener Betrieb, Ende April ist hier ganz Schluss, das Aus für den Laden wurde bereits im Sommer 2020 verkündet. „Es machen jetzt so viele zu“, sagt der Mann, der am Eingang den Zustrom in den Laden kontrolliert.

Besonders lang: die Schlange vor dem C&A, der Textiler lockt mit Rabatten von bis zu 70 Prozent. - Foto: gik
Besonders lang: die Schlange vor dem C&A, der Textiler lockt mit Rabatten von bis zu 70 Prozent. – Foto: gik

Endlich wieder Geld verdienen können, sagt ein Verkäufer in einem Jeansladen, vielen Einzelhändlern steht das Wasser bis zum Hals. „Die Lockerungen sind wahnsinnig wichtig, gerade für die großen Häuser“, sagt Sebastian – für die großen Läden habe sich das Terminshopping gar nicht gelohnt. „Jetzt hat man endlich wieder die Bummler, und damit die Frequenz“, sagt Sebastian, und freut sich: „Bei uns war wie erwartet viel zu tun, aber wir sind glücklicherweise nicht völligst überrannt worden“, bilanziert Sebastian für sein Juweliergeschäft: „Es war fast schon ein normaler Geschäftstag.“

Inzidenz in Mainz: 49 – Inzidenz in RLP: 50,7

Die Frage ist allerdings: Wie lange hält das Öffnungs-Glück? Bereits am Montag kletterte die Sieben-Tages-Inzidenz in Mainz wieder auf 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner – am Mittwoch meldete das Gesundheitsamt Mainz-Bingen gar einen Sprung um sieben  Prozentpunkte: Binnen eines Tages stieg die Inzidenz von 41 auf 48 in der Stadt Mainz, im Landkreis Mainz-Bingen liegt die Inzidenz inzwischen bei 38. Das Gesundheitsamt meldete zudem nun auch wieder neue Todesfälle: Im Landkreis starben vier Personen an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung. Am Donnerstag stieg die Sieben-tages-Inzidenz in Mainz dann noch einmal leicht auf 49 an.

Leeres Geschäft in der Mainzer Schusterstraße: Die Corona-Pandemie verändert die Stadt. - Foto: gik
Leeres Geschäft in der Mainzer Schusterstraße: Die Corona-Pandemie verändert die Stadt. – Foto: gik

Trotz der steigenden Infektionszahlen meldete das Mainzer Gesundheitsministerium bis Mittwoch dem Robert-Koch-Institut weiter eine Landesinzidenz von 48 – am Donnerstag dann der Sprung nach oben: Die Sieben-Tages-.Inzidenz stieg landesweit auf 50,7. Im bundesweiten Vergleich steht Rheinland-Pfalz damit weiter so niedrig wie sonst kein anderes Bundesland – nur in Schleswig-Holstein liegt die Landes-Inzidenz mit 46,5 noch niedriger. Das Nachbarland Hessen meldet dagegen eine landesweite Inzidenz von 72,8, auch hier stiegen die Fallzahlen zuletzt wieder an – die Nachbarstadt Wiesbaden weist konstant eine Inzidenz von mehr als 60 auf, aktuell 63,3. Deutschlandweit liegt die Inzidenz zurzeit bei 69,1.

Der rasante Anstieg in Mainz dürfte vor allem drei Gründe haben: Auch in Mainz breitet sich die britische Virus-Mutation B.1.1.7 rasant aus, laut Robert-Koch-Institut sind inzwischen 54,5 Prozent aller Neuinfektionen der britischen Variante zuzuordnen. In Rheinland-Pfalz wurde die Mutante in jeder dritten Virusprobe gefunden. Die britische Variante verbreitet sich Experten zufolge zudem auch deutlich mehr unter Kindern, aktuell sind in Mainz eine Grundschule und eine Kita in Mainz-Mombach von Quarantäne in erheblichem Umfang betroffen, weil dort die britische Virusmutation nachgewiesen wurde.

Inzidenzen unter Kinder und Jugendlichen steigen stark an

Auffällig ist denn auch, dass laut Robert-Koch-Institut die Inzidenzen unter Kindern und Jugendlichen seit zwei Wochen wieder stark ansteigen – seitdem die Schulen stückweise wieder geöffnet wurden. So weist die sogenannte Heatmap des RKI aktuell unter den 15- bis 19-Jährigen eine Sieben-Tages-Inzidenz von 81 auf – mehr als in allen Gruppen der über 70-Jährigen. Bei den 10- bis 14-Jährigen stieg die Inzidenz von 38 in Woche 6 auf inzwischen 62 an, bei den Kindern zwischen 5 und 9 Jahren im gleichen Zeitraum sogar von 37 auf 72. Auch die Öffnung der Schulen dürfte deshalb zu einem Anstieg der Fallzahlen beitragen haben – einfach, weil dadurch wieder mehr Kontakte entstanden.

Heatmap des Robert-Koch-Instituts zu Corona-Infektionen nach Altersgruppen, die Gruppen der Kinder sind ganz unten, die neueste Entwicklung ganz rechts. - Foto: gik
Heatmap des Robert-Koch-Instituts zu Corona-Infektionen nach Altersgruppen, die Gruppen der Kinder sind ganz unten, die neueste Entwicklung ganz rechts. – Foto: gik

Und das führt zu Grund Nummer drei: Vor zwei Wochen hatte das ungewöhnlich warme Wetter die Menschen in Scharen ins Freie gelockt, Abstands- und Hygieneregeln wurden dabei vielfach ignoriert – mehr Kontakte, weniger Vorsicht: genau das ist die Basis für steigende Neuinfektionen. Ministerpräsidentin Dreyer hatte deshalb angekündigt: Wenn die Inzidenz in Rheinland-Pfalz wieder an drei Tagen hintereinander über die 50er-Marke klettere, werde man reagieren. „Wenn die Zahlen wieder steigen, werden wir wieder einen Schritt zurückgehen“, kündigte die Ministerpräsidentin an. Regionen, die dann ebenfalls über einer 50er-Inzidenz liegen, müssten dann wieder zum Termin-Shopping zurückkehren.

Info& auf Mainz&: Mehr zu den Lockerungen in Rheinland-Pfalz und den Begründungen dafür könnt Ihr hier noch einmal bei Mainz& nachlesen. Die Inforationen des Robert-Koch-Instituts mit den Grafiken und Bulletins zur Corona-Pandemie findet Ihr hier beim RKI im Internet.

4 KOMMENTARE

  1. Ist das Hochschnellen auch das Ergebnis der zunehmenden Selbsttests? Auffällig ist, dass die Infektionsrate bei den Alten rückläufig ist. Trägt die „Ausdünnung“ durch Vorversterben dazu bei? Oder wirkt die Impfungsserie? Wenn jetzt eine Verlagerung zu Jungen stattfindet, muss das nicht dramatisch sein, weil diese das idR locker wegstecken. Und die Kollateralschäden drohen schlimmer zu werden als die Pandemie.

    • Glaube nicht, dass sich die Corona-Schnelltests da schon auswirken – die sind noch zu neu. Dass die Impfungen in der Gruppe der Senioren wirken, ist belegt, deshalb sinken die Todeszahlen derzeit rapide – Gott sei Dank. Und heute hat das RKI noch mal bestätigt: Die Infektionen bei den Jungen steigen derzeit rapide an. Hätten wir dann mal genug Impfstoff… wir könnten die Pandemie schon fast im Griff haben. Ist aber nicht.

  2. Beim Friseur war ich noch nicht, aber schon vier mal im Baumarkt. War gut besucht, aber ganz gewiss kein Gedränge. Man sollte sich endlich darauf konzentrieren, Risokobereiche selektiv zu reglementieren. Das scheint aber ein Sakrileg zu sein.
    Das Virus ist weder gut noch böse sondern ein regulatorisches Teil der Natur. Bei Mensch und Tier entstehen Seuchen immer auf dem Boden einer Überpopulation und Massenverdichtung. Ein Waldschrat läuft keine Gefahr. Die rasante weltweite Verbreitung hat ihre Ursache in der Hypermobilität. Alles ist eingeflogen worden, auch die Mutanten.

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