Corona macht es möglich: Die Deutsche Flugsicherung (DFS) nimmt die höchst umstrittene Absenkung des Luftraums über Bingen aus dem Frühjahr 2020 zurück. Wegen des Corona-bedingten Verkehrsrückganges werde die im März 2020 eingeführte Luftraumänderung „in großen Teilen wieder zurückgenommen“, teilte die DFS vergangene Woche in der Sitzung der Fluglärmkommission mit. Ab dem 25. März werde die Untergrenze des Luftraums der Klasse C im Bereich Bingen von derzeit 4.500 Fuß wieder auf 6.500 Fuß angehoben.

Bingen und dem Mittelrheintal sowie dem Raum Bad Kreuznach drohte durch die Absenkung des Luftraums erheblich mehr Fluglärm. - Foto: gik
Bingen und dem Mittelrheintal sowie dem Raum Bad Kreuznach drohte durch die Absenkung des Luftraums erheblich mehr Fluglärm. – Foto: gik

Zum März 2020 hatte die Deutsche Flugsicherung die untere Fluggrenze für Verkehrsflugzeuge um fast 1.000 Meter abgesenkt, das hatte für großen Wirbel gesorgt: Die geplante neue Untergrenze für Verkehrsflugzeuge war erst Dank Informationen der Initiative gegen Fluglärm in Rheinhessen im August 2019 öffentlich geworden und von Mainz& und dem Öffentlichen Anzeiger Bad Kreuznach als erstes veröffentlicht worden. Die DFS wiegelte monatelang ab: Es handele sich lediglich um „erste Überlegungen“, es gehe um die Sicherheit im Luftraum und darum „Mischverkehr“ zwischen Passagierjets und kleineren Flugzeugen zu vermeiden.

Doch die Pläne stimmten, Wirtschaftsminister Volker Wissing bestätigte schließlich im Oktober im Mainzer Landtag die Pläne für die Absenkung – Fluglärm-Gegner liefen Sturm. Die Bürgerinitiativen gegen Fluglärm befürchteten durch die Absenkung deutlich mehr Fluglärm für die Region zwischen Bingen und Bad Kreuznach, denn mit der abgesenkten Reiseflughöhe müssten die Sportflieger noch unter der neuen Schwelle bleiben – der gesamte Flugverkehr verlagere sich so nach unten, zu den Wohnhäusern der Menschen hin. „Wenn ein Flieger 1000 Meter niedriger ist, ist er lauter“, warnte der 2. Vorsitzende der Fluglärm-Initiative Rheinhessen, Roland Beckhaus damals gegenüber Mainz&: „Pro 300 Meter haben wir drei Dezibel mehr Lärm“, eine Absenkung um 1.000 Meter „käme einer Verdoppelung des Schalldrucks gleich.“

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Tower der Deutschen Flugsicherung am Frankfurter Flughafen. - Foto: DFS
Tower der Deutschen Flugsicherung am Frankfurter Flughafen. – Foto: DFS

Doch die DFS hielt unbeeindruckt an den Plänen fest, den erlaubten Anflugraum für Verkehrsflugzeuge von 6.500 Fuß – knapp 2.000 Metern Höhe – auf 4.500 Fuß über Meeresspiegel abzusenken, umgerechnet fast 1.000 Meter tiefer als zuvor. Die DFS argumentierte, man brauche die niedrigere Höhe, um den dichten Flugverkehr über dem Rhein-Main-Gebiet zu entzerren, Fluglärmgegner warfen der Flugsicherung vor, sie wolle den Flugraum prophylaktisch für eine weitere Steigerung der Flugkapazitäten in Frankfurt erweitern, das Hauptproblem sei eigentlich der Personalmangel bei den Fluglotsen.

Der Stadtrat von Bingen verabschiedete daraufhin am 26. September eine Resolution aller Fraktionen gegen eine Absenkung der Flughöhen über dem Mittelrheintal, der Region Bingen und dem östlichen Soonwald. Besonders im Mittelrheintal sei durch den Bahnlärm bereits ein solches Ausmaß an Lärm erreicht, das dürfe „nicht auch noch durch zusätzliche Lärm aus der Luft verstärkt werden“, heißt es. Die Stadt Bingen fordere deshalb Bund und Land auf, sich für eine Abkehr von den Plänen einzusetzen.

Pläne der DFS zur Wieder-Anhebung des Luftraums im Raum Bingen. - Grafik: DFS
Pläne der DFS zur Wieder-Anhebung des Luftraums im Raum Bingen. – Grafik: DFS

Tatsächlich sprach sich der Landtag mit breiter Mehrheit im Oktober gegen die Pläne ein, die rheinland-pfälzische Landesregierung legte ihr Veto gegen die Pläne ein – alles ohne Erfolg. Die DFS senkte den Luftraum zum März 2020 ab. Beckhaus kritisierte schon damals, die DFS habe keinerlei Begründung für die Erweiterung des Luftraums: 2020 würden die Flugbewegungen nicht maßgeblich steigen, „warum wollen sie den Luftraum denn absenken, wenn sie ihn nicht nutzen wollen?“ Es war ein nahezu prophetischer Satz: Im Frühjahr 2020 brach die Corona-Pandemie über die Welt herein, der Luftverkehr kam ab März praktisch weltweit zum Erliegen – bis heute wickelt die DFS am Frankfurter Flughafen nur rund 45 Prozent der früheren Flugbewegungen ab.

Nun teilte die Flugsicherung lapidar mit: Wegen des Corona-bedingten Rückgangs im Flugverkehr werde die Luftraumänderung „in großen Teilen wieder zurückgenommen“, und zwar zum 25. März. Das zuständige Bundesverkehrsministerium habe dem Antrag der DFS zugestimmt, die Untergrenze des Luftraums der Klasse C im Bereich Bingen von derzeit 4.500 Fuß wieder auf 6.500 Fuß anzuheben. Man behalte sich aber vor, wenn der Luftverkehr wieder auf ein ähnliches Niveau wie 2018/2019 steige, eine erneute Anpassung beim Bund zu beantragen, fügte die DFS hinzu.

Die Deutsche Flugsicherung selbst rechnet indes nicht mit einer schnellen Erholung des Luftverkehrs in Deutschland, 2020 wurden gerade einmal rund 45 Prozent des Vorkrisenniveaus erreicht. Eine Rückkehr zum Verkehrsaufkommen wie in 2019 werde es voraussichtlich sogar erst 2025 wieder geben.

Info& auf Mainz&: Die Debatten damals um die Absenkung des Luftraums in der Politik mit der Haltung der verschiedenen Parteien könnt Ihr hier noch einmal bei Mainz& nachlesen. Unseren Ausgangstext zur Luftraum-Absenkung vom August 2019 findet Ihr hier bei Mainz&. Die Unterlagen zur Fluglärmkommission am 17. Februar 2021 findet Ihr hier im Internet.

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