In Deutschland wird die Gefährlichkeit der Lungenkrankheit Covid-19, die durch das neue Coronavirus ausgelöst wird, noch immer unterschätzt. Nur 41 Prozent sähen laut einer Studie der Universität Erfurt Covid-19 als eine gefährliche Krankheit an, sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, am Dienstag in Berlin, und mahnte: „Ich möchte alle Menschen bitten, diese Krankheit ernst zu nehmen. Es ist eine gefährliche Krankheit und je mehr Menschen das einsehen, umso besser werden sie sich schützen.“ Die Zahl der Infizierten steigt in Deutschland weiter schnell, am Dienstagabend lag sie nach Angaben der Johns Hopkins Universität bei knapp 71.000 – das waren binnen 32 Stunden 10.000 neue Infizierte. Im Kampf gegen die Weiterverbreitung des Virus wirbt die Politik jetzt doch für das Tragen von Mundschutzmasken.

RKI-Präsident Lothar Wieler bei einer Pressekonferenz in Berlin. - Screenshot: gik
RKI-Präsident Lothar Wieler bei einer Pressekonferenz in Berlin. – Screenshot: gik

RKI-Präsident Lothar Wieler wurde sehr eindringlich: „Es ist wirklich wichtig, dass alle Menschen verstehen, dass es sich um eine schwerwiegende Erkrankung handelt“, mahnte Wieler bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Berlin, und klagte: „Das Ausbruchsgeschehen wird insgesamt von vielen Deutschen noch immer als Medienhype wahrgenommen, das ist bedauerlich.“ Denn wer die Coronapandemie lediglich als Medienhype ansehe, nehme die Krankheit weniger ernst – und sei folglich auch weniger bereit, sich und andere davor zu schützen. „Ich möchte alle Menschen bitten, diese Krankheit ernst zu nehmen“, warnte Wieler: Covid-19 sei „eine gefährliche Krankheit, und je mehr Menschen das einsehen, umso besser werden sie sich schützen.“

Tatsächlich halten sogar jetzt noch nur 41 Prozent der Deutschen Covid-19 für eine gefährliche Krankheit, das ergab eine Studie der Universität Erfurt, die gemeinsam mit dem RKI, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sowie weiteren renommierten Forschungsinstituten erstellt wird. Bei dem COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO) wird mit fortlaufenden Befragungen untersucht, wie sich Wissen, Risikowahrnehmung, Schutzverhalten und Vertrauen während des aktuellen COVID-19 Ausbruchsgeschehens in der deutschen Bevölkerung entwickeln.

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Wie die Deutschen die Gefahr durch das Coronavirus für sich selbst einschätzen - Grafik der Erfurter COSMO-Studie
Wie die Deutschen die Gefahr durch das Coronavirus für sich selbst einschätzen – Grafik der Erfurter COSMO-Studie

Und mit der Entwicklung zeigte sich Wieler alles andere als zufrieden: Zwar herrscht der Studie zufolge in der Bevölkerung ein guter Basis-Wissensstand über die Erkrankung Covid-19, doch offenbar unterschätzen fast 60 Prozent die Schwere der Erkrankung noch immer – ein Drittel nimmt sie so gut wie gar nicht ernst. Wer älter und chronisch krank ist oder im Gesundheitswesen arbeitet, denkt eher, dass die Erkrankung für ihn schwerwiegend verlaufen könnte, aber nur rund 37 Prozent halten sich selbst für anfällig. „Wieder ist zu beobachten, dass vor allem ältere Personen ihre Erkrankungswahrscheinlichkeit als geringer einschätzen als jüngere Personen“, heißt es bei COSMO weiter – junge und gesunde Menschen wiederum unterschätzen die schwere der Krankheit hingegen öfter. Gerade ältere Menschen hielten sich selbst für sehr robust und zeigten weniger Schutzverhalten, warnte Wieler.

Das könnte auch an der bislang ausgesprochen niedrigen Sterberate in Deutschland liegen: Derzeit liege die Sterblichkeitsrate in Deutschland bei 0,8 Prozent sagte Wieler – in Ländern wie Italien liegt sie hingegen bei weit über 6 Prozent. Italien zählte Dienstagnacht bereits mehr als 12.400 Tote, in Deutschland stieg die Zahl laut Johns Hopkins Universität auf 682. Doch das werde nicht so bleiben, warnte Wieler – derzeit habe Deutschland viele jüngere Infizierte aus der gesunden Population, doch das werde sich ändern. „Ich gehe nach wie vor davon aus, dass die Sterberate weiter steigen wird“, sagte Wieler.

Mit dem Zuhause-Bleiben tun sich die Deutschen schwer. - Foto: gik
Mit dem Zuhause-Bleiben tun sich die Deutschen schwer. – Foto: gik

Es sei deshalb sehr wichtig, die Covid-19-Lungenkrankheit ernst zu nehmen und die Schutzmaßnahmen konsequent einzuhalten, mahnte der RKI-Präsident – doch in Deutschland klaffe eine deutliche Lücke zwischen Wissen und tatsächlichem Verhalten. Der Cosmo-Studie zufolge wissen zwar 92 Prozent, dass sie zuhause bleiben sollen, wenn sie krank sind – nur 77 Prozent gaben aber an, das auch tatsächlich zu tun. Schlimmer noch: 89 Prozent wissen zwar, dass man sich bei Symptomen in Selbst-Quarantäne begeben soll, aber nur 63 Prozent tun es. Wer wahrnehme, dass sich auch andere an die Regeln hielten, der halte sich selbst auch besser an die Schutzmaßnahmen, bilanzierte die Studie weiter. Vor allem Jüngere dächten eher, dass andere sich nicht an Schutzmaßnahmen hielten – und handelten dann oft selbst so.

Dass sich nur 63 Prozent der Infizierten in Selbstquarantäne begeben würden, „das ist nicht gut“, betonte Wieler: „Bitte verstehen Sie, dass es sinnvolle Maßnahmen sind, diese Säule ist sehr, sehr wichtig.“ Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sagte am Dienstag, eine Lockerung der Maßnahmen zu verkünden, sei „wirklich nicht angezeigt.“ In Rheinland-Pfalz gab es am Dienstagmittag nach Angaben des Gesundheitsministeriums 2.839 bestätigte Covid-19-Fälle, 22 Menschen waren gestorben. In Mainz gibt es aktuell 187 Fälle, im Kreis Mainz-Bingen 117. „Wir brauchen Geduld“ , mahnte Dreyer.

Gerade am sonnigen Wochenende fiel es vielen Menschen schwer, die Regeln zu Kontaktverbot und Zuhause-Bleiben einzuhalten, Parks, Rheinufer und Ausflugsziele waren voll. Politiker und Virologen warnen derweil, Deutschland stehe erst am Beginn der Pandemie – und das Schlimmste könnte dem Land noch bevorstehen. Die größte Welle an Infektionen und wahrscheinlich auch an Todesfällen werde noch kommen, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach von der „Ruhe vor dem Sturm“– die Zahl der Todesfälle verdoppelte sich binnen der vergangenen vier Tage.

Mund-Nasen-Maske von Starkapp in Mainz. - Foto: Kindling
Mund-Nasen-Maske von Starkapp in Mainz. – Foto: Kindling

Angesichts der stetigen Anstiegs empfiehlt die Politik jetzt eine Maßnahme, die sie vor vier Wochen noch vehement ablehnte: Mund-Nasen-Gesichtsmasken. Hieß es vor wenigen Wochen noch, nein, solche Masken würden überhaupt nicht vor dem Coronavirus schützen und seien deshalb überflüssig, schwenken Politik und Wissenschaftler nun um. „Wir wollen animieren, Schutzmasken zu tragen und zu nähen“, sagte Dreyer am Dienstag, lehnte aber eine Mundschutzpflicht ab – wie sie Österreich gerade landesweit einführte.

Noch Ende Februar hatte das Robert-Koch-Institut öffentlich propagiert, Desinfektion und Mundschutz seien im Alltag unnötig, Wasser und Seife reichten zum Schutz aus – es gebe „keinen wissenschaftlichen Hinweis“, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im Alltag Sinn mache. Inzwischen heißt es hingegen beim RKI, ein mehrlagiger Mund-Nasen-Schutz könne helfen, das Risiko der Ansteckung einer anderen Person zu verringern. Hintergrund ist der Übertragungsweg des Coronavirus: Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich das Virus in allererster Linie über Tröpfcheninfektion verbreitet, also bei Sprechen, Husten oder Niesen von Mensch zu Mensch gelangt.

Einen aktiven Schutz gegen eine Infektion von außen bieten für den Träger nur sogenannte FFP-2-Masken mit Atemventilen, doch inzwischen setzt sich auch in Deutschland die Erkenntnis durch, dass das flächendeckende Tragen von Mundschutzmasken wie in asiatischen Ländern eben durchaus auch sinnvoll ist: Diese Masken nämlich verhindern, dass ein infizierter Menschen andere anstecken kann, oft unwissend, weil er selbst von seiner Infektion noch gar nichts weiß. Laut dem Bonner Virologen Hendrik Streeck erfolgen 40 Prozent alle Covid-19-Infektionen in der Zeit, in der die Infizierten keine Symptome haben und meist selbst nicht wissen, dass sie infiziert sind.

Da aber Mundschutzmasken seit Wochen weltweit ausverkauft sind, macht sich Deutschland nun auf, selbst Masken zu nähen. Die Mainzer Narrenkappen-Schneiderin Sylvia Kindling tut es bereits, andere Mainzer folgen inzwischen – sogar das Mainzer Staatstheater näht inzwischen Masken, gemeinsam mit der Mainzer Designerin Anja Gockel.

Info& auf Mainz&: Mehr Informationen, wie man sich und andere vor dem Coronavirus schützen kann, findet Ihr hier bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, eine Zusammenfassung, was wir über das Coronavirus und Covid-19 wissen, findet Ihr hier in unserem Mainz&-FAQ. Die COSMO-Studie findet Ihr komplett hier im Internet. Ein umfangreiches Dossier über das Coronavirus mit allen Entwicklungen findet Ihr hier auf Mainz& – bitte vergesst nicht, Euch durch die Seiten zu blättern, den Button dazu findet Ihr am Ende der Seite.

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1 KOMMENTAR

  1. Die Immobilisierung in Quarantäne kann bei vorgeschädigtem Gefäßsystem Thrombosen begünstigen, also Infarkt, Embolie, Apoplexie. Deshalb durchaus an der frische Luft bewegen, aber auf keinen Fall feucht-fröhliches Ramba-Zamba-Gedränge von der Sorte Fankurve oder Après-Ski. Der einfache Mundschutz hemmt nur die Verbreitung eigener Keime und dient nicht der Infektabwehr. So verantwortungsvoll sind z.B. erkältete Japaner schon immer. Sollte man grundsätzlich überlegen und übernehmen anstatt in der Gegend herumzuprusten. Leider kann man den Menschen ein differenziertes Verhalten nicht beibringen so dass wirklich nur die große Disziplinierung hilft. Mal sehen, was am Wochenende wieder abgeht. Da wird so manche sozialadäquate Entsorgung eingeleitet.

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