Wie genau klang eigentlich die Antike? Es liegt in der Natur der Sache, dass historische Zeugnisse über Tausende von Jahren eher in Stein oder Ton überliefert werden, das birgt ein Problem: Eine Vorstellung davon, wie laut oder leise die Antike war, haben wir nicht. Doch Forscher wissen: Die Römer liebten Musik und sogar Chorgesang, das Schmettern von Instrumenten war allgegenwärtig, ebenso Lieder aller Art: Soldatenlieder und Trinklieder, anspruchsvolle Musik, Sakralmusik oder Fanfaren bei Triumphen. Im Mainz der Neuzeit erklingt nun wieder ein Hymnus an den Sonnengott Helios – passend zur Wintersonnenwende ist das unser Mainz&-Adventskalender-Türchen Nummer 20.

Der Musikarchäologe Hagen Pätzold 2023 im Römischen Bühnentheater in Mainz mit dem Original-Nachbau eines antiken Cornu. - Foto: gik
Der Musikarchäologe Hagen Pätzold 2023 im Römischen Bühnentheater in Mainz mit dem Original-Nachbau eines antiken Cornu. – Foto: gik

Es war im 2. Jahrhundert nach Christus, als der Grieche Mesomedes seinen Hymnus an den Sonnengott Helios komponierte: „Höre, Höchster, Titan des goldenen Lichts, Iperion, Licht des Himmels“ heißt es darin, „Vater der Morgenröte, Belohner der Gläubigen, Bestrafer der Ungläubigen, Du mit der goldenen Lyra, der das harmonische Rennen des Kosmos dirigiert, Herr des Universums, Bringer des Lichts“ – wir haben den Hymnus ein bisschen paraphrasiert und selbst übersetzt, den ganzen Text findet Ihr hier auf Englisch.

Der gebürtige Grieche Mesomedes war Hofkomponist des römischen Kaiser Hadrian in eben jener Zeit, in der der Mithras Kult des ursprünglich aus Persien stammenden Sonnengottes im Römischen Reich weit verbreitet war, und sich mit dem römischen Sonnengott Sol und dem griechischen Helios zu „Sol Invictus“ vermischte – das Fest der Wintersonnenwende am 21. Dezember war ein wichtiger Feiertag der Jünger des Mithras. Und man darf getrost annehmen, dass Mesomedes Hymnus dann auch in Mainz erklang, vielleicht in Tempeln, vielleicht ja auch im großen Bühnentheater am Südrand von Mogontiacum.

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Musik der Römer: Von Spottliedern bis religiösen Hymnen

Wie der Hymnus einst klang, kann man heute wieder erleben: Der Musikarchäologe Hagen Pätzold erforscht seit vielen Jahren den Klang der Antike – und er macht ihn lebendig: Seit 2023 führte Pätzold mehrfach in Mainz auf Nachbauten antiker Instrumente vor, wie die Musik der Antike geklungen haben könnte – den Hymnus des Sonnengottes spielt Pätzold etwa auf dem Nachbau eines Cornu, das in den Ruinen von Pompeji gefunden wurde. Gespielt wurde der Hymnus des Sonnengotte „nicht für militärische Zwecke, sondern für kultische, politische und sakrale Zwecke“, erklärte Petzold den Mainzern schon bei der Feier 20 Jahre Isistempel im September 2023.

Die Kithara, Nachbau der Abbildung des antiken Orpheus-Mosaiks von Gerd Rupprecht (rechts), mit Christian Vahl. – Foto: Vahl
Die Kithara, Nachbau der Abbildung des antiken Orpheus-Mosaiks von Gerd Rupprecht (rechts), mit Christian Vahl. – Foto: Vahl

Generell dürfte es in der Antike durchaus laut und fröhlich zugegangen sein: Die Römer liebten Musik. Aus Tavernen klangen deftige Sauf- und Trinklieder, gerne auch Spottlieder auf die Mächtigen. Zum Abendessen, der Cena, gab es gepflegte Tafelmusik, gespielt auf der Kithara oder Lyra und untermalt vielleicht mit einer Flöte. Auf Festen durfte laute Musik mit Trommeln und Trompeten nicht fehlen, auch Spektakel in der Arena wurden gerne mit dramatischen Klängen untermalt, und natürlich war Musik in Tempeln und bei offiziellen Ritualen ein wesentlicher Bestandteil.

Die meisten Instrumente seien keine römische Erfindung gewesen, sagt Pätzold, vielmehr übernahmen die Römer Musikinstrumente von den Ägyptern und Etruskern und natürlich den Griechen. Von ihnen übernahmen die Römer etwa die Kithara, den Vorläufer von Gitarre und Harfe – in Rom wurde sie zur Lyra. Wie eine solche aussah, könnt Ihr derzeit im Schaufenster der Mainzer Kunstgalerie in der Altstadt bewundern: Dort ist ein Nachbau einer original römische Lyra zu sehen, die der frühere Landesarchäologe Gerd Rupprecht anfertigen ließ – nach dem Vorbild des Orpheus-Mosaiks.

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Pythagoras und die Gitarre, Sikilos und die älteste Liedkomposition

Der Grieche Timotheus von Milet habe die Saitenzahl auf 12 gesteigert, weiß Pätzold zu berichten – und wer hätte gedacht, dass der antike Mathematiker Pythagoras sich nicht nur mit mathematischen Grundsätzen beschäftigte, sondern auch Berechnungen für das Stimmen von Gitarrensaiten erstellte? Die Kithara jedenfalls, erste Vorläuferin der Gitarre, wurde nach der Pythagoras-Methode gestimmt, Pätzold spielt auf ihr gerne eine der ersten bekannten Kompositionen überhaupt: Das Lied des Seikilos.

Der Musikarchäologe Hagen Pätzold mit dem Nachbau einer Kithara, in Rom auch Lyra genannt. - Foto: gik
Der Musikarchäologe Hagen Pätzold mit dem Nachbau einer Kithara, in Rom auch Lyra genannt. – Foto: gik

Die Sikilos-Stele ist ein altgriechischer Grabstein aus Tralleis in Kleinasien, auf dem die Vorform einer musikalischen Notation gefunden wurde, weiß man bei Wikipedia. Gefunden 1883 bei Ausgrabungen, wurde sie von einem gewissen Sikilos errichtet, wohl im 2. Jahrhundert nach Christus – und der ließ eine Strophe eines Trinklieds einmeißeln, die an Oterpe gerichtet war – die Muse der Musik.

Auf der Stele fand sich aber nicht nur die Strophe selbst, sondern auch die Noten für die Melodie des Liedes. Das Lied des Seikilos gilt deshalb als älteste vollständige erhaltene Komposition eines Musikstückes, passenderweise mahnt es: „Solange du lebst, tritt auch in Erscheinung. Traure über nichts zu viel. Eine kurze Frist bleibt zum Leben. Das Ende bringt die Zeit von selbst.“ Wie das klang, könnt Ihr hier in diesem Video auf unserer Mainz&-Facebookseite erleben.

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Flöte und Sistrum im Tempel der Isis: Die Feinde gibt es nicht mehr

Kontemplativ ging es meist auch zu, wenn Flöten und Sistrum erklangen: Die Flöte ist das wohl älteste Musikinstrument der Menschheit, gespielt wurde sie oft im kultischen Kontext, in Tempeln und wenn Weihrauch zu Ehren der Götter verbrannt wurde. Dann erklang auch das Sistrum, die mehrstimmige Rassel. „Durch das Sistrum wurde das Gehör der Gottheit geöffnet“, weiß Pätzold zu berichten – in jedem Fall wird die Rassel, die man schon in babylonischer Zeit kannte, im Isistempel von Mogontiacum erklungen sein.

Vorführung von römischer Musik auf Nachbauten originalgetreuer Instrumente im antiken Römischen Bühnentheater in Mainz im Juni 2023. - Foto: gik
Vorführung von römischer Musik auf Nachbauten originalgetreuer Instrumente im antiken Römischen Bühnentheater in Mainz im Juni 2023. – Foto: gik

Denn im Kontext der Isis-Verehrung gebe es da eine kleine Weise aus ägyptischer Zeit, erzählt Pätzold, eine Weise an ihren Gemahl Osiris, die da lautet: „Kommet zu mir nach Hause, du Pfeiler Heliopolis/ Denn die Feinde gibt es nicht mehr/ Oh, du schöner Sistrumspieler,/ Ich bin Isis, deine Schwester, die dich liebt!“

Doch öfter noch war die Musik laut und durchdringend, bei Festen etwa oder auf feierlichen Umzügen – und erst Recht beim Militär: „Bis zur Erfindung des Funkgeräts im Ersten Weltkrieg waren Blasinstrumente unabdingbare Mittel der Feldherren, um Befehle zu übermitteln“, berichtet Pätzold. Trompeter und Hornisten gaben Signale zu Angriff und Rückzug, zum Aufbruch und zur Pause, zum Wecken, zum Essen und zum Beginn der Nachtwache – die Uhr der Antike.

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Tuba und Cornu: Militärsound und Ennius, der Popstar der Antike

Das Cornu wurde dafür verwendet, aber ebenso die Tuba, ein längliches Röhreninstrument und der Vorläufer unserer heutigen Trompete. Schmetternd-laut konnte die Tuba erklingen, Pätzolds spielt einen Originalnachbau eines eben solchen Instruments, das bei Orléons in Frankreich in der Loire gefunden wurde – als Votivgabe an die Götter. Wie das einst geklungen haben könnte, könnt Ihr hier in diesem Video auf unserer Mainz&-Facebookseite anhören – Pätzold präsentiert da das berühmte „Tarantara“ des Quintus Ennius.

Hagen Pätzold präsentiert einen Nachbau einer antiken Tuba, rechts eine Kithara. - Foto: gik
Hagen Pätzold präsentiert einen Nachbau einer antiken Tuba, rechts eine Kithara. – Foto: gik

Der Mann wurde um 239 vor Christus in Apulien geboren und war eigentlich Schriftsteller, Senator Cato soll ihn 204 vor Christus nach Rom eingeladen haben, weiß man beim Geschichtsportal „Damals“. Ennius wurde in Rom ein Popstar, „er mischte den Kulturbetrieb auf, führte den gediegenen Hexameter auch im Lateinischen ein und verfasste ein gewaltiges Epos: die „Annalen“. In 18 Büchern besang er Roms Geschichte bis zu seiner eigenen Zeit“, heißt es bei dem Geschichtsmagazin.

Noch 150 Jahre später gehörten seine Werke zum Literaturkanon eines gebildeten Römers, und er gilt bis heute als Begründer der lateinischen Poesie. Den Klang der Tuba beschrieb er als schrecklich, sein „Tarantara“ für die Tuba wurde dennoch berühmt: Es ist eine Lautmalerei, die den schallenden, schrecklichen Klang einer Tuba nachahmt, „um die Kraft und den Lärm der antiken Kriegsführung darzustellen“, heißt es bei Googles KI. Bei Hagen Pätzold klingt die Tuba eher rein und klar – was Ihr hier hören könnt.

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Wintersonnwende: Beschwörung für den Hüter des Lichts

Aber natürlich müssen wir am Vortag der Wintersonnenwende mit dem Hymnus an den Sonnengott Helios enden, der Beschwörung für die Wiederkehr des Lichts in der dunkelsten Zeit des Jahres:

„Herr des Universums, Spieler der Panflöte, der Du Dich in einem Zirkel drehst. 
Bringer des Lichts, Formwandler, Spender des Lebens, fruchtbarer Paian,
ewig jugendlich und unberührt, Vater der Zeit, unsterblicher Zeus,
Friedensbringer, Strahlend für Jedermann, Auge des Kosmos, allsehend,                        das aufleuchtet und verlischt mit wunderschönen Strahlen,
Maß der Gerechtigkeit, der die Flüsse liebt, Herr über den Kosmos,
Hüter der Loyalität, ewiger Höchster, Helfer der Welt,
Auge der Gerichtsbarkeit, Licht des Lebens, o Du, der Du die Pferde führt,
der Du mit dem volltönenden Knall der Peitsche die Quadriga lenkst:
Höre unsere Worte, und den Eingeweihten zeige das süße Leben.“ 

Sonnengott Helios mit seinem Sonnenwagen und der Pferde-Quadriga. - Foto: Hellenismo-Blog
Sonnengott Helios mit seinem Sonnenwagen und der Pferde-Quadriga. – Foto: Hellenismo-Blog

Wir wünschen allen Mainz&-Lesern einen schönen 4. Advent!

Info& auf Mainz&: Den ganzen Hymnus an Helios haben wir hier im Internet auf Englisch gefunden und den Anfang verwendet und selbst übersetzt. Dieser Adventskalender entsteht in Kooperation mit dem Verein Rettet das Römische Mainz“, der Mainz& mit Informationen und Fotos unterstützt. Alle Türchen unseres Römischen Adventskalenders findet Ihr hier auf Mainz&.