Ab dem 1. März wollen Deutsche Flugsicherung (DFS) und die Fraport am Frankfurter Flughafen ein Verfahren für leisere Anflüge erproben: Der sogenannte „Segmented Approach“ soll dann erstmals ganztägig bei ausgewählten Flugzeugen aus Richtung Süden angewendet werden. Das Flugverfahren ermöglicht eine südliche Umfliegung der dicht besiedelten Großstädte Offenbach, Hanau und Mainz und gilt nachweislich als Beitrag zur Verringerung des Fluglärms in der Region. Bislang wurde das Verfahren lediglich nach 23.00 Uhr angewandt – also dann, wenn regulär gar keine Flugzeuge in Frankfurt mehr landen dürfen. Nun macht die Corona-Pandemie eine ganztägige Erprobung möglich,  rheinhessische Gemeinden wie Bodenheim fürchten jetzt aber mehr Fluglärm.

Die rote Linie zeigt den "Segmented Approach", die Anflugroute aus dem Süden von Mainz auf den Frankfurter Flughafen. - Grafik: DFS
Die rote Linie zeigt den „Segmented Approach“, die Anflugroute aus dem Süden von Mainz auf den Frankfurter Flughafen. – Grafik: DFS

Bei dem sogenannten „Segmented Approach“ werden Flugzeuge im Landeanflug auf Frankfurt südlich der Großstädte Offenbach, Hanau und Mainz entlang geführt, und dann in einem vergleichsweise engen Bogen direkt auf die südliche Landebahn des Frankfurter Flughafens gelenkt. Das Verfahren gibt es bereits seit 2012, Studien ergaben, dass der gesteuerte Anflug eine deutlich spürbare Entlastung von Fluglärm für die stark betroffenen Kommunen bringt. Die Maßnahme sei auch für  die Region insgesamt lärmmindernd, betont die Fluglärmbeauftragte im Hessischen Verkehrsministerium, Regine Barth.

Trotzdem wurde der „Segmented Approach“ bisher praktisch so gut wie nicht angewendet: Das Anflugverfahren kam lediglich in der Zeit zwischen 23.00 Uhr und 5.00 Uhr morgens zur Anwendung – also dann, wenn am Frankfurter Flughafen bereits das Nachtflugverbot gilt, und Flugzeuge nur noch in streng reglementierten Ausnahmefällen landen dürfen. Die Fluglärmkommission, in der die Kommunen rund um den Flughafen zusammensitzen, hatte bereits frühzeitig die Ausweitung des Anflugverfahrens gefordert – doch bisher vergeblich: DFS und Flughafenbetreiber Fraport hatten eine Ausweitung stets mit dem Argument abgelehnt, das Verfahren könne bei Vollbetrieb nicht sicher angewendet werden.

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Flugzeug auf einer Landebahn am Frankfurter Flughafen. - Foto: Fraport AG
Flugzeug auf einer Landebahn am Frankfurter Flughafen. – Foto: Fraport AG

Nun macht es die Corona-Pandemie mit ihrem Einbruch des Flugverkehrs möglich: Ab dem 1. März wollen DFS und Fraport in Zusammenarbeit mit der Deutschen Lufthansa eine ganztägige Anwendung des „Segmented Approach“ testen. Der Approach sei „ein sicheres und hinreichend erprobtes Anflugverfahren, welches großes Potenzial zur Lärmentlastung in der Region Frankfurt hat, und bereits seit über zehn Jahren genutzt wird“, hieß es dabei am Mittwoch in einer Sitzung der Fluglärmkommission von Seiten der DFS. Bis Herbst 2021 will man nun ein halbes Jahr lang „weitreichende Erkenntnisse für eine nachhaltige Anwendung der Maßnahme“ gewinnen.

Man wolle untersuchen, wie sich eine regelmäßige Nutzung des „Segmented Approach“ bei höheren Verkehrszahlen auf die Verkehrsabwicklung auswirke, inwieweit sich Fluglotsen und Piloten an das Verfahren gewöhnen könnten, und ob Einschränkungen für bestimmte Flugmuster nötig seien. Diese Erkenntnisse sollten gerade auch bei wiederansteigendem Flugbetrieb gewonnen werden – DFS und Fraport haben offenbar eine künftige Etablierung im Regelbetrieb im Sinn.

Der Flugverkehr am Himmel über Rhein-Main hat sich durch die Corona-Pandemie stark verringert, hier Flugspuren des DFDL von Anfang Februar 2021. - Foto: gik
Der Flugverkehr am Himmel über Rhein-Main hat sich durch die Corona-Pandemie stark verringert, hier Flugspuren des DFDL von Anfang Februar 2021. – Foto: gik

Ersten Verkehrsanalysen zufolge sehe man derzeit vor allem drei Zeitfenster, innerhalb derer sich Anflüge über den „Segmented Approach“ grundsätzlich häufiger abwickeln ließen, hieß es weiter: Das seien die Zeiten zwischen 5.00 Uhr und 7.00 Uhr am Morgen, zwischen 13.00 Uhr und 18.00 Uhr am Nachmittag, sowie zwischen 20.00 Uhr und 23.00 Uhr am Abend. Das Anflugverfahren soll erst einmal aber nur in Form von Einzelfreigaben für Anflüge eingesetzt werden und nur für einen Teil der Anflüge aus Süden gelten: „Alle Flüge aus Norden kommend, und ein Teil der aus Süden kommenden Anflüge verbleiben auch bei Anwendung des ‚Segmented Approach‘ auf der bisherigen Anfluggrundlinie“, heißt es in einer Pressemitteilung der Fluglärmkommission (FLK).

Die Kommission begrüßte den Probebetrieb, zeigte sich aber gleichzeitig durchaus überrascht – schließlich sei es „in den vergangenen zehn Jahren nicht gelungen, das bisherige sehr enge Anwendungszeitfenster auch nur geringfügig auszudehnen“, kritisierten die Mitglieder. Man bestehe zudem darauf, dass der Probebetrieb nach spätestens einem halben Jahr daraufhin evaluiert werde, ob das Verfahren nachhaltig etabliert werden könne. Die Ergebnisse müssten der FLK spätestens in einem Jahr vorgelegt werden, betonte die Kommission zudem – und forderte, vor einer Einführung in den Regelbetrieb müsse ein ergebnisoffenes gemeinsames Konsultationsverfahrens erfolgen.

Am Himmel über Mainz ist es leiser geworden, Dank der Corona-Pandemie. - Foto: gik
Am Himmel über Mainz ist es leiser geworden, Dank der Corona-Pandemie. – Foto: gik

Hintergrund ist, dass DFS und Fraport bereits in der Vergangenheit mehrfach Anflugverfahren einfach geändert, und die FLK darüber erst im Nachhinein informiert hatten – so etwa bei der Absenkung von Anflughöhen im Oktober 2019 im Raum Bingen. Zudem gibt es in Sachen „Segmented Approach“ auch durchaus Bedenken: Auf rheinhessischer Seite könnte es neue, vom Fluglärm Betroffene geben, befürchtet die Mainzer Initiative gegen Fluglärm, die IKUL. Durch den Schwenk aus dem Süden müssen insbesondere südlich an Mainz angrenzende Gemeinden wie Bodenheim, aber auch das südliche Mainz-Laubenheim mit mehr Fluglärm rechnen.

Von Seiten der DFS hieß es, der Probebetrieb solle durch ein Lärmmonitoring unter der Federführung der hessischen Fluglärmschutzbeauftragten begleitet werden. Barth kündigte an, jeden Monat die Anwendungshäufigkeit, die Flugverläufe und mögliche Überschneidungen mit Lärmbelastungen bei Abflügen prüfen zu wollen, auch um etwaige nicht vorhergesehene Lärmeffekte frühzeitig erkennen zu können. Auch Barth warnte, eine Entscheidung über einen Regelbetrieb dürfe nicht getroffen werden, bevor nicht der Probebetrieb umfassend ausgewertet und die Lärmfolgen abgeschätzt worden seien.

Info& auf Mainz&: Die gesamten Unterlagen zur 259. Sitzung der Fluglärmkommission am 17. Februar könnt Ihr hier im Internet selbst nachschlagen, dort findet Ihr auch Präsentationen von DFS und Fraport sowie von der Hessischen Fluglärmbeauftragten, ebenso die Stellungnahme der FLK dazu. Mehr zum Einbruch des Flugverkehrs in Frankfurt haben wir hier bei Mainz& aufgeschrieben.

1 KOMMENTAR

  1. Hervorragender Bericht. Mal sehen, was die etablierte Presse fertigbringt. Was hier ausprobiert werden soll, ist nicht mehr als „Weiße Salbe“. Lärmverlagerung nach dem Floriansprinzip für ein paar handverlesene kleine Maschinen in Schwachlastzeiten. Voraussetzung ist eine entsprechende Elektronik mit Satellitennavigation. Fracht-Heavies aus China und Korea können und wollen nicht so herumgurken. Es zeigt sich einmal mehr, dass der Fracht- und Umsteigeflughafen FRA nicht in das Herz eines dicht bevölkerten Ballungsraumes passt.

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