In diesen Tagen vollzieht sich ein lange angekündigter Wechsel an der Stadtspitze: Gleich drei neue Dezernenten treten kommende Woche, am 10. Februar, ihre Ämter an, zwei werden am Mittwoch im Mainzer Stadtrat vereidigt. Eine scheidende Dezernentin zog nun  Bilanz: Nach 16 Jahren als Bau- und Kulturdezernentin verlässt Marianne Grosse (SPD) ihr Büro in der Mainzer Zitadelle. „Es war sehr fordernd, anstrengend und es war schön“, bilanzierte die Dezernentin ihre Amtszeit. Der Hauptschwerpunkt habe auf der Schaffung von Wohnraum gelegen – die römischen Baudenkmäler kamen nur auf Nachfrage vor.

Die Mainzer Bau- und Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD) im Jahr 2022 bei einem Pressetermin. - Foto: gik
Die Mainzer Bau- und Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD) im Jahr 2022 bei einem Pressetermin. – Foto: gik

Am 10. Februar 2010 wurde die SPD-Politikerin Marianne Grosse zur hauptamtlichen Beigeordneten der Stadt Mainz gewählt, am Mittwoch wird sie im Mainzer Stadtrat feierlich verabschiedet. Ihr Geschäftsbereich im Stadtvorstand: die Bereiche Bauen, Denkmalpflege und Kultur. Damit hatte Grosse 16 Jahre lang eine absolut zentrale Stelle in Sachen Stadtentwicklung inne, ihre Tätigkeit prägte Mainz höchst sichtbar: In dieser Zeit vollzog sich ein grundlegender Wandel durch zahllose Bauprojekte sowie die Neugestaltung von Plätzen und Innenstadtachsen.

Dazu gehören etwa die Neubebauung entlang des Berliner Schlags, aber auch Umbauten wie die Boppstraße oder die Große Langgasse, die Neugestaltung von Plätzen wie dem Münsterplatz, dem Hopfengarten sowie des Neubaus des LEIZAS im Süden der Mainzer Altstadt. In Grosses Zeit fällt zudem die Bebauung des Mainzer Winterhafens, die Umwandlung des Mainzer Zollhafens in ein Wohngebiet – meist für hochpreisiges Wohnen – sowie die Entwicklung des Heilig Kreuz-Areals in Weisenau.

- Werbung -
Werben auf Mainz&

 

Grosse: „Zentrale Aufgabe: Wohnraum schaffen“

„Das war tatsächlich die zentrale Aufgabe: Wohnraum zu schaffen“, sagte Grosse nun vergangenen Donnerstag bei einer Pressekonferenz zur Bilanz ihrer Amtszeit, und machte anhand von Zahlen das Ausmaß deutlich: 15.446 Baugenehmigungsverfahren, rund 6.700 geschaffene Wohneinheiten allein über Bebauungspläne und 81 Satzungsbeschlüsse zu Bebauungsplänen bewältigte die Dezernentin. Knapp 430 Millionen Euro seien in ihrer Amtszeit durch die Gebäudewirtschaft der Stadt in Gebäude investiert worden, 271 Millionen Euro in Bau- und Betriebsunterhalt.

Zahlen aus der Bilanz von Dezernentin Marianne Grosse (SPD) aus 16 Jahren als Bau- und Kulturdezernentin. - Foto: gik
Zahlen aus der Bilanz von Dezernentin Marianne Grosse (SPD) aus 16 Jahren als Bau- und Kulturdezernentin. – Foto: gik

„Es war für uns wichtig, dass wir bei dem sehr begrenzten Siedlungsgebiet in Mainz Wohnquartiere schaffen, in dem wir echte Heimat schaffen“, sagte Grosse in ihrer Bilanz. Ziel sei gewesen, „dass wir hochklassige Außenbereiche definieren in unseren Bebauungsplänen, ohne dass die Kosten unter die Decke schießen, ich glaube, dass uns das geglückt ist.“ Tatsächlich hatte es immer wieder scharfe Kritik an der Gestaltung gerade von Freiflächen in Mainz durch das Baudezernat gegeben, gerade auch am Zollhafen sowie auf diversen Plätzen wurde Grosse immer wieder vorgeworfen, „Betonwürsten“ geschaffen zu haben.

Die zog hingegen nun ein positives Fazit: „Wir haben viele Plätze der Allgemeinheit zurückgegeben“, sagte sie, und nannte als ein Beispiel den neu gestalteten Platz an der Großen Langgasse, der „super angenommen“ werde. Hier wie am Hopfengarten hatten dafür Parkplätze weichen müssen, Grosse betonte nun, es sei eine „unbedingte Aufwertung des öffentlichen Raums“ gelungen, gerade am Hopfengarten: „Das Gewurschtel dort konnte man ja nicht aushalten.“

 

„Viel Dresche“ für die Neugestaltung des Münsterplatzes

Für die Neugestaltung des Münsterplatzes habe sie ja „viel Dresche bekommen, ich weiß bis heute nicht warum“, sagte Grosse weiter: „Natürlich kann man sagen, mehr Grün, mehr Grün – aber wir retten die Welt auch nicht mit dem Münsterplatz.“ Die Stadt habe dort „gemacht, was wir konnten“, mehr sei wegen Leitungen im Boden nicht möglich gewesen – und mit dem bunt schillernden Toilettenhäuschen „haben wir uns was getraut“, betonte Grosse. Mit der neuen Begrünungs- und Gestaltungssatzung „zeigen wir, dass wir Klimaschutz in der Stadt ernst nehmen“, fügte sie hinzu. Dass die Stadt in ihrer Amtszeit mehrfach die Rote Karte wegen viel zu hoher Versiegelung in der Stadt bekam, erwähnte Grosse nicht.

Die Neugestaltung des Münsterplatzes in Mainz - hier im Jahr 2022 - stieß auf viel Kritik in Mainz. - Foto: gik
Die Neugestaltung des Münsterplatzes in Mainz – hier im Jahr 2022 – stieß auf viel Kritik in Mainz. – Foto: gik

Zum Mainzer Zollhafen sagte sie, das sei „das schwierigste Projekt“ ihrer Amtszeit gewesen – vor allem wegen des hohen Lärmeintrags des benachbarten Industriegebiets, aber auch wegen einer anspruchsvollen städtebaulichen Struktur. Es sei aber gelungen, 1.400 Wohneinheiten sowie 2.600 Gewerbeeinheiten quasi „im Zeitraffer“ zu schaffe. „Wir konnten dort hohe Standards der Baukultur und extrem gute Architektur realisieren“, betonte Grosse – ihr Highlight sei das „Goldene Haus“: „Das ist mein Gute-Laune-Macher“, sagte Grosse: „Wenn ich mir das Doppel-X angucke, dann ist die Welt wieder in Ordnung.“

„Schön geworden“ sei aus ihrer Sicht auch das Heilig-Kreuz-Areal, dort habe sie „um die beiden Grünflächen sehr gekämpft“. Dort sei sehr viel geförderter Wohnraum in einem exzellenten Umfeld geschaffen worden, dazu aber auch sehr viel Wohneigentum. Sie habe zwei Baugemeinschaften und eine Baugenossenschaft realisieren können, „das ist für mich die Form des Wohnens der Zukunft“, sagte Grosse. Zudem habe die Stadt dort bewiesen, dass „mehrgeschossiges Bauen auch wirklich gut aussehen kann.“

„Mutiges Bauen“, Konzeption Biotech-Campus, Gedenkstätte

Auch am Rodelberg sei „mutiges Bauen“ entstanden, das Baudezernat habe dort ein Hochhaus verhindert, das sei nicht einfach gewesen. An der Peter-Jordan-Schule sie  nach langen Diskussionen „ein richtig tolles Wohnquartier“ entstanden, das sich „super gut in den Hartenbergpark einfügt.“ Auch den Wohnpark am alten Hildegardis-Krankenhaus mit rund 400 Wohneinheiten bezeichnete Grosse als „extrem geglückt“. Der Umbau der ehemaligen GFZ-Kaserne werde weitere 420 Wohneinheiten schaffen, dazu eine Quartiersgarage, zwei Kitas und ein Platz samt neuer Ortsverwaltung für die Oberstadt.

Das sogenannte "Goldene Haus" im Mainzer Zollhafen: Für Marianne Grosse ein "Gute-Laune-Haus". - Foto: gik
Das sogenannte „Goldene Haus“ im Mainzer Zollhafen: Für Marianne Grosse ein „Gute-Laune-Haus“. – Foto: gik

„Natürlich soll sich BionTech dort mit zwei großen Campi entwickeln können“, sagte Grosse weiter, die auch einräumte, die Diskussion um die Biotechnologie-Achse entlang der Saarstraße sei „nicht einfach“ in der Stadt. Dort entstehen mitten in einer der wichtigsten Kaltluftentstehungs-Zonen von Mainz und auf wertvollem Ackerland ein komplett neues Gewerbegebiet für den neuen Biotechnologie-Hub entstehen, für die Gestaltung wurde ein Wettbewerb durchgeführt. Über den Siegerentwurf werde „nun diskutiert, das wird nicht ganz so umgesetzt“, sagte Grosse weiter.

Zum Thema Denkmalschutz bilanzierte Grosse als eine Hauptaufgabe die Sanierung der Zitadellenmauer und nannte als gutes Beispiel die Entwicklung der Kirchenruine St Christoph in eine Gedenkstätte, samt Turmsanierung und neuer Turmspitze. Den lange angekündigten „Gedenkort Deportationsrampe“ an der Mombacher Straße „habe ich leider nicht fertig gekriegt“, räumte Grosse zugleich ein. Dort habe ein Einspruch eines Mitbewerbers für den Stillstand der Baustelle gesorgt, die Fertigstellung sei nun in acht Monaten geplant.

 

Römisches Erbe: erst auf Nachfrage – Stillstand am Bühnentheater

Zu dem Thema Römisches Erbe und dem viel kritisierten schlechten Zustand vieler antiker Denkmäler im Stadtgebiet äußerte sich Grosse erst auf Mainz&-Nachfrage: „Wir haben, was die Römer angeht, einen ganz großen Schritt hinter uns gebracht: die Sanierung des Drusussteins“, sagte Grosse. Bis auf den Zeitstrahl sei dessen Sanierung sowie die Neugestaltung des Umfelds jetzt fertig. Das gilt indes nicht für die Gestaltung des antiken Bühnentheaters, die Grosse wiederholt angekündigt hatte: Dort herrscht seit Jahren Stillstand.

Das antike Römische Bühnentheater harrt weiter seiner Wiedererweckung, die Ausschreibung eines Konzeptes ist auf Eis gelegt. - Foto: gik
Das antike Römische Bühnentheater harrt weiter seiner Wiedererweckung, die Ausschreibung eines Konzeptes ist auf Eis gelegt. – Foto: gik

„Wir haben den Wettbewerb zum Römischen Bühnentheater viele Jahre vorbereitet“, sagte Grosse dazu – die Umsetzung habe aber nun wegen der Haushaltssituation der Stadt Mainz verschoben werden müssen. Man sei aber „sehr froh, dass wir jetzt einen Koordinierungsrat haben“, in dem man alle die Institutionen, die sich professionell der Antike und der Archäologie befassten, habe zusammenbringen können. Dort solle „ein Gesamtkonzept“ erarbeitet werden.

Tatsache ist aber auch: Nicht alle Initiativen und Akteure wurden zur Mitarbeit eingeladen – wie etwa der Ehrenarchäologe von Mainz, Gerd Rupprecht. Stillstand herrscht auch bei der Sanierung und Weiterentwicklung des Kurfürstlichen Schlosses: „Die Nutzung ist ungefährdet“, betonte Grosse, die „große Maßnahme“ müsse aber auch hier warten.

Niederlage beim Bibelturm: 77,3 Prozent der Mainzer dagegen

Ein wichtiger Schwerpunkt der Kulturdezernentin Grosse war zudem die Neukonzeption und der Neubau des Gutenberg-Museums, der Neubau sei „für die Innenstadt von entscheidender Bedeutung“. Der Abriss des alten Schellbaus läuft derzeit, man finde „viele Überraschungen, wie Schadstoffe in irgendwelchen Fenstern“ sagte Grosse – der Bau sei aber im Zeitplan. Mit der Interimsausstellung „Gutenberg MOVED“ im Naturhistorischen Museum könne man aber „Freude auf das neue Museum machen“.

Der wankende Bibelturm samt Dezernentin Grosse schaffte es 2018 sogar auf einen Motivwagen im Mainzer Rosenmontagszug - passenderweise hob der kleine Narrenhund sein Beinchen an dem von den Mainzern abgelehnten Turm. - Foto: gik
Der wankende Bibelturm samt Dezernentin Grosse schaffte es 2018 sogar auf einen Motivwagen im Mainzer Rosenmontagszug – passenderweise hob der kleine Narrenhund sein Beinchen an dem von den Mainzern abgelehnten Turm. – Foto: gik

Die Debatte und die Bürgerabstimmung um den Bibelturm erwähnte Grosse indes mit keinem Wort: Im April 2018 hatten sich die Mainzer beim ersten Mainzer Bürgerentscheid überhaupt mit einer überwältigenden Mehrheit von 77,3 Prozent gegen den von Grosse vehement beworbenen „Bibelturm“ als Erweiterungsbau des Gutenberg-Museums auf dem Liebfrauenplatz ausgesprochen. Für Grosse, aber auch für den damaligen Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD)  war es eine schwere Niederlage, die Mainzer zeigten sich weder von der Architektur, noch von dem Konzept überzeugt – auch die fehlende Finanzierung spielte bei der Ablehnung eine zentrale Rolle.

Viel Kritik gab es für Grosse auch beim Thema Kinolandschaft Mainz, als im Herbst 2021 das letzte Mainzer Programmkino „Capitol“ vor dem Aus stand. „Das war schon eine harte Nummer für uns, weil wir damit nicht gerechnet haben“, räumte Grosse nun ein. Die Neuaufstellung sei „sehr schwierig, aber geglückt“, das Kino mit einem neuen Betreiber und mit einem Konzept wiedereröffnet worden, das bundesweit Anerkennung finde – heute habe das „Capitol“ mehr Besucherzahlen als erwartet, sagte Grosse.

„Werde keine Bürgerinitiative gründen“

„Ganz toll weiterentwickelt“ hätten sich zudem das Mainzer Unterhaus sowie das Kabarettarchiv, mit den Konzerten auf der Zitadelle habe Mainz einen Ort mit außergewöhnlicher Atmosphäre geschaffen. Beim Thema „Kunst am Bau“ habe Mainz höchst fortschrittliche Exponate im Stadtbild platziert, mit der „Mainzer Museumsnacht“ ein Erfolgsformat etabliert. Dazu seien Dutzende von Stipendien, Literaturförderpreisen und  Kunstförderpreisen der Stadt gekommen.

„Es war sehr fordernd, anstrengend, und es war schön“, bilanzierte Grosse am Ende ihrer Amtszeit von 16 Jahren: „Ich werde vieles vermissen, aber ich werde ja weiter Teil der Kultur sein.“ Am Mittwoch wird Grosse zu Beginn der Stadtratssitzung in Mainz verabschiedet. Und, so versprach die scheidende Dezernentin noch: „Ich werde keine Bürgerinitiative gründen, versprochen.“ Ihren Nachfolger, den CDU-Politiker Ludwig Holle, wird es freuen: Er tritt am 10. Februar 2026 die Nachfolge als neuer Mainzer Baudezernent an – Holle wird in seinem Amt auch eine  Schwerpunkt „Historisches Erbe“ haben.

Info& auf Mainz&: Mehr zum neuen Mainzer Baudezernenten Ludwig Holle könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen – dort findet Ihr auch Infos zum neuen Mainzer Kulturdezernenten Ata Delbasteh, der gemeinsam mit Finanzdezernent und Bürgermeister Daniela Köbler am Mittwoch im Stadtrat vereidigt wird.