Sie war eine ausgesprochen prägende Persönlichkeit für die Landeshauptstadt Mainz, „Miss Gutenberg“ sozusagen, nun ist sie mit dem Mainzer Medienpreis ausgezeichnet worden: Annette Ludwig, bis zum Frühjahr Direktorin des Gutenberg-Museums in Mainz. Die 59-Jährige wurde am Freitagabend in Mainzer Dom im Rahmen einer Feierstunde mit rund 600 Gästen geehrt, die Findungskommission würdigte sie als eine Persönlichkeit mit ungewöhnlich visionärer Kraft, die das historische Erbe des Buchdruckers Gutenberg in die Moderne katapultierte, und es mit der digitalen Revolution verknüpfte.

Verleihung des Mainzer Medienpreises am Freitagabend im Mainzer Dom. - Foto: gik
Verleihung des Mainzer Medienpreises am Freitagabend im Mainzer Dom. – Foto: gik

Der Mainzer Medienpreis wird für “Nachhaltiges Mediales Wirken” verliehen und wurde anlässlich der 250. Nachtvorlesung an der Universitätsmedizin Mainz gestiftet. Jedes Jahr zeichnet eine Findungskommission eine Person des öffentlichen Lebens dafür aus, dass sie mit ihrer medialen Präsenz bundesweit besonders sichtbar ist. Der erste Preisträger war der Mainzer Kabarettist Herbert Bonewitz, ihm folgten Fußballtrainer Jürgen Klopp, ZDF-Moderatorin Gundula Gause, die Mainzer Hofsänger sowie der Mainzer Sozialmediziner Gerhard Trabert.

Nun also Annette Ludwig: Die heute 59-Jährige wurde 2010 Direktorin des Mainzer Gutenberg-Museums, zwölf Jahre lang leitete sie die Geschicke des Druckkunst-Museums in Gutenbergs Heimatstadt, bevor sie in diesem Jahr zur Klassik Stiftung Weimar wechselte. Die Festredner würdigten die Kunsthistorikerin am Freitagabend im Mainzer Dom als die Frau, die das Gutenberg-Museum in die Moderne katapultierte: „Sie haben das Gutenberg-Museum wahrhaftig ins 21. Jahrhundert geführt“, sagte der Vorsitzende des Mainzer Presseclubs, Torsten Kirchmann.

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Wenn man sich mit Ludwigs Wirken in Mainz beschäftige, stoße man immer wieder auf einen Satz, sagte die hessische Ministerin für Digitale Strategie und Entwicklung, Kristina Sinemus (CDU), während des Festakts: „Es ist Ihr Verdienst, den medialen Einfluss Gutenbergs erkannt, und eine Brücke zur modernen Digitalisierung geschlagen zu haben“, sagte die hessische Ministerin. Der Buchdruck-Erfinder Johannes Gutenberg habe nicht nur Pionierarbeit geleistet, sondern auch mit seiner Erfindung „für die Gesellschaft Wissen erreicht und damit Bildung demokratischer gemacht.“

Eingang zum alten Gutenberg-Museum mit dem Schellbau aus den 1960ern. - Foto: gik
Eingang zum alten Gutenberg-Museum mit dem Schellbau aus den 1960ern. – Foto: gik

Genau das schaffe aber auch die Digitalisierung, betonte Sinemus: Auch sie schaffe ein neues Informations-, ein neues Wissenskonzept und neue Bildungskonzepte. „Wir stehen an einem Punkt, wo Information deutlich einfacher, schneller und niedrigschwelliger zur Verfügung steht“, betonte Sinemus: „Das Internet ermöglicht uns, Neuigkeiten von überall auf der Welt zu erhalten, damit haben wir Fortschritte machen können, das kommt uns vielfach zugute.“

Gleichzeitig eröffne das Internet aber auch die Möglichkeit für die einfachere Verbreitung von Fakenews – dagegen müsse die Gesellschaft Verantwortung übernehmen, mahnte Sinemus weiter: „Es ist unsere Aufgabe, die Gesellschaft auf diese ganz besondere Zukunft vorzubereiten.“ Genau dazu bereitete Ludwig im Gutenberg-Museum den Weg – mit dem Brückenschlag zur digitalen Revolution des 21 Jahrhunderts. „Sie haben einmal gesagt: Würde Gutenberg heute leben, er wäre ein Anhänger der E-Culture“, erinnerte Sinemus.

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„Die Moving Types waren eben nicht nur eine Revolution im anbrechenden 16. Jahrhundert“, betonte auch Fest-Laudator Peter Frey, Ex-Chefredakteur des ZDF. Es sei Ludwig gewesen, die „Gutenberg als eine Art Vorläufer von Bill Gates“ sah und damit Ausstellungen wie „Die Gutenberg Galaxie“ oder eben die vielbeachteten „Moving Types“ schuf. Ludwig habe damit Gutenberg entstaubt, dem Gutenberg Museum eine neue, aktuelle Bedeutung gegeben – und Fragen gestellt, die gerade auch für die digitale Zeit große Bedeutung hätten.

„Eine Frau, die sich mit Jahrtausend-Männern anlegte“

Eingang zur Ausstellung "Am 8. Tag schuf Gott die Cloud" im Gutenberg-Museum. - Foto: gik
Eingang zur Ausstellung „Am 8. Tag schuf Gott die Cloud“ im Gutenberg-Museum. – Foto: gik

„Wir ehren heute Abend eine Frau, die sich mit Jahrhundert-, ja Jahrtausend-Männern anlegt“, sagte Frey, „eine Frau, die nicht in Tradition und Unbeweglichkeit verharrt, die Bleibendes schafft, selbst wenn sie geht.“ Frey erinnerte daran, was Ludwig vorfand, als sie 2010 nach Mainz kam: Gutenberg, der berühmteste Sohn der Stadt, habe auf seinem Sockel vor dem Theater gestanden, sei eine Figur in der Fastnacht gewesen – und dennoch irgendwie verstaubt gewesen: „Die Stadtgesellschaft hatte Gutenberg als Maskottchen behandelt – nicht als Revolutionär.“

Annette Ludwig habe dem „Man of the Millenium“ wieder Lebendigkeit eingehaucht und ihn in das Gedächtnis der Stadt zurückgeholt, betonte Frey: „Sie hatten das Ziel, Gutenberg den Rang zurückzugeben, den er verdient.“ Ludwig entwickelte ein neues Konzept für das Gutenberg-Museum, aus einem „Haus der stummen Bücher“ wollte sie „ein Haus der lebendigen Geschichte“ machen – so formulierte sie es selbst schon 2017.

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Doch Ludwig traf nicht nur auf ein verstaubtes Museum, sondern auch auf bürokratische Organisationen und eine behäbige Denkweise, skizzierte Frey: „Sie war ja auch Leiterin des städtischen Amtes mit der Inventarnummer 451“, sagte der Laudator in Anspielung auf die Tatsache, dass das Gutenberg-Museum bis heute organisatorisch ein Amt der Stadt Mainz ist. „Fahrenheit 451 – das ist die Temperatur, bei der Papier zu Brennen beginnt“, sagte Frey mit Blick auf den berühmten gleichnamigen Roman: „Vermutlich ahnten weder Sie, noch die Stadt, welche Hitzeschübe Sie auslösen würden. Es ist niemand verbrannt – aber es war nah dran.“

Hitzige Debatte um Bibelturm erschütterte Mainz – und rüttelte wach

Erhitzte die Gemüter: Der geplante Bibelturm auf dem Liebfrauenplatz, gedacht als Erweiterungsbau für das Gutenberg-Museum. - Grafik: DFZ Architekten
Erhitzte die Gemüter: Der geplante Bibelturm auf dem Liebfrauenplatz, gedacht als Erweiterungsbau für das Gutenberg-Museum. – Grafik: DFZ Architekten

Frey spielte damit auf die heftige Debatte um den Bibelturm an, den geplanten Erweiterungsbau für das Gutenberg-Museum, dessen Debatte 2017 und vor allem 2018 die Stadt aufrüttelte und erschütterte. Der Bibelturm sollte als Erweiterungsbau des Gutenberg-Museums auf dem Liebfrauenplatz entstehen, doch die Pläne für den bronzenen Turm waren ohne die Rechnung der Mainzer gemacht: Die Architektur eines Turms ohne Fenster und Türen stieß auf verständnislose Ablehnung, dazu kam scharfe Kritik, weil den Plänen jegliches fundiertes Finanzierungskonzept fehlte, und zudem die Mainzer den Verlust eines der schönsten Plätze unmittelbar am Mainzer Dom fürchteten.

„Was dann geschah, hat sich ins kollektive Gedächtnis der Stadt eingebrannt“, sagte Frey: Die Mainzer lehnten im ersten Bürgerentscheid der Stadtgeschichte den bronzenen Turm mit der großen Mehrheit von 77,3 Prozent ab. Frey geißelte das am Freitagabend „als Lehrstück über provinzielle Behäbigkeit, als Bestreben einer Stadtgesellschaft, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.“

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Beobachter im Jahr 2018 sahen hingegen: Der Bürgerentscheid wurde von vielen Mainzern nicht nur zur Ablehnung des als „Monstrum“ empfundenen Bauvorhabens, sondern auch als Denkzettel für die Politik der Stadtspitze genutzt: Das Ergebnis des Bürgerentscheids sei doch in erster Linie „eine Absage an die arrogante Politik, Bürger bei wichtigen baulichen Veränderungen in der Innenstadt nicht nur außen vor zu lassen, sondern ihnen auch noch die Kompetenz abzusprechen“, schrieb ein Mainzer damals.

„Herausragende Museumsfrau mit Hartnäckigkeit und Eleganz“

Annette Ludwig im Oktober 2022 mit dem Modell des Museumsneubaus. - Foto: gik
Annette Ludwig im Oktober 2022 mit dem Modell des Museumsneubaus. – Foto: gik

Annette Ludwig schadete die aufgeheizte Debatte indes nicht: Die Direktorin des Gutenberg-Museums erfuhr trotz der Niederlage eher noch mehr Anerkennung in Mainz. Das habe auch daran gelegen, dass Ludwig „einfach weitergemacht“ habe, betonte Frey: „Sie haben gezeigt, wie aus Niederlagen Siege werden können.“ Deshalb ehre man nun „eine herausragende Museumsfrau, die mit Hartnäckigkeit, Zielstrebigkeit und bescheidener Eleganz der Stadt Mainz zweierlei beschert hat“, lobte Frey: Erstens, das Bewusstsein, welchen Schatz man mit Gutenbergs Vermächtnis hüte, und zweitens ein Museum, das dem globalen Rang dieses Mainzers nun auch gerecht werde.

Denn Ludwig hinterlässt eine Stadt, in der nach jahrelangem Ringen nun tatsächlich ein Neubau des Gutenberg-Museums vorbereitet wird – die Ergebnisse des Architektenwettbewerbs wurden im Oktober vorgestellt. Statt eines Erweiterungsbaus wird es nun einen kompletten Neubau des Museums am alten Standort mit hochmodernem Innenleben und umfassendem Präsentationskonzept geben – und Dank des jüngsten Geldsegens mit gesicherter Finanzierung.

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„Eine Niederlage zu überwinden, und daraus neue Energie zu schöpfen, auch das ist preisverdächtig“, sagte Frey. Das neue Museum „wird die Fragen stellen, die wir brauchen, um der neuen Epoche gerecht zu werden“, sagte Frey weiter.

Grosse: „Frau Ludwig war die Frau an meiner Seite“

Marianne Grosse (links) und Annette Ludwig bei der Präsentation der ersten Entwürfe für den Neubau am Gutenberg-Museum. - Foto: gik
Marianne Grosse (links) und Annette Ludwig bei der Präsentation der ersten Entwürfe für den Neubau am Gutenberg-Museum. – Foto: gik

„Unser Gutenberg-Museum ist heute dort, wo es ist, weil Sie es dorthin gebracht haben“, würdigte auch die Mainzer Baudezernentin Marianne Grosse (SPD) Ludwigs Verdienste am Freitagabend während des Festakts. Ludwig sei die Person, mit der sie bis heute die meisten gemeinsamen Veranstaltungen durchgeführt habe. „Wir haben ganze Tage von morgens bis abends gemeinsam bei der Johannisnacht verbracht, wunderbare Preise verliehen und jedes Jahr gemeinsam am selben Stand fleischfrei gegessen“, erinnerte Grosse humorig an die gemeinsame Zeit.

„Ich habe mal scherzhaft Frau Ludwig als ‚die Frau an meiner Seite‘ benannt“, berichtete Grosse. Schließlich seien beide am selben Tag bei der Johannisnacht gegautscht worden, und hätten „Seite an Seite für die Zukunft des Gutenberg-Museums gekämpft“, sagte Grosse: „Die Tatsache, dass wir jetzt auf der Zielgeraden sind, ist zum größten Teil Ihnen zu verdanken.“ Wie beliebt Ludwig noch immer in Mainz ist, ließ sich auch am Freitagabend beobachten: Zum Festakt im Mainzer Dom waren rund 600 Besucher gekommen.

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Der Mainzer Medienpreis ist nicht mit einem Geldpreis verbunden, sondern mit einer künstlerischen Leistung: Die Preisträger werden mit einer Druckgrafik geehrt, die ein künstlerisches Portrait von dem Preisträger schafft. In diesem Jahr schuf die Grafik die Künstlerin Larissa Frömel, die in Mainz in Kunstbezogener Theorie promovierte. Die Grafik wird im Gutenberg-Museum ausgestellt, die Preisträgerin erhält ebenfalls ein Exemplar.

Annette Ludwig (links) mit ihrer Druckgrafik und der Künstlerin Larissa Frömel. - Foto: gik
Annette Ludwig (links) mit ihrer Druckgrafik und der Künstlerin Larissa Frömel. – Foto: gik

Annette Ludwig ist die nunmehr sechste Preisträgerin des Mainzer Medienpreises, ausgewählt wurde sie von einer 13-köpfigen Findungskommission – insgesamt hatte es sechs Vorschläge gegeben, wie der Mainzer Publizistik-Professor Gregor Daschmann berichtete. Die Auswahl sei einstimmig erfolgt: „“Wer sich um dieses Museum verdient macht, macht sich auch um die Medienstadt Mainz verdient“, betonte Daschmann. Der Mainzer Medienpreis 2022 stand unter der Schirmherrschaft des Bistums Mainz und der Initiative Römisches Mainz e.V. (IRM).

12 Jahre Wirken im Dienste Gutenbergs

„Ich bin absolut überwältigt“, sagte Ludwig schließlich, und zitierte den Kabarettisten Gerhard Polt: „Jeder Preis sucht unerbittlich einen Träger.“ Sie sei „wirklich dankbar, dass ich den langen Weg zu einem neuen Museum prägen und begleiten konnte“, betonte Ludwig zudem. Das lange Beharren und der teilweise „schmerzliche Prozess“ seien wichtig gewesen, um ein neues Bewusstsein für das Museum zu schaffen, „und einen neuen Begriff von Kultur zu entwickeln.“

Die ehrenden Worte begreife sie auch als Ansporn, „die Zuversicht nicht zu verlieren, dass die Arbeit gesellschaftliche Relevanz besitzt und sie auch künftig behält“, betonte Ludwig weiter: „Das Museum, wie ich es verstehe, ist kein Selbstzweck, sondern der Gegenwart verpflichtet.“ Nach 12 Jahren Wirken im Dienste Gutenbergs sei ihr der Weg nach Weimar nicht leicht gefallen, sagte Ludwig noch, und zitierte am Ende die Fastnachtsfigur „Guddi Gutenberg“: „Es waren 12 wunderbare Jahre für mich – und es war mir eine Ehre.“

Info& auf Mainz&: Mehr zu Annette Ludwig, ihrem Wirken und ihrem Wechsel nach Weimar lest Ihr hier bei Mainz&. Alle Entwicklungen rund um das neue Gutenberg-.Museum findet Ihr auch in unserer Mainz&-Rubrik Gutenberg&.

 

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