Es ist der 14. Juli, es ist der Tag, den das Ahrtal niemals mehr vergessen wird: Heute jährt sich zu fünften Mal die Flutkatastrophe im Ahrtal von 2021. Im ganzen Tal wird heute gedacht und erinnert, im Mittelpunkt stehen die 136 Toten jener Nacht auf den 15. Juli – einer von ihnen ist bis heute vermisst. Zum Gedenken kommt hoher Besuch: Am Morgen weiht Bundespräsident Frank Walter Steinmeier eine Gedenkausstellung ein, am Abend ist Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zu Gast in Ahrweiler . und dort wird es auch um die lange geforderte Entschuldigung gehen. So gedenkt das Ahrtal heute:

Es ist mitnichten der erste Besuch des Bundespräsidenten im Ahrtal: Schon kurz nach der Flutkatastrophe 2021 kam Frank Walter Steinmeier ins Ahrtal, zum ersten Jahrestag der Flut kam er erneut, besuchte unter anderem das schwer getroffene Weingut Meyer-Näkel bei Dernau, stand minutenlang schweigend vor einer riesigen Fotowand mit Erinnerungen an jene Nacht. „Ich habe versprochen: Wir werden Euch nicht vergessen – ich bin heute hier, dieses Versprechen einzuhalten“, sagte Steinmeier damals.
2023 dann wanderte der Bundespräsident durchs Ahrtal, wählte Mayschoß als Ort für sein großes Sommerinterview im ZDF – und machte so der ganzen Republik klar, wie sehr es beim Wiederaufbau noch hakte. Nun ist Steinmeier erneut im Ahrtal unterwegs, der Bundespräsident wird heute Vormittag in Altenahr an der Eröffnung der Ausstellung „We AHR strong. Fünf Jahre, ein neuer Blick“ teilnehmen. Die Freilichtausstellung zeigt Porträts und erzählt die Geschichten von Menschen aus dem Ahrtal, die die Flutkatastrophe vom 14. Juli 2021 erlebt haben, Steinmeier will mit den Portraitierten selbst ins Gespräch kommen.
Großteil der Minister aus Mainz fehlen beim Gedenken im Ahrtal
Natürlich ist auch der neue Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) vor Ort, er hat mehrere seiner Minister und Staatssekretäre im Schlepptau – ein markanter Unterschied zu 2025: Zum 4. Jahrestag der Flutkatastrophe ließ sich außer dem damaligen Ministerpräsidenten Alexander Schweitzer (SPD) und der damaligen Umweltministerin Katrin Eder (Grüne) kein einziger hochrangiger Landespolitiker aus Mainz bei der Gedenkfeier im Kurpark von Bad Neuenahr blicken. Einziger Landtagsabgeordneter damals: Der Koblenzer Stephan Wefelscheid von den Freien Wählern.

In diesem Jahr touren neben Schnieder die Stellvertretende Ministerpräsidentin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) durch das Ahrtal, außerdem der neue Innenminister Achim Schwickert (CDU) sowie seine Kollegin Christine Schneider (CDU, Umwelt) und die für den Wiederaufbau zuständige Staatssekretärin Vanessa Fischer. Was allerdings auffällt: Der Rest der Riege aus der Landesregierung sin ausnahmslos Staatssekretäre – fehlen werden nach Angaben der Staatskanzlei damit Wirtschaftsminister Michael Ebling (SPD), Finanzministerin Doris Ahnen (SPD), Bildungsministerin Ute Eiling-Hütig, Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) oder Justizminister Helmut Martin (CDU).
Auch der neue Minister für Bauen und Kommunen, Sven Teuber (SPD) fehlt in der Auflistung der Staatskanzlei, ebenso der Chef der Staatskanzlei und Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Marcus Klein. Letzterer wird vertraten durch seine Staatssekretär Torsten Welling – offenbar sind die Sommerferien einem Großteil des Kabinetts wichtiger als der Gedenktag zur größten Katastrophe des Bundeslandes seit dem Zweiten Weltkrieg.
Großteil der Minister aus Mainz fehlt beim 5. Jahrestag im Ahrtal
Ministerpräsident Schnieder besucht nach der Ausstellung am Morgen in Altenahr am Mittag gemeinsam mit Bätzing-Lichtenthäler und Welling die Jugendbauhütten Rheinland-Pfalz, die sich seit der Flut mit ihren Fluthilfecamps und dem Mobilen Team Fluthilfe für den Erhalt historischer Häuser im Ahrtal einsetzten. Die Initiative der Deutschen Stiftung Denkmalschutz bildet junge Menschen in den Camps aus, wie alte Bausubstanz mit der Vermittlung traditioneller Handwerkstechniken gerettet werden kann. Junge Menschen sammeln in der Jugendbauhütte im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres praktische Erfahrungen in der Restaurierung und im Erhalt von Kulturdenkmälern.

Am Nachmittag ist Schnieder mit seinem Tross dann zu Gast in der Lebenshilfe in Sinzig, jener Behinderteneinrichtung, in der in der Flutnacht 12 Menschen in ihren Zimmern im Erdgeschoss ertranken, weil die eine Nachtwache vor Ort zu wenig war und zu spät versuchte, die Menschen in den beiden Häusern der Einrichtung zu retten – auch weil die Evakuierungsaufforderung das Haus viel zu spät in der Nacht erreichte. Schnieder werde mit Hinterbliebenen und Betroffenen sprechen, und sich ein Bild von dem Wiederaufbau sowie dem neuen Konzept der Einrichtung machen, teilte die Staatskanzlei mit.
Am Abend steht dann der nächste hohe Besuch ins Haus: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wird in Bad Neuenahr erwartet, der Kanzler besucht zunächst die Großbaustelle im Kurpark von Bad Neuenahr. Dort werde sich Merz gemeinsam mit Schnieder „über den Stand des Wiederaufbaus informieren und mit jungen Ehrenamtlichen aus dem Ahrtal und Gewerbetreibenden vor Ort sprechen.“
Kanzler Merz zu Gast bei zentraler Gedenkfeier in Ahrweiler
Im Kurpark von Bad Neuenahr entsteht seit Anfang 2026 für rund 26,2 Millionen Euro ein neuer, hochwasserangepasster Gebäudekomplex, Die Großbaustelle umfasst unter anderem den Neubau einer Konzerthalle mit bis zu 460 Plätzen, das „Haus des Gastes“ mit neuer Tourist-Information sowie die Stadtbibliothek. Geplant sind zudem laut einem Bericht des SWR ein großer Show-Springbrunnen sowie ein Heilkräutergarten und eine „Heilwasser-Erlebniswelt“ mit Trinkbrunnen, einem Brunnengarten mit Kneippbecken und einer interaktiven Heilwasser-Ausstellung. Der Komplex soll 2027 fertiggestellt werden.

Am Abend steht dann die große zentrale Gedenkfeier an, die wegen der Baustelle nicht im Kurpark, sondern auf dem Marktplatz in Ahrweiler stattfindet. Bei der einstündigen Veranstaltung wird es, wie schon in den Vorjahren einen ökumenischen Gottesdienst unter der Leitung der beiden Pfarrer Jörg Meyrer und Rüdiger Stiehl geben, sie fanden bei den vorherigen Gottesdiensten bewegende Worte. Musikalisch umrahmt wird das Gedenken von dem Posaunenchor der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Neuenahr, das Ganze findet vor der Kulisse der endlich restaurierten St. Laurentius-Kirche statt.
Der SWR überträgt die Gedenkfeier live im dritten Programm ab 19.00 Uhr, und das aus einem guten Grund: Erwartet werden nämlich Reden von Bundeskanzler Friedrich Merz, Ministerpräsident Gordon Schnieder und dem neuen Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler, Pascal Rowald (CDU). Und vor allem die Rede Schnieders dürfte es in sich haben: Der Ministerpräsident plant nach Mainz&-Informationen die längst überfällige Entschuldigung für die gravierenden Versäumnisse des Landes Rheinland-Pfalz in der Flutnacht.
Kommt Entschuldigung für Versagen des Staates in der Flutnacht?
Diese Entschuldigung „von Staats wegen“ hatte erstmals im Juli 2012 der Buchautor Andy Neumann öffentlich bei einer Veranstaltung auf eben dem Marktplatz in Ahrweiler öffentlich gefordert: „Die Menschen hier im Tal verdienen seit fast einem Jahr eine Entschuldigung“, sagte Neumann damals vor laufenden Kameras und nur wenige Tage vor dem ersten Jahrestag der Flut: „Eine Entschuldigung für miserable Katastrophenvorsorge, für katastrophales Einsatzmanagement und für die mindestens mal sehr suboptimale administrative Abwicklung der Folgen der Flut für die Menschen hier im Tal.“

Mainz& hatte damals als erstes Medium diese Forderung nach einer Entschuldigung geschrieben – erfolgt ist sie bis heute nicht. Die damalige Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) verweigerte die Entschuldigung bis zum Schluss ihres Amtes. Sie könne sich „doch nicht für eine Naturkatastrophe entschuldigen“, sagte Dreyer noch 2023 – im Ahrtal hörte man das mit Empörung: Dreyer solle sich doch nicht für eine Naturkatastrophe entschuldigen, sondern für das Versagen des Staates bei der Warnung und Evakuierung der Bürger – doch dieses Eingeständnis brachte die Ministerpräsidentin nicht über die Lippen.
Experten sagen bis heute, ein frühzeitigeres Handeln der Landesregierung hätte Dutzende Menschenleben retten können, denn die Flutwelle brauchte sieben Stunden, um von Schuld an der oberen Ahr bis zur Mündung bei Sinzig vorzudringen – Stunden, in denen Menschen hätten gewarnt und evakuiert werden können. Doch das passierte nicht oder erst viel zu spät, derweil die Spitze der Landesregierung von Dreyer über Innenminister Riger Lewentz (SPD) bis hin zu Umweltministerin Anne Spiegel und ihrem Staatssekretär Erwin Manz (beide Grüne) zu Bett gingen – ohne Medien einzuschalten, ohne Anstrengungen für Warnungen zu unternehmen.
Kommt die Entschuldigung „von Staats wegen“ zu spät?
Auch Dreyers Nachfolger im Amt, Alexander Schweitzer (SPD), verweigerte den Schritt einer Entschuldigung, das kostete die Landespolitik viel Vertrauen und Ansehen in der Bevölkerung, nicht nur im Ahrtal. Gordon Schnieder, seit dem 18. Mai 2026 im Amt, hatte schon in der Opposition stets eine solche Entschuldigung gefordert, im Interview mit Mainz& sagte Schnieder im Juli 2025: „Für eine Entschuldigung des Staates ist es nie zu spät“. Und Schnieder versprach: Sollte er Ministerpräsident werden, werde er diese Entschuldigung nachholen – heute soll es wohl so weit sein.

Fünf Jahre nach der Ahrflut stellt sich indes die Frage. Kommt diese Entschuldigung nicht doch zu spät? Es sei „eigentlich der falsche Mann“, der sich entschuldigen wolle, sagen Bewohner des Ahrtals – die Entschuldigung hätte einen Neuanfang markieren können, eine Trendwende im Verhältnis zur Politik und zur Landesregierung, einen Ruck durchs Ahrtal senden können. Ob das jetzt noch, nach fünf Jahren, gelingen kann, ist fraglich – zumal die Staatsanwaltschaft in Koblenz weiter jede juristische Aufarbeitung der Flut vor Gericht verhindert.
Im Ahrtal wird derweil heute an vielen Stellen der Toten der Flutnacht gedacht. In kleinen und großen Veranstaltungen werden Menschen zusammenkommen und Halt suchen – für viele ist es ein schwerer Tag. Was die Landesregierung seither an Konsequenzen gezogen hat – und welche nicht – das könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen.
Info& auf Mainz&: Der SWR überträgt die Gedenkfeier am Abend des 14. Juli 2026 ab 19.00 Uhr live in seinem dritten Programm – Mainz& wird auch vor Ort sein. Mehr zu unserer Bilanz zum 5. Jahrestag der Flutkatastrophe lest ihr hier auf Mainz&:








