Die Neugestaltung der Binger Straße und die Sperrung der Großen Bleiche in Richtung Rhein bewegt die Mainzer – in den ersten Tagen nach dem Ende der Sommerferien herrschte verbreitet Chaos, wie Mainzer berichten. Auch die Mainzer Mobilität musste einräumen, man müsse in Sachen neue Straßenbahnstrecke noch nachsteuern. Derweil fordert die Junge Union die Rücknahme der Sperrung des Teilstücks der Großen Bleiche – und die AfD wirft der Verkehrsdezernentin vor, die Mainzer Innenstadt abzuriegeln.

Am Montag rollte um 06.13 Uhr zum ersten Mal eine Straßenbahn durch das neue Teilstück der Binger Straße zwischen Alicenbrücke und Münsterplatz, die Begeisterung der Mainzer hielt sich in Grenzen: „Was? Die Leute steigen aus und müssen direkt über die Fahrspur laufen?“, zeigten sich zahlreiche Kommentatoren auf der Facebookseite der Mainzer Mobilität entsetzt – „wer denkt sich denn so was aus?“, fragt ein Mainzer stellvertretende für viele.
Die neue Regelung ist starr gewöhnungsbedürftig, dazu kamen offenbar Anlaufschwierigkeiten: „Völliges Chaos!“, berichtete ein Facebook-Nutzer: „Fast 15min an der Ampel mit der Bahn gestanden, da die Autos aus dem Rückstau immer die Kreuzung blockierten. Dann rief ein anderer Bahnfahrer die Leitstelle, da die Leitstelle einfach nicht geantwortet hat. Ältere Menschen bekamen in der nicht klimatisierten Straßenbahn Kreislauf-Probleme. Der Fahrer öffnete die Türen NICHT!“
Mainzer Mobilität zur Binger Straße: „Tag nicht optimal gelaufen“
Die Mainzer Mobilität antwortete, man „verstehe, dass der heutige Tag nicht optimal gelaufen ist.“ Mit der neuen Verkehrssituation und dem ersten regulären Tag nach den Ferien seien am Montag mehrere Faktoren zusammen gekommen, vieles müsse sich noch einspielen. „Wir beobachten die Situation und die weiteren Entwicklungen daher genau“, antwortete das Verkehrsunternehmen gleich mehrfach auf kritische Kommentare. Das veranlasste einen Nutzer gar zu der Frage, ob das „jetzt die zukünftige Standardantwort“ sei, und schimpfte: „X Jahre Planung, 2 Jahre Bauzeit und dann kommt ihr mit einer Antwort die den Inhalt hat ‚mal schauen‘ wie es wird?“

Auch andere Kommentatoren kritisierten lange Wartezeiten an den Ampeln, die immer dann auf Rot geschaltet werden, wenn Fahrgäste der Straßenbahnen ein- und aussteigen, und dafür die Fahrbahn überqueren müssen. Er habe jetzt eine halbe Stunde für 50 Meter gebraucht, schimpfte einer, andere befürchten, dass sich vor allem Radfahrer und E-Scooter nicht an die Ampeln halten werden – da seien schwer Unfälle doch vorprogrammiert. Dazu hätten abbiegende Straßenbahnen mehrfach den Verkehr am Münsterplatz blockiert.
Die Mainzer Mobilität lädt nun für Samstag, den 15. August 2026 zum Festakt zur Eröffnung der Straßenbahnstrecke in der Binger Straße: Von 11.00 Uhr bis 14.00 Uhr soll am Münsterplatz gefeiert werden, das genaue Programm ist (uns zumindest) noch nicht bekannt. Derweil feiern die Mainzer Grünen schon einmal die neue Trasse als „entscheidenden Lückenschluss im Mainzer Straßenbahnnetz“ und als neue, leistungsfähige Verbindung zwischen Hauptbahnhof West, Münsterplatz und Schillerplatz.
Grüne feiern Binger Straße, AfD spricht von „Abriegelung“ der Stadt
Auch der Radverkehr habe „auf dieser wichtigen Achse den nötigen Raum“ bekommen, schwärmte der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, David Nierhoff – Dank der neuen, rot eingefärbten Radwege. Zusammen mit der neu eingerichteten Fahrradstraße in der Hinteren Bleiche sei nun „eine direkte und komfortable Verbindung vom Rheinufer bis zum Hauptbahnhof West und weiter in Richtung Universität“ entstanden.

Kein Wort verlor der Grüne allerdings zur neuen Sperrung des unteren Teils der Großen Bleiche: Hier wurde das wichtige Teilstück zwischen Flachsmarkt/Bauhofstraße und der Peter-Altmeier-Allee am 1. August für Autos komplett gesperrt. Umweltdezernentin Janina Steinkrüger (Grüne) spricht von einem „Modalsplit“ – dahinter versteckt sich die Sperrung für Pkws während Busse und Radfahrer passieren dürfen. Das Argument für die Sperrung: Man müsse so verhindern, dass die Straßenbahn an der Binger Straße durch Durchgangsverkehr im Stau stecken bleibe.
Tatsächlich war der Bereich der Großen Bleiche entlang des Landtags aber vor allem ein Abfluss aus der Innenstadt, und nicht in erster Linie ein Zufluss, die Sperrung sorgt anhaltend für Chaos und massiven Ärger. Der verkehrspolitische Sprecher der AfD im Mainzer Stadtrat, Arne Kuster, warf Steinkrüger deshalb eine „von Anti-Auto-Ideologie getriebene Sommer-Verkehrsaktion“ vor. „Die Keniakoalition aus Grünen, CDU und SPD riegelt die Mainzer Innenstadt systematisch ab“, schimpfte Kuster: „Für den innerstädtischen Mainzer Einzelhandel ist diese Verkehrspolitik eine Katastrophe.“
Junge Union: Stümperhafte Symbolpolitik, Sperrung zurücknehmen
Beschlossen wurde der Modal-Split im Juni-Stadtrat mit den Stimmen von Grünen, CDU und SPD, kritisch zu Wort meldete sich bislang keine einzige Oppositionspartei – weder die Linke, noch ÖDP oder Freie Wähler. Auch die FDP schweigt – sie hatte bereits 2ß22 in der damaligen Ampel-Koalition die Weichen für die Sperrung im Zuge der Straßenbahnausbaupläne mit gestellt.

Einzig die Junge Union meldete sich entsetzt zu Wort: In einem Video auf Facebook demonstrierte sie, wie unsicher die Große Bleiche auf dem Teilstück geworden ist, da dort auch die Zebrastreifen entfernt wurden – bei den kommenden Landtagssitzungen dürfte das interessant werden, queren hier doch zahlreiche Abgeordnete, Ministeriumsmitarbeiter sowie Landtagsangestellte in diesen Tagen zwischen Abgeordnetenhaus und Landtag die Große Bleiche. Auch die Vorfahrt von Bussen für Besuchergruppen könnte durch die Neuregelung verhindert werden.
Die Junge Union schimpft nun in einer Mitteilung, die ganze Sache sei „handwerklich stümperhaft umgesetzte Symbolpolitik, die der Straßenbahn kaum hilft und Verkehrschaos
produziert“ – man fordere, die „Modalsperre“ wieder aufzuheben. „Die Begründung der Stadt trägt nicht: Durchgangsverkehr vom Hauptbahnhof in Richtung Rheinallee biegt ohnehin meist auf die Kaiserstraße ab – eine spürbare Entlastung der neuen
Straßenbahntrasse ist von der Sperre daher nicht zu erwarten“, kritisierte Jan Hendrik
Kappenhagen, verkehrspolitischer Sprecher der Jungen Union Mainz.
„Modalsperre Lehrstück dafür, wie man Verkehrspolitik nicht macht“
Verschärft werde die Lage durch eine undurchsichtige Beschilderung, die Auswärtige wie Mainzer gleichermaßen ratlos zurücklasse und für gefährliche Wendemanöver sorge. „Gleichzeitig wird der Verkehr von der Rheinallee kommend künstlich auf die Kaiserstraße verlagert, eine Fahrt für ein Anliegen in der Großen Bleiche bedarf so jetzt vermeidbarer Umwege – diese Modalsperre ist ein Lehrstück dafür, wie man Verkehrspolitik nicht macht“, kritisierte Kappenhagen, und fordere: „Wer eine solche Maßnahme derart stümperhaft umsetzt, muss auch den Mut haben, sie zu korrigieren.“
Auch das Argument der Stadt von einer Aufwertung des Ernst-Ludwig-Platzes überzeuge nicht, so die Junge Union weiter: „Die Stadt spricht von neuer Aufenthaltsqualität an einem Platz, dessen Brunnen seit Jahren abgeschaltet vor sich hin verfällt und dessen Grünflächen sichtbar ungepflegt sind. Niemand verbringt seinen Nachmittag neben einer Brunnenruine, nur weil daneben keine Autos mehr fahren“, schimpft der Mainzer JU-Vize Herbert Lengfeld: „Wer den Ernst-Ludwig-Platz aufwerten will, muss zuerst in den Platz selbst investieren.“
Info& auf Mainz&: Mehr zu der Thematik Binger Straße und Sperrung der Großen Bleiche lest Ihr ausführlich hier bei Mainz&:








