Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt den Einsatz des Biontech-Impfstoffs Comirnaty nur bei Kindern und Jugendlichen mit Vorerkrankungen, nicht aber allgemein für Kinder und Jugendliche, und zwar für ein Alter zwischen 12 und 17 Jahren. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hatte den Biontech-Impfstoff vergangene Woche für Kinder ab 12 Jahren zugelassen – und zwar ohne Einschränkung. Die Empfehlung der Stiko hat erhebliche Auswirkungen: der Zugang zu Corona-Impfungen wird für Kinder und Jugendliche erheblich erschwert. Jugendliche ab 16 Jahre, die sich bereits in einem Impfzentrum des Landes registriert hatten, bekommen dort nun zudem keine Impftermine mehr: Sie müssen sich nun an einen Hausarzt oder Kinderarzt wenden, sagte Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) am Donnerstag in Mainz. Experten befürchten zudem, die eingeschränkte Empfehlung der Stiko könne Impfskeptikern Auftrieb geben.

Die EMA hatte am 28. Mai den Biontech-Impfstoff für Kinder von 12 bis 17 Jahren zugelassen - uneingeschränkt. - Foto: gik
Die EMA hatte am 28. Mai den Biontech-Impfstoff für Kinder von 12 bis 17 Jahren zugelassen – uneingeschränkt. – Foto: gik

Am 28. Mai hatte die Europäische Arzneimittelagentur EMA den Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech auch für Kinder zwischen 12 und 16 Jahren freigegeben. Das Vakzin sei auch für Kinder zwischen 12 und 16 Jahren sicher, sagte der Leiter der EMA-Impfstrategie, Marco Cavaleri. Die Immunantworten bei Kindern ab 12 Jahren seien „ähnlich oder sogar besser“ als bei jungen Erwachsenen, das Vakzin schütze sicher vor der Krankheit Covid-19. Trotzdem behielt sich die Ständige Impfkommission (Stiko) in Deutschland vor, eine eigene Empfehlung abzugeben – und die unterscheidet sich nun deutlich von der Zulassung der EMA.

Am Donnerstag legte die Stiko nun die lange erwartete eigene Empfehlung vor, und darin heißt es: „Der Einsatz von Comirnaty bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 12–17 Jahren ohne Vorerkrankungen wird derzeit nicht allgemein empfohlen, ist aber nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz möglich.“ Eine Corona-Impfung mit dem Biontech-Impfstoff werde nur für Kinder und Jugendliche „mit Vorerkrankungen aufgrund eines anzunehmenden erhöhten Risikos für einen schweren Verlauf der COVID-19-Erkrankung“ empfohlen.

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Der Biontech-Impfstoff ist bislang der einzige, der für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren zugelassen ist. - Foto: Biontech
Der Biontech-Impfstoff ist bislang der einzige, der für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren zugelassen ist. – Foto: Biontech

Der Biontech-Impfstoff ist bisher der einzige Impfstoff, der auch für Impfungen bei Kindern und Jugendlichen zugelassen ist, und zwar für Jugendliche ab 16 Jahren schon einige Wochen, seit Ende Mai nun auch für Kinder ab 12 Jahren. Weltweit sind Experten zufolge bereits rund drei Millionen Kinder und Jugendliche mit dem Impfstoff geimpft worden, schwere Nebenwirkungen wurden dabei nicht festgestellt. In Israel traten allerdings in Einzelfällen Herzmuskelentzündungen in Zusammenhang mit Corona-Impfungen auf, allerdings nur bei jungen Männern. Studien gibt es aber auch beim US-Hersteller Moderna, der vor wenigen Tagen die Zulassung seines mRNA-Impfstoffs für Kinder in der EU beantragt hat. In Israel wurden zudem umfangreiche Daten zu Impfungen gesammelt, auch bei Jugendlichen ab 16 Jahren.

Trotzdem hatte die Stiko immer wieder betont, man habe „noch nicht genügend Daten“ vorliegen, um beurteilen zu können, ob der Impfstoff „für Kinder sicher sei“. Kinder seien „keine kleinen Erwachsenen“, die Impfung kein Zuckerschlecken – Kinder erkrankten kaum schwer an Covid-19, deshalb könne man hier nicht sagen, dass die Risiken der Impfung den Nutzen überwiege. Andere Kinderärzte widersprechen: Das Coronavirus selbst könne auch bei Kindern Herzmuskelentzündungen und schwere neurologische Schäden verursachen, auch über Long Covid sei noch viel zu wenig bekannt, sagt etwa der Landesvorsitzende des Berufsverbands der Kinder-und Jugendärzte in Rheinland-Pfalz, Lothar Maurer, und warnt: Das Risiko, dass auch Kinder das Pech hätten, eine schwere Erkrankung zu bekommen, „halte ich für weit, weit höher als das Impfrisiko.“

Der Chef der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens in einem Fernsehinterview. - Foto: gik
Der Chef der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens in einem Fernsehinterview. – Foto: gik

Die eingeschränkte Empfehlung der Stiko hat nun eine ganze Reihe massive Auswirkungen auf die Möglichkeit für Kinder, an eine Corona-Impfung zu kommen: Viele, wenn nicht die meisten Kinderärzte werden nun Kinder ab 12 Jahren ohne Vorerkrankung nicht impfen, weil sie sich an die Empfehlung der Stiko gebunden fühlen – hier spielen auch Haftungsfragen eine Rolle. Viele Eltern werden zudem von einer Impfung Abstand nehmen in dem Glauben, der Impfstoff sei doch nicht so sicher – schließlich hätte die Stiko ihn sonst uneingeschränkt empfohlen. Das könne insgesamt Verunsicherung oder gar Impfskepsis Vorschub leisten, sagte der Chef des Gesundheitsamtes Mainz-Bingen, Dietmar Hoffmann.

Die Impfung von Kindern habe derzeit sicher nicht die oberste Priorität, sagte Hoffmann im Gespräch mit Mainz& – eine Gefahr bestehe dabei aber keineswegs: „In den Zulassungsstudien zeigt sich klar, dass es keine Gefahr gibt“, betonte Hoffmann: „Wissenschaftlich ist ganz klar, dass die Kinder den Impfstoff bestens vertragen.“ Die Stiko entscheide aber immer nach streng wissenschaftlicher Grundlage – und solange es nur wenig Daten gebe, gebe es eben auch keine Empfehlung für den Impfstoff.

Für Kinder und Jugendliche wird es in Deutschland erst einmal nur einen eingeschränkten Zugang zu Corona-Impfungen geben. - Foto: gik
Für Kinder und Jugendliche wird es in Deutschland erst einmal nur einen eingeschränkten Zugang zu Corona-Impfungen geben. – Foto: gik

Tatsächlich aber gibt es allein bei Biontech zwei Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit des Corona-Impfstoffs bei Kindern, einmal für Jugendliche über 16 Jahre, und einmal für Kinder ab 12 Jahre. In einer der Studien, durchgeführt bei einem Kinderkrankenhaus in Cincinnati in den USA, hieß es, die Wirksamkeit sei sehr hoch bei gleichzeitig nur moderaten Nebenwirkungen. Die Forscher des Cincinnati Children’s Hospitals empfehlen nachdrücklich, auch Kinder mit einer Corona-Impfung gegen Covid-19 zu schützen, schließlich hätten sich allein in den USA mehr als 3,7 Millionen Kinder mit Covid-19 infiziert. Mehr als 15.000 von ihnen hätten in Krankenhäuser eingewiesen werden müssen, etwa 300 Kinder seien an Covid-19 gestorben – doppelt so viele wie in einem regulären Grippejahr an einer Influenza.

Die Stiko empfiehlt dennoch eine Impfung ausdrücklich nur für Kinder ab 12 Jahren bei einer Vorerkrankung wie Adipositas, angeborener oder erworbener Immundefizienz
oder relevante Immunsuppression, schweren Herzfehlern oder chronischen Lungenerkrankungen oder einer chronischem Niereninsuffizienz. Auch Krebserkrankungen, Diabetes mellitus, Trisomie 21 oder chronische neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen gelten als guter Impfgrund – die ganze Liste findet Ihr hier in der Empfehlung der Stiko.

Wer bekommt einen Corona-Impfung - und wer nicht? - Foto: obs/BKK Mobil Oil/Sven Hoppe, ©Thinkstock
Wer bekommt einen Corona-Impfung – und wer nicht? – Foto: obs/BKK Mobil Oil/Sven Hoppe, ©Thinkstock

Ein weiteres Problem: Obwohl der Impfstoff für Jugendliche ab 16 Jahren bereits seit einigen Wochen zugelassen ist, dehnte die Stiko ihre Impfempfehlung nun auch auf Jugendliche bis einschließlich 17 Jahren aus. Bislang aber konnten Eltern ihre 16 oder 17 Jahre alten Kinder in den Impfzentren des Landes ganz regulär zur Impfung anmelden – das wird nun gestoppt: „Wir können nach dieser Empfehlung im Impfzentrum keine Impfung für diese Gruppe zur Verfügung stellen“, sagte Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) am Donnerstag in Mainz. Wer sich bereits registriert habe, werde nun angeschrieben und gebeten, sich an die Haus- oder Kinderärzte zu wenden. „Wir schätzen, dass etwa 50.000 junge Menschen zwischen 12 und 17 Jahren im Bereich der Empfehlung liegen“, sagte Hoch weiter.

In der Stiko-Empfehlung heißt es dazu, bereits begonnene Impfserien bei 16–17-Jährigen „sollen vervollständigt werden.“ Zusätzlich werde eine Impfung auch bei Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren empfohlen, „in deren Umfeld sich Angehörige oder andere Kontaktpersonen mit hoher Gefährdung für einen schweren COVID-19-Verlauf befinden, die selbst nicht geimpft werden können, oder bei denen der begründete Verdacht auf
einen nicht ausreichenden Schutz nach Impfung besteht.“

UPDATE&: Der SPD-Gesundheitsexperte, Arzt und Epidemiologe Karl Lauterbach nannte die Empfehlung der Stiko am Donnerstagabend in der ZDF-Talkshow Maybrit Illner“ falsch: „Mit der Empfehlung der Stiko wird es auf absehbare Zeit in Deutschland keine Impfung für Kinder geben, das halte ich für falsch“, sagte Lauterbach. Er habe dafür drei Gründe: Die Wahrscheinlichkeit für späte Impfschäden sei gerade bei diesem Impfstoff sehr gering, das bestätigten hochrangige Experten. „Was wir jetzt nicht sehen, werden wir auch später nicht sehen“, sagte Lauterbach.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach am 10. Juni bei Maybrit Illner. - Screenshot: gik
SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach am 10. Juni bei Maybrit Illner. – Screenshot: gik

Grund zwei sei, dass es auch für Kinder durchaus Gefahren durch eine Covid-19-Erkrankung gebe: In England habe man untersucht, dass auch Kinder schwer erkrankten, etwa ein Prozent müsse sogar ins Krankenhaus eingeliefert werden, „das ist keine Kleinigkeit, das kann die Kinder schädigen“, betonte Lauterbach. Bein einem Teil der Kinder könne die Krankheit auch zu Long Covid führen, „wir haben also nicht eine Situation, wo man sagen kann: die Kinder brauchen das nicht.“ Die Kinder profitierten auch direkt von einer Impfung für ihre Gesundheit.

Grund Nummer drei sei: Wenn die Schulen nach den Sommerferien mit Regelunterricht wieder begännen, und die Kinder in großem Maße nicht geimpft seien, „dann werden wir sehr viele Infektionen bei den Kinder sehen“, sagte Lauterbach weiter: „Ich finde es nicht richtig, dass wir sagen, bei den Erwachsenen schützen wir durch die Impfung, bei den Kindern aber dadurch, indem sie sich infizieren – darauf würde das im Großen und Ganzen hinauslaufen.“ Dies sei die in den USA vorherrschende Einschätzung, so werde etwa in den USA die Impfung von Kindern durch renommierte Wissenschaftler der Harvard Universität empfohlen. Lauterbach ist selbst assoziierter Professor für öffentliche Gesundheitspolitik und Gesundheitsmanagement in Harvard.

Info& auf Mainz&: Das genaue Bulletin der Stiko mit der Empfehlung zu Impfungen bei Kindern und Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren könnt Ihr hier im Internet herunterladen. Mehr zu dem umstrittenen Thema Impfen von Kindern lest Ihr auch hier bei Mainz&.

 

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