Erdbeben an der Goldgrube in Mainz: Die Firmengründer Ugur Sahin und Özlem Türeci verlassen ihr Erfolgsunternehmen BionTech. Das teilte das Mainzer Biotechnologie-Unternehmen am Dienstag auf seiner Homepage mit. Sahin und Türeci wollen demnach ein neues Unternehmen gründen, das sich auf die Entwicklung von mRNA-Medikamenten konzentrieren will. Mit dieser Methode hatte BionTech in der Corona-Pandemie in Rekordzeit einen hoch wirksamen Impfstoff entwickelt.

Das Ehepaar Ugur Sahin und Özlem Türeci währende der Corona-Pandemie 2022. - Fotos: BionTech
Das Ehepaar Ugur Sahin und Özlem Türeci währende der Corona-Pandemie 2022. – Fotos: BionTech

2008 hatte das Ehepaar Uğur Şahin und Özlem Türeci gemeinsam mit dem Mainzer Krebsforscher Professor Christoph Huber das Unternehmen BionTech als Ausgründung aus der Mainzer Universitätsmedizin ins Leben gerufen. Im Fokus dabei: die Entwicklung von Immuntherapien für einen patientenspezifischen Behandlungsansatz von Krebs sowie anderen schwere Erkrankungen. Huber hatte ab 1990 die Grundlagen für die Entwicklung von Krebsimmuntherapien an die Mainzer Unimedizin gelegt, 2001 lockte er zwei junge Wissenschaftler mit türkischem Hintergrund nach Mainz: Uğur Şahin und Özlem Türeci hatten sich beim Studium und Arbeiten in Bad Homburg kennengelernt.

BionTech erforschte und entwickelte von Anfang an Therapien auf der Basis der neuartigen mRNA-Technik – genau diese jahrelange Grundlagenforschung setzte das Gründer-Ehepaar auch 2020 in die Lage, binnen weniger Monate einen Impfstoff gegen das neue Coronavirus SARS-CoV-2 zu entwickeln. Der Erfolg des Corona-Impfstoffs spülte Milliarden in die Kassen von Biontech, allein im Jahr 2021 rechnete man mit einem Nettogewinn von 7,126 Milliarden Euro. BionTech expandierte und stellte Tausende neuer Mitarbeiter ein, kaufte Firmensitze in Idar-Oberstein und Marburg.

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Umsätze drastisch gesunken, Verluste auf 1,1 Milliarden gestiegen

Vom Glanz der Corona-Jahre ist nicht viel geblieben: Die Nachfrage nach dem Corona-Impfstoff sank drastisch, die Entwicklung neuer Krebsmedikamente lässt weiter auf sich warten – bis heute hat BionTech ein einziges Krebsprodukt auf dem Markt. Gleichzeitig wurden Milliarden in die Forschung investiert, das hatte Folgen: Erst kürzlich kündigte BionTech in Marburg massiven Stellenabbau an, bis Ende 2027 sollen rund 350 Stellen wegfallen oder nach Mainz verlagert werden – auf einer Demo gab es auch harte Vorwürfe gegen BionTech.

Der Firmensitz des Mainzer Pharmaunternehmens BionTech an der Goldgrube in der Mainzer Oberstadt. - Foto: gik
Der Firmensitz des Mainzer Pharmaunternehmens BionTech an der Goldgrube in der Mainzer Oberstadt. – Foto: gik

Auch in Idar-Oberstein hat BionTech den Abbau von einem Drittel der dortigen 450 Stellen angekündigt, das war bereits im März 2025. Damals ergaben die Bilanzen einen Verlust von 700 Millionen Euro allein für das Jahr 2024, wie damals der SWR berichtete. 2025 war der Nettoverlust bereits auf 1,1 Milliarden Euro gestiegen, bei Umsätzen in Höhe von 2,9 Milliarden Euro. Für 2026 rechnet das Mainzer Pharmaunternehmen eigenen Angaben zufolge nun mit Umsatzerlösen von 2,0 bis 2,3 Milliarden Euro – bei erneuten Forschungs- und Entwicklungskosten zwischen 2,2 und 2,5 Milliarden Euro sowie zusätzlich 700 bis 800 Millionen Euro allgemeinen Verwaltungskosten.

In diese Lage platzte nun die Nachricht wie eine Bombe: Die Firmengründer Sahin und Türeci ziehen sich aus dem Unternehmen zurück. Beide würden „ein eigenständiges, neues Biotechnologie-Unternehmen gründen, das mRNA-Innovationen der nächsten Generation erforscht und entwickelt“, heißt es bei BionTech. Der Managementwechsel solle bis Ende 2026 erfolgen, der BioNTech-Aufsichtsrat habe mit der Suche nach passenden Nachfolgern für die Positionen begonnen, „um einen reibungslosen Übergang und eine konsequente Umsetzung von BioNTechs Strategie sicherzustellen.“

 

Sahin und Türeci: Neues Unternehmen für mRNA-Medikamente

2025 sei von „signifikanten Fortschritten“ bei der Verwirklichung der Onkologie-Pipeline geprägt gewesen, sagte Sahin am Dienstag in Mainz: „Auf Basis unserer einzigartigen Pipeline und starken finanziellen Position bleiben wir fest entschlossen, unsere Vorreiterrolle im Bereich der Immunonkologie mit Wirkstoffen der nächsten Generation weiter auszubauen, um die Behandlungsergebnisse von Krebspatienten nachhaltig zu verbessern.“ Ziel sei es, bis 2030 „ein Unternehmen mit mehreren zugelassenen Produkten zu werden.“

Verleihung der Ehrenbürgerwürde von Mainz an Ugur Sahin, Özlem Türeci und Wolfgang Huber im März 2022. - Foto: gik
Verleihung der Ehrenbürgerwürde von Mainz an Ugur Sahin, Özlem Türeci und Wolfgang Huber im März 2022. – Foto: gik

„In den vergangenen 18 Jahren haben wir BioNTech von einem Start-up zu einem globalen biopharmazeutischen Unternehmen mit einer starken und diversifizierten Pipeline aufgebaut“, betonte Sahin weiter: „Für uns ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die Übergabe des Staffelstabs vorzubereiten.“ Seine Frau und er wollten „ein weiteres Mal als Pioniere neue Wege beschreiten“, kündigte er an: „Schon immer war es unsere Vision, Wissenschaft in Fortschritte für Patientinnen und Patienten zu überführen. Jetzt bietet sich die Chance, die nächste Generation bahnbrechender Innovationen zu erschließen.“

Mit BionTech wollen die beiden trotzdem verbunden bleiben: BioNTech plane, relevante Rechte und mRNA-Technologien gegen eine Minderheitsbeteiligung in das neue Unternehmen einzubringen, dazu sollen „weitere Zahlungen in Form von Meilensteinzahlungen und Lizenzgebühren“ kommen. Man wolle gemeinsam neue komplementäre oder synergistische Behandlungsstrategien entwickeln. Der Abschluss einer bindenden Vereinbarung werde bis Ende des ersten Halbjahres 2026 erwartet.

Minister Hoch: Entscheidung „verdient größten Respekt“

Die Entscheidung der beiden, „BioNTech zu verlassen, um ein neues Unternehmen zu gründen, verdient größten Respekt“, reagierte Wissenschaftsminister Clemens Hoch (SPD): Sahin und Türeci hätten in den vergangenen Jahrzehnten Wissenschafts- und Medizingeschichte geschrieben. „Ihr außergewöhnlicher Forschergeist, ihre unternehmerische Entschlossenheit und ihr Mut, neue Wege zu gehen, haben nicht nur Rheinland-Pfalz, sondern die internationale biomedizinische Forschung geprägt“, betonte Hoch. Dass beide nun erneut aufbrächen, „ist ein starkes Signal für unseren Wissenschafts- und Zukunftsstandort.“

Allerdings haben die BionTech-Gründer noch nicht angekündigt, wo ihr neues Unternehmen zuhause sein soll, Hoch betonte aber schone einmal, die Landesregierung habe „beiden Pionieren die volle Unterstützung unseres Landes versichert.“ Sahin und Türeci waren wegen ihrer Verdienste bei der Entwicklung des Corona-Impfstoffs im März 2022 zu Ehrenbürgern der Stadt Mainz erklärt worden – ausführliche Infos und Porträts dazu findet Ihr hier auf Mainz&.

Info& auf Mainz&: Die ganze Mitteilung von BionTech vom 10. März 2026 samt Unternehmenszahlen findet ihr hier im Internet.