Die Omikron-Welle rollt, Politik und Experten erwarten ihren Höhepunkt nun für Mitte Februar: Dann seien Infektionsraten von bis zu 400.000 Neuinfektionen wahrscheinlich, warnt unter anderem der Expertenrat der Bundesregierung und forderte, es dürfe keine Lockerungen der Corona-Maßnahmen geben. Trotzdem wurde auf der Ministerpräsidentenkonferenz am Montag genau darüber diskutiert, das Ergebnis lautet aber zunächst: “Kurs halten” – es gibt weder Lockerungen noch Verschärfungen, stattdessen eine neu aufgelegte Impfkampagne des Bundes. Bundesweit aber werden schon jetzt PCR-Tests knapp, die Tests sollen deshalb künftig priorisiert werden. Ein Aussetzen der Präsenzpflicht an Schulen lehnt Rheinland-Pfalz trotz Rekord-Inzidenzen ab.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) auf der Pressekonferenz nach der MPK-Konferenz am Montag. - Foto: gik
Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) auf der Pressekonferenz nach der MPK-Konferenz am Montag. – Foto: gik

Die Omikron-Welle rollt mit Macht durchs Land, bundesweit wurden am Montag erneut knapp 63.400 neue Infektionsfälle an einem einzigen Tag gezählt, die Sieben-Tage-Inzidenz stieg auf 840. In Mainz meldete das Gesundheitsamt über das Wochenende 786 neue Fälle in Mainz und 603 Neuinfektionen im Kreis Mainz-Bingen, die Sieben-Tage-Inzidenz stieg im Landkreis auf 876, und in Mainz auf 1.154. “Die geltenden Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung und das besonnene Verhalten der Bürger und Bürgerinnen haben den steilen Anstieg der Infektionszahlen verlangsamt”, betonte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) dennoch am Montag. Die Spitze der Omikron-Welle werde nun für Mitte Februar erwartet.

Der Expertenrat der Bundesregierung hatte vor wenigen Tagen in seiner 3. Stellungnahme erneut vor massiv steigenden Inzidenzen und einer erheblichen Überlastung der Krankenhäuser gewarnt: Es könnten in der Spitze 7-Tages-Inzidenzen von mehreren Tausend regional erreicht werden, warnte das Expertengremium aus hochkarätigen Wissenschaftlern – das hieße Inzidenzen von 4000 oder 5000 am Tag, wie sie derzeit schon etwa in Dänemark erreicht werden, und damit Neuinfektionen mit Tausenden von Fällen pro Tag in Regionen wie Mainz. Bislang habe Deutschland es geschafft, “durch bestehende Kontaktreduktionsmaßnahmen und das besonnene Verhalten der Bürger” einen steilen Anstieg wie in anderen Ländern “zunächst zu verlangsamen”, schreibt der Expertenrat weiter – das werde aber wohl nicht so bleiben.

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Wie viele Menschen müssen in den nächsten Wochen wegen Covid-19 in eine Klinik? Hier ein Blick in einen rettungswagend es DRK in Mainz. - Foto: gik
Wie viele Menschen müssen in den nächsten Wochen wegen Covid-19 in eine Klinik? Hier ein Blick in einen rettungswagend es DRK in Mainz. – Foto: gik

Entscheidend für die Frage der Krankenhausbelastung sei nun, wie sich die Inzidenzen in der Gruppe der ungeimpften Erwachsenen und der über 50-Jährigen entwickelten, betonten die Experten weiter: Hier seien die Inzidenzen zwar derzeit noch vergleichsweise niedrig, jedoch seien bereits in der Vergangenheit “die Infektionen aus anderen Teilen der Bevölkerung in die Gruppe der Älteren eingetragen” worden. Im Klartext: Kinder stecken ihre Eltern und Großeltern an. Zudem bestehe auch bei den über 50-Jährigen weiterhin eine zu große Impflücke, warnen die Experten. Bundesweit sind derzeit rund 75 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft – zu wenige für einen Schutz der Gesellschaft.

Zwar erwarte man, dass mit Omikron weniger Erwachsene als bisher mit einem sehr schweren Verlauf ins Krankenhaus müssten, doch die erwarteten hohen Fallzahl würden das wohl wieder zunichte machen, so der Rat weiter – für eine echte Entlastung des Gesundheitssystems müssten die Krankenhausweinweisungen schon um einen Faktor 10
niedriger liegen als im vergangenen Winter. “Von einer derart starken Reduktion der
Hospitalisierungsrate ist auf der Basis der aktuell verfügbaren Daten trotz Impfungen nicht
auszugehen”, warnen die Experten weiter: “Entsprechend sind bei weiter steigenden Inzidenzen sehr viele Krankenhausaufnahmen zu erwarten.”

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mit einem Plakat der neuen Impfkampagne des Bundes. - Foto: gik
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mit einem Plakat der neuen Impfkampagne des Bundes. – Foto: gik

Die Politik beschloss am Montag dennoch keine weiteren Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionen. “Für uns alle ist klar, dass die Richtung, die wir eingeschlagen haben, hilft”, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am Montag nach einer Bund-Länder-Konferenz mit den Ministerpräsidenten. Die strengen Kontaktbeschränkungen und Regeln im öffentlichen Leben hätten dazu geführt, dass die hohen Infektionszahlen erst viel später erreicht würden als in anderen Ländern, deshalb solle “der vorsichtige Kurs beibehalten werden”, betonte Scholz: “Jetzt gilt erst einmal: Kurs halten” – dann habe das Land gute Chancen, “gut durch diese Krise zu kommen.” Scholz kündigte zudem eine neue Impfkampagne des Bundes an.

Dabei hat Deutschland längst neue Probleme beim Pandemie-Management: Die Kapazitäten für PCR-Tests kommen bundesweit inzwischen an ihre Grenzen, viele Labore können die Auswertungen nicht einmal mehr binnen 48 Stunden gewährleisten. Die Gesundheitsminister der Länder hatten sich deshalb bereits vergangene Woche darauf verständigt, dass PCR-Tests künftig für das Gesundheitswesen und für vulnerable Gruppen priorisiert werden sollen, final beschlossen ist das aber noch nicht.

PCR-Teststation von Bioscientia in Ingelheim: 600 Abstriche pro tag. - Foto: gik
PCR-Teststation von Bioscientia in Ingelheim: 600 Abstriche pro tag. – Foto: gik

Abschließende Beschlüsse dazu habe die Ministerpräsidentenkonferenz noch nicht gefasst, sagte Dreyer am Montagabend. Es werde aber auch über eine Änderung nachgedacht, dass sich auch vulnerable Gruppen durch Schnelltests freitesten könnten, anstatt zwingend durch einen PCR-Test. Schnelltests haben laut Experten eine Fehlerquote von bis zu 40 Prozent. Andere europäische Länder haben zudem ihre PCR-Testkapazitäten im Gegensatz zu Deutschland massiv ausgebaut – Medienberichten zufolge finden in keinem anderen europäischen Land so wenig PCR-Tests statt wie in Deutschland. Alleine in Wien fänden pro Woche mehr PCR-Tests statt als in ganz Deutschland zusammen, schreibt etwa ZDF heute.

Dreyer sagte dazu, das liege daran, dass in deutschen Laboren Einzelauswertungen der Tests vorgenommen würden, das lassen sich “nicht einfach von heute auf morgen” ändern. “Deshalb ist es so in Deutschland, wie es ist”, sagte die Ministerpräsidentin weiter.  Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sei aber in Gesprächen, um zu schauen, ob Testkapazitäten erweitert werden könnten. “Wir appellieren an die Eigenverantwortung, auch bei Tests und Quarantäne”, sagte Dreyer weiter, es gebe “keinen Spielraum für Lockerungen, aber auch keinen Anlass, Maßnahmen zu verschärfen.”

Bundeswehr-Soldaten bei der Kontaktnachverfolgung im Gesundheitsamt Mainz: Auch das reicht nicht mehr. - Foto: gik
Bundeswehr-Soldaten bei der Kontaktnachverfolgung im Gesundheitsamt Mainz: Auch das reicht nicht mehr. – Foto: gik

Die Kontaktnachverfolgung kommt derweil in den Gesundheitsämtern faktisch zum Erliegen: “Ab einer Inzidenz von 50 kann eine Kontaktnachverfolgung in den Gesundheitsämtern nicht mehr gewährleistet werden, über 1000 schon gar nicht mehr”, räumte Dreyer nun ein – auch die Kontaktnachverfolgung soll künftig auf Fälle in vulnerablen Gruppen und etwa Altenheimen konzentriert werden. Beim Gesundheitsamt Mainz-Bingen werden Kontaktpersonen bereits seit Ende Dezember per SMS informiert, und müssen dann ihre Kontakte eigenständig informieren.

Am Dienstag werde das rheinland-pfälzische Kabinett aber noch einmal über Quarantänemaßnahmen in Schulen und Kitas beraten, sagte Dreyer weiter – offenbar denkt Rheinland-Pfalz darüber nach, die Regel der Gesundheitsämter, nach denen Kontakt-Kinder bei Omikron-Infektionen nun wieder ebenfalls in Quarantäne müssen, wieder zu kippen. Berlin setzt hingegen wegen der Omikron-Variante ab Dienstag die Präsenzpflicht an seinen Schulen aus, vorerst bis Ende Februar: Man wolle damit “auf die Sorgen der Eltern” eingehen und überlasse ihnen die Entscheidung, ob sie ihre Kinder in die Schule schickten  oder nicht, teilte der Berliner Senat am Montag mit.

Immer mehr Klassenzimmer bleiben wegen Corona-Infektionen leer. - Foto: gik
Immer mehr Klassenzimmer bleiben wegen Corona-Infektionen leer. – Foto: gik

Dreyer sagte hingegen: “Darüber denken wir nicht nach.” Das “oberste Gebot” sei, Schule zu gewährleisten. “Unser Ziel muss weiterhin bleiben, dass wir die Kindern an den Schulen haben, und sie trotzdem gut schützen.” Landeselternsprecher Reiner Schladweiler kritisierte hingegen gegenüber Mainz&, es zeige sich “leider immer mehr, dass nur wenige Schulen oder Klassen über Raumluftreiniger-Anlagen oder gute mobile Raumluftreiniger mit Hepafilter in Verbindung mit Plexiglastrennscheiben verfügen”, auch sei der ÖPNV immer noch überfüllt, so dass hier eine weitere Möglichkeit der Virenübertragung stattfinden könne.

Er habe Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) bereits im November vorgeschlagen, eine antraggesteuerte Aufhebung der Präsenzpflicht einzuführen, sagte Schladweiler gegenüber Mainz& weiter: Die Eltern könnten dann auf einen formlosen Antrag hin die Präsenzpflicht aufheben lassen, das würde die Klassenstärken reduzieren und den ÖPNV entlasten. “Von so einer antraggesteuerten Aufhebung der Präsenzpflicht hätten aus meiner Erfahrung nur die Eltern Gebrauch gemacht, die zuhause sind und die Kinder betreuen und unterstützen können”, sagte Schladweiler. Hubig habe das aber angelehnt. Nun werde die Aushebelung der Präsenzpflicht “jetzt wohl ungesteuert” über die hohen Infektionswerte kommen, befürchtet der Landeselternsprecher – er kenne inzwischen viele Schulen, die teilweise ganze Klassen zuhause ließen. Fernbeschulung oder Lernen per Stream gebe es aber oft nicht: “Leider können wir hier noch keine deutliche Verbesserung erkennen.”

Info& auf Mainz&: Die ganze Stellungnahme des Expertenrats der Bundesregierung vom 22. Januar 2022 findet Ihr hier zum Download im Internet. Was das Mainzer Gesundheitsamt zum Thema Omikron in Mainz, in Schulen und Kitas sowie zu den Inzidenzen über 1000 und der Kontaktnachverfolgung sagt, könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen.

 

 

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